Diskurs

Gebt dem Kaiser … zum Verhältnis Mensch, Gott, Staat/Herrschaft in der Bibel IX

… der Diener aller!

Im Lichte des Evangeliums …

In der Tradition Israels versteht sich der König als, sind die Herrschenden wie auch die Propheten Knechte Gottes. Der Knechtstitel ist also in gewisser Weise hoheitlich aufgeladen. Bei Jesus erfährt diese Zuschreibung aber eine radikale Zuspitzung. Herrschaft zeigt sich im wirklichen Dienst für alle. Der Menschensohn ist gekommen, nicht um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen … In diesem Gedanken lässt sich ein Bogen spannen zur Schöpfung, in der die Herrschaft der Menschen im Dienst an der Schöpfung besteht.

Jesus radikalisiert diesen Gedanken nun dergestalt, dass jede Idee von Herrschaft im Dienst an der Gemeinde aufgeht. Dabei ist dieses Dienen aber nicht rhetorisch zu verstehen, sondern wort-tatlich — wer herrschen will, soll der anderen Füße waschen. Groß ist nicht, wer die Predigt hält, sondern wer den Abwasch macht.

In Jesus verbindet sich die Idee des Königtums mit der der Theokratie. Er ist der Gottgleiche, dessen Königtum absolut ist. Aber — und das ist eine fundamentale Verschiebung — das zeigt sich nicht in dieser Welt. Und wie schon bei der Verschiebung von Mose, den es historisch so nicht gegeben hat, zum Text, verschiebt sich der absolute Machtanspruch Jesu aus der Sphäre dieser Welt in das schon gegenwärtig-kommende Reich der Himmel/ Reich Gottes. Dafür steht dieser merkwürdige Feiertag Christi Himmelfahrt. Er, dem alles untertan ist, ist nicht hier. Die aber, die hier sind und sich unter seine Herrschaft gestellt haben, sind alle gleich. Einer ist euer Meister, ihr aber seid Geschwister – und wer unter euch gerne herrschen will, soll für alle den Abwasch machen. Die Macht und Herrschaft Jesu wird so zum absoluten Nullpunkt der Macht. Natürlich hat das nicht lange gehalten. Heute ist der Papsttitel Diener der Diener Gottes nur noch rhetorisch. Aber für das Urchristentum war dieses Verständnis normativ. 

Das zeigt sich eindrücklich beim Apostelkonzil in Jerusalem. Es gibt Streitpunkte, über die intensiv debattiert wird. Aber keiner hat ein Deutungsmonopol. Am Ende gibt es einen Konsens und in diesem Konsens sehen sie das Wirken des Geistes Gottes – es hat dem Heiligen Geist und uns gut geschienen …

Das ändert sich sehr schnell. Gemeinschaften — und so auch die Kirchen — neigen dazu, Dinge institutionell zu regeln, Institutionen neigen dazu, sich zu verselbständigen und zu wuchern. Die urchristliche Grundidee der Hierarchielosigkeit und Gleichheit aller aber bleibt und wird in der Geschichte der Kirchen immer wieder nach Verwirklichung suchen. 

Oder anders: Das Christentum ist — im Gegensatz zur Kirche — eine genuin anarchistische Praxis.

Fortsetzung folgt …

Arbeitsbereich Theologie & Politik
Denk­bewegungen
res publica

Paul F. Martin

Studienleitung Theologie/ Gesellschaft/ Kultur

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