Diskurs

Gebt dem Kaiser … zum Verhältnis Mensch, Gott, Staat/Herrschaft in der Bibel VI

Exil und Neubeginn - Herr des Himmels und der Erde und dessen irdische Diener

Im Lichte des Evangeliums …

Obwohl David in der Tradition immer als der idealtypische König beschrieben wurde, sah auch er sich der harschen Kritik der Propheten ausgesetzt, wenn er seine Macht missbrauchte. Das Königtum in Israel wurde von Anfang an und auch in seiner normativen Gestalt kritisch betrachtet und die Herrscher standen zumindest in Spannung zu dem göttlichen Willen. Wenn sie sich auch auf Gott beriefen, konnten sie nie der uneingeschränkten Loyalität Gottes sicher sein. Dagegen hing von ihrer Unterordnung unter den göttlichen Willen ihr Wohlergehen und ihre Herrschaft ab. Treue zu Gott und seinen Geboten sicherte ihnen ihre Herrschaft. Und die Treue zu den Geboten bezog sich in gleicher Weise auf das ausschließliche Treue-Verhältnis zu dem Gott Israels als auch die Beachtung der Sozialgesetzgebung, welche die Untertanen auch vor der Willkür des Herrschers schützte (Der drastischste Text ist die Geschichte von Nabots Weinberg, den sich König Ahab mit Gewalt aneignete und wofür ihn das Strafgericht Gottes traf.).

Infolge der Thronstreitigkeiten nach dem Tod des Salomo kam es zur Spaltung des davidischen Reiches in das Nordreich Israel und das Südreich Juda. Und während im Südreich die Thronfolge an die Abstammung von David gebunden war, gab es im Nordreich einen regen Wechsel kurzzeitiger Dynastien. 

Diese Dynastiewechsel wurden in der Regel als Folgen des Ungehorsams des jeweiligen Herrschers gegenüber Gott und seinem Wort begründet. Die Kritik wurde von Propheten vorgetragen, die als freie und vom Hof unabhängige Gestalten auftraten – ganz in der Tradition der Richterzeit, in der Israel keinen König dulden wollte. Diese Männer kündigten das temporäre Gericht Gottes über die Herrscher an, die dem Willen Gottes nicht gehorsam waren – und am Ende das vorerst endgültige Gericht, das in der Zerschlagung erst des Nord- und dann des Südreiches bestand. 

Ein für die spätere Deutung wichtiges Motiv dabei war, dass die Feinde Israels und Judas als Werkzeuge JHWHs handelten. Sie – die Könige aus den Völkern, die Gott nicht kannten, konnten nur erfolgreich sein, weil der Gott Israels das Gericht über sein Volk bringen wollte für ihren Ungehorsam. Diese Fremdherrscher gehörten zum Heils- und Unheilsplan Gottes. Er, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs als unumschränkter Herrscher im Kosmos, war die einzige Instanz, die über Wohl und Wehe entschied. Und damit standen alle und alles im Dienst seines Willens. So konnten Angreifer nur in Folge einer göttlichen Entscheidung Israel und Juda bedrängen, besiegen und schließlich auch vernichten. Damit entsteht in einem längeren Reflexionprozess die Vorstellung, dass Gott durch die Mächte der Welt wirksam sei – sie in seinem Dienst stünden und ihnen demzufolge auch nicht zuwiderzuhandeln sei. Auch das wird zu einem wirkmächtigen Motiv, das über Paulus und die Kirchenväter bis zu den bizarren Vorstellungen etwa amerikanischer Evangelikaler führt, die in D. J. Trump einen von Gott bestimmten und gesandten Präsidenten sehen, dem trotz seiner aus einer evangelikalen Perspektive fragwürdigen Konstitution zu folgen sei.

Schon die babylonische Gefangenschaft unter König Nebukadnezar wird in diesem Kontext eingeordnet. In einem weit stärkeren Maße geschieht dies dann bei König Kyrios, unter dem die Rückkehr des Volkes Israel in das Land der Väter möglich wird.

So heißt es im Buch Esra: »Alle Königreiche der Erde hat JHWH, der Gott des Himmels, mir gegeben. Nun hat er selbst mir gegeben, ihm in Jerusalem, das in Juda ist, ein Haus zu bauen.« Ein heidnischer König als auserwähltes Werkzeug Gottes, um das zu tun, was sogar dem großen König David verwehrt war – das Haus JHWHs zu bauen. In dieser Traditionslinie – von den Königen, die als Strafgerichte Gottes über Israel im Dienste des Gottes Israels standen über das Exil als ultimatives Gericht bis zu Kyrios – steht irdische Herrschaft in Verbindung zu JHWH, der nun nicht mehr nur der Gott Israels ist, sondern der Gott des Himmels und der Erde. Er setzt Könige ein und Könige ab – damit wird Widerspruch gegen diese zumindest zu einer höchst ambivalenten Sache. Was dem Propheten aufgetragen sein kann, mag für die gemeinen Menschen schon ein Sakrileg sein. 

Und diese Traditionslinie wird dominant für die Geschichte des Verhältnisses von Kirche und Staat. Sie wird flankiert von einer anderen grundsätzlich gegensätzlichen Linie, die im nächsten Beitrag betrachtet wird. Die Auswirkungen aber dieser Vorstellung führt bis in die Katastrophen des 20. Jahrhundert und bis in unsere Tage, wo konservative und reaktionäre Parteien und Denker*innen sie zu reaktivieren versuchen.

Fortsetzung folgt …

Arbeitsbereich Theologie & Politik
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Paul F. Martin

Studienleitung Theologie/ Gesellschaft/ Kultur

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