Diskurs

Gebt dem Kaiser … zum Verhältnis Mensch, Gott, Staat/Herrschaft in der Bibel VII

Gott oder Kaiser – apokalyptische Weltverwerfung

Im Lichte des Evangeliums …

Das Weltverhältnis erfährt in der nachexilischen Zeit eine fundamentale Veränderung. Israel erlebte eine Wiedergeburt, ein neuer Tempel wurde gebaut, und die Beziehung zwischen Gott und Volk wurde mit einem neuen Bund verlässlich geregelt. Für diesen Bund spielte die Schrift nunmehr die entscheidende Rolle.

Die positive Grunderfahrung, dass die Treue zu Gott einherging mit Souveränität und Wohlstand, hielt allerdings nicht an. Die Krise der sogenannten Alten Weisheit, wonach auf gutes Tun gutes Leben und auf böses Tun böses Leben folge, zeigt sich schon im Buch Hiob. Allerdings wird es bei Hiob noch als Prüfung des Gottesfürchtigen erzählt.

Unter dem Seleukidenherrscher Antiochos IV. Epiphanes, der im Jerusalemer Tempel einen Zeusaltar aufstellen ließ, wurde gerade die Treue zum Gott Israels – die Israel so lange vermissen ließ und aufgrund derer es als Strafgericht das Exil erdulden musste – geradezu lebensgefährlich. Nicht mehr Abfall oder Untreue zerstörten das Weltgefüge. Dieses Gefüge selbst wurde als gottfeindlich erfahren – als Ort fundamentaler Ungerechtigkeit und Gottesferne. Treue zu Gott und seinen Geboten führte zu Unterdrückung und Verfolgung bis zum Tod der Frommen.

In diesem Zusammenhang gewinnt das apokalyptische Denken an Bedeutung. Die Welt und die Weltenzeiten stehen in einem unversöhnlichen Widerspruch zu Gott. Und das Ziel ist nicht mehr die Erneuerung des Reiches, sondern die Überwindung der Welt und der Heraufbruch des neuen Zeitalters Gottes und seiner Herrschaft.

Zwar stehen auch die gottfeindlichen Herrscher unter der Souveränität Gottes, der ihren Reichen Zeit und Frist setzt. Aber sie sind widergöttlich und nicht seine Diener – wie es von König Kyros erzählt wird. Sie sind Teil eines Unheilsgeschehens, und ihre Herrschaft wird zu einer Prüfung der Frommen. In der drastischsten Formulierung ließe sich sagen, dass Gehorsam ihnen gegenüber Ungehorsam gegenüber Gott sei. Wer sich auf diese Welt einlässt, verrät Gott und fällt unter sein Urteil und Gericht.

Apokalyptisches Denken gibt es nicht nur im Frühjudentum und Urchristentum. Ansätze dieses Denkens sind älter. Aber dieses Denken setzt noch einmal einen radikalen Gegenpunkt: Nicht nur sind Könige und Fremdherrscher keine Diener Gottes – wiewohl sie ihm dienen müssen –, sondern Feinde Gottes, und ihre Weltreiche sind Gegenmächte zum Reich Gottes, das am Ende triumphiert – nicht, indem es die Weltreiche erneuert, sondern indem es sie vernichtet.

Diese Vorstellungen werden variiert. Der Widerspruch, der zwischen dieser Welt und der Welt Gottes postuliert wird, setzt jedoch einen Ton, der das Verhältnis der Kirche zu Staat, Macht und Welt prägt. Die Spannung, die damit erzeugt wird, führt zu vielen Konflikten in der Geschichte der Kirchen. Sie lässt sich nicht auflösen. Vielmehr bleibt das apokalyptische Denken – wie auch schon die fundamentale Königskritik – ein Stachel in kirchlicher Dogmatik und Praxis.

Am Übergang zum Neuen Testament sowie zum Urchristentum und zur Alten Kirche sehen wir also zwei dominierende, widersprüchliche Vorstellungen, die sich in den biblischen Texten finden: der König als Diener Gottes und sogar die heidnischen Herrscher als von Gott eingesetzt und legitimiert auf der einen Seite – und der König als Widersacher oder die Herrscher als Feinde Gottes auf der anderen Seite.

Aus diesen Zuschreibungen ergibt sich jeweils ein entsprechendes Verhältnis: Verpflichtung zu Gehorsam oder zu Widerstand. Der Gehorsam bezieht sich nicht auf das Verhältnis zu Gott. Auch wenn der König Diener Gottes ist, steht Gott – und damit die Treue zu Gott – über dem Gebot des Gehorsams gegenüber dem Herrscher. Der Widerstand dagegen bezieht sich auf alles. Mit dem Feind Gottes gibt es keine gemeinsamen Interessen.

Obwohl sich diese Positionen nicht verbinden lassen, stehen sie verbunden in dem einen Buch, das zum Maßstab für Dogma und Praxis der Kirche wird. Wie die Kirchen damit umgehen, wird Inhalt der kirchengeschichtlichen Betrachtungen sein.

Fortsetzung folgt …

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Paul F. Martin

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