Diskurs

Gebt dem Kaiser … zum Verhältnis Mensch, Gott, Staat/Herrschaft in der Bibel XII

Der Obrigkeit untertan?

Im Lichte des Evangeliums …

Eine der wirkungsgeschichtlich problematischsten Stellen im Blick auf das Verhältnis der Kirchen zum Staat steht im Brief des Paulus an die Römer. In Kapitel 13 wird die staatliche Macht ausdrücklich als Dienerin Gottes gewürdigt, die das Schwert nicht umsonst trägt.

»Jede Seele unterwerfe sich den übergeordneten Mächten. Denn es ist keine Macht außer von Gott, und die bestehenden sind von Gott verordnet. Wer sich daher der Macht widersetzt, widersetzt sich der Anordnung Gottes; die aber widerstehen, werden ein Urteil empfangen.«

Es ist auf der einen Seite spannend zu beobachten, welche biblischen Aussagen eine starke Wirkung entfalten und welche marginalisiert bleiben — vor allem im politischen Diskurs. (Bis heute spielt die Aussage Jesu, dass er in den Fremden komme, für das Handeln der CDU keine Rolle — es sei denn, dass die Verantwortlichen in der Partei für Jesus nur Verachtung und Ablehnung übrig haben. Der Ausspruch des Paulus, wonach der nicht essen solle, der nicht arbeite, wird dagegen immer wieder mal zur Begründung des Abbaus von Sozialleistungen vorgebracht.)  Auf der anderen Seite ist es aber nicht verwunderlich, dass gerade diese Stelle eine so fundamentale Rolle für die Verhältnisbestimmung Staat — Kirche und Staat — einzelne*r Gläubige*r gespielt hat. Sie bekam geradezu eine heuristische Funktion. In ihrem Licht wurden andere Texte gedeutet — etwa die Geschichte vom Steuergroschen. Denn das Steuerzahlen wurde in V. 6 fast zur christlichen Pflicht und Tugend erklärt.

Dabei ist durchaus fraglich, ob diese Stelle wirklich so geeignet ist, das Verhältnis zwischen Christ*innen/ Kirche und Staat als ein Verpflichtet-Sein der einen gegenüber dem anderen zu beschreiben. Im Kontext der paulinischen Theologie und des Römerbriefes ist dies deutlich weniger eindeutig. 

Paulus stellt sich der Gemeinde in Rom, die ihm noch unbekannt ist, in seinem Brief vor als Sklave Jesu Christi, der berufen ist zum Apostel durch den Kyrios (Herrn) Jesus Christus. Das ordnet die Loyalität schon einmal ein. Nicht der Herr, der auf dem römischen Thron sitzt, ist letzte Autorität, der Paulus sich verpflichtet weiß. Im Folgenden führt Paulus die Verlorenheit aller Menschen unter die Sünde aus, die alle im gleichen Maße betrifft. Er beschreibt das Scheitern des Gesetzes im Versuch, die Menschen aufzurichten und zu retten und kommt dann zu der fundamentalen Aussage, dass, wer an Jesus Christus glaube und auf seinen Namen getauft sei, mit diesem in den Tod getauft und damit der Sphäre dieser Welt gestorben sei. 

Paulus ist kein Apokalyptiker, aber auch er lebt in der Erwartung des sehr nahen Endes der Welt. Und deshalb seien die Belange dieser Welt nicht mehr von Belang — und für Tote sind sie es ohnehin nicht. Wer getauft ist, ist der Welt gestorben und was sie oder er lebt, leben sie Gott. Damit ist das Verhältnis zur Welt und zu allem, was Teil dieser Welt ist — auch zum Staat — geklärt. Es gibt keines. Da aber Christ*innen in dieser Welt eine Aufgabe haben — Christus zu verkünden — müssen sie sich aber in dieser Welt und mit dieser Welt arrangieren. Dabei ist nicht die Welt besser zu machen, sondern eher die Möglichkeiten zu nutzen, um in dieser Welt der ureigenen Aufgabe nachzukommen. 

Wer herrscht, ist Gottes Sache, der Könige ein- und absetzt. In diesem Vorfindlichen sollen sich Christ*innen unterordnen. Nicht als solche, die sich am Staat beteiligen, denn der Staat geht sie nichts an. Wenn sie sich aber den Pflichten verweigern, gefährden sie ihre Möglichkeiten, ihrer Aufgabe nachzukommen. 

Die Pflicht zum Gehorsam bezieht sich dabei ausdrücklich nicht auf religiöse Angelegenheiten. Wenn der Kaiser ein Opfer fordert oder zu Verbrechen aufruft — oder eine Partei heute die Menschenwürde in den Dreck treten will und die Kirchen kritisiert, weil diese sich dagegen stellen — also religiös-pathetisch zur Sünde auffordert, ist Widerspruch unabdingbar. Die Gehorsamspflicht, die Paulus hier formuliert, ist also eine ordnungspolitische, keine theologische. 

Paulus verbindet in gewisser Weise die beiden Linien — der König als von Gott installiert und ein unüberbrückbarer Gegensatz zwischen Welt und Christ*in. Und dies tut er in Erwartung des baldigen Endes der Weltzeit. Und mit dem Ende der Weltzeit verschwinden Kaiser, Staat und Ordnung im Aufscheinen des Reiches Gottes, deren Bürger*innen Christ*innen schon sind.

Auch so und ohne seine Wirkungsgeschichte ist der Gedanke des Paulus noch ausreichend problematisch. Durch das Ausbleiben des Weltendes und der Einsetzung der Verbürger*innenlichung der Kirche entsteht aber eine unheilvolle Dynamik. In den nachpaulinischen Pastoralbriefen (Timotheus) wird ein geradezu devotes Christentum propagiert — damit wir ein stilles Leben führen ohne Anstoß zu erregen. Das ist geradezu der feuchte Traum aller Diktaturen und totalitären Regime. Eine solche Kirche ist für niemanden ein Problem — wie auch der Rabe in Animal Farm gut vom Tisch der Schweine lebt. Paulus wäre sicher erstaunt und empört, dass solche Vorstellungen auf ihn zurückgeführt werden. Denn Paulus ist nicht auf Akzeptanz und Versöhnung mit den Verhältnissen aus, sondern auf ihre Überwindung. Aber er denkt das nicht apokalyptisch wie es in der Offenbarung des Johannes vorgeführt wird. Da ist Rom die Hure Babel — die Feindin Gottes, mit der jede Kooperation ins eigne Verderben führt, mit der es keinen Kompromiss geben kann und die am Ende nicht überwunden, sondern vernichtet wird.

Während die Apokalyptik vor allem in Splittergruppen eine Rolle spielt, wird für den Hauptstrom der Kirche die Pauluslinie in ihrer vulgären Interpretation dominant. Das wird Thema des zweiten Teils des Blogs sein.

Fortsetzung folgt …

Arbeitsbereich Theologie & Politik
Denk­bewegungen
res publica

Paul F. Martin

Studienleitung Theologie/ Gesellschaft/ Kultur

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