Im Lichte des Evangeliums …
Im Gegensatz zu der Vorstellung, Anarchie bedeute Chaos und Gewalt (also Anomie), geht es um die Abwesenheit von Herrschaft. Oder — im Christentum — um die Abwesenheit eines Herrschers. Denn Jesus, der heruntergekommene Sohn Gottes, ist wieder bei Gott; das Reich der Himmel zwar schon gegenwärtig in den Glaubenden, aber noch ausstehend in der Welt. Die Glaubenden aber unterscheiden sich noch nicht in Hierarchien— auch, wenn Petrus in den Evangelien eine Sonderrolle bekommt. Ansonsten steht das Wort Jesu, das im Matthäus-Evangelium formuliert wird: Einer ist euer Meister, der Christus. Der Größte aber unter euch soll euer Diener sein.
Paulus wird das im Bild vom Leib mit den vielen Gliedern aufgreifen. Er weist damit auf ein Angewiesen-Sein aller auf alle in den Gemeinden hin, das nicht funktional zu verstehen ist, sondern organisch.
In der Apostelgeschichte wird die Urgemeinde so beschrieben: Ein Herz und eine Seele. Dabei darf aber vermutet werden, dass dieser Zustand von nur sehr kurzer Dauer war. Und es lassen sich sehr schnell zwei Bewegungen feststellen.
Einmal zeigt sich, dass Gruppen und Gemeinschaften Strukturen und Regeln brauchen — und dafür Institutionen schaffen. Die Dynamik von Institutionen ist aber bekannt. Sie führt zur Verselbständigung und zur immer weiteren Ausdifferenzierung — Kafka lässt grüßen.
Und — und das ist die dramatischere Verschiebung — aus der eschatologischen Heilsgemeinschaft Jesu wird die frühbürger*innenliche Kirche Jesu Christi.
Zuerst ein paar Gedanken zu Punkt eins — die Verbürger*innenlichung kommt später.
Der Sündenfall der Kirche
In der Apostelgeschichte wird die Urgemeinde in Jerusalem als Solidargemeinschaft beschrieben, in der alle nicht nur ein Herz und eine Seele waren, sondern wo auch eine weitgehende Gütergemeinschaft bestand. »… und auch nicht einer sagte, dass etwas von seiner Habe sein eigen sei, sondern es war ihnen alles gemeinsam.«
Für eine Solidargemeinschaft war es eine der vordringlichsten Aufgaben, diejenigen zu unterstützen, die sich nicht selbst versorgen konnten. In dem Fall die Witwen, die auf Zuwendungen angewiesen waren. Und in dieser Gemeinschaft, in der alle ein Herz und eine Seele waren, passierte es sehr schnell, dass die einen Witwen zu Ungunsten der anderen bevorzugt wurden.
Und es waren seltsamerweise die einheimischen Witwen, die mit besserer Versorgung rechnen konnten. Die Witwen, die als Jüdinnen und nunmehr Jesusnachfolgerinnen aus der Diaspora — also der Fremde — zurückgekehrt waren, wurden vernachlässigt.
Und da die Gemeinschaft offensichtlich weder die Kraft noch die Liebe hatte, diesen Miss-Stand zu beseitigen, beschlossen sie die Einführung eines Amtes. Von nun an sollten sieben untadlige Männer dafür sorgen, dass alle Witwen zu ihrem Recht und ihrer Versorgung kamen.
Aus dieser Entscheidung der Urgemeinde wurde nicht nur die Hierarchie der Kirchen mit all den damit verbundenen Perversionen. Es lässt sich eine Linie ziehen zu Jobcenter und Sozialamt unserer Tage. Und das Problematische daran ist die Notwendigkeit dieser Entwicklung. Die Witwen konnten sich nicht auf die Gemeinschaft verlassen. Und die Ambivalenz der Ämter heute ist, dass ich einen Rechtsanspruch durchsetzen kann, der mich aus der Abhängigkeit von meiner Gemeinschaft befreit, mich zugleich aber zu einer Nummer reduziert, die ich mir selber ziehen muss. Diese Institutionen begründen eine strukturelle Machtasymmetrie, der ich im Zweifel ganz unterworfen bin — inklusive all der wenig subtilen Beleidigungen, die heute etwa von Politiker*innen der CDU gegenüber Sozialhilfebedürftigen geäußert werden.
Es scheint mir fundamental wichtig, die Notwendigkeit von Institutionen anzuerkennen und Mechanismen der Machtbegrenzung zu implementieren. Daran ist die Kirche gescheitert. Hieß es bei Johannes noch, der Geist sei unverfügbar wie der wehende Wind, wird Cyprian einen sehr engen Zusammenhang herstellen von Geist, Kirche und Bischof. Der Geist wird an das Amt der Kirche in der Person des Bischofs gebunden. Fairerweise würde er wohl sagen, der Geist binde sich an ihn. Aber das macht die Sache nicht besser. Gegen Bischof und Kirche — gegen die Hierarchie handeln wird zu einem Affront gegen Gott selbst — das Motiv ist nicht neu.
Die Bewegung von der Gemeinschaft zur Institution war notwendig, aber in der Weise nicht zwangsläufig. In der Geschichte der Kirchen wird sich gerade an dieser Stelle immer wieder Widerspruch regen. Aus einer evangelischen Perspektive muss es dabei darum gehen, strukturelle und allzu oft damit verbundene individuelle Machtverhältnisse zu entlarven und zu regulieren. Innerkirchlich und — weil es in der Tradition des Staates Verbindungslinien gibt — auch außerkirchlich.
Bevor die Betrachtungen sich Paulus zuwenden, noch ein kleiner Blick auf das Selbstverständnis der urchristlichen Gemeinden im Blick auf das Politische. Das ist wichtig, weil ja nicht nur der rechtsextreme Landesverband der AfD in Sachsen-Anhalt den Kirchen und ihren Einrichtungen einen Platz zuweisen will. Das gleiche Geschäft betreibt auch die CDU mit ihren Forderungen, die Kirchen sollten sich aus der Tagespolitik heraushalten und Glaubenspflege und moralische Bildung gewährleisten. Diese Zuweisung, die auf einer Idee der Trennung der Funktionen beruht, ist in der Zeit der Urgemeinde nicht denkbar. Und das in zwei Richtungen.
Die Gemeinde ist nicht da, um zu unterweisen und Brauchtumspflege zu betreiben. Sie ist vollumfänglich Lebens- und Sozialgemeinschaft der Glaubenden und verantwortlich für alle geistigen, geistlichen und körperlichen Belange. Es gibt keinen Sonderbereich für die Kirche. Und dazu gehört der zweite Gedanke. Religion nimmt nicht einen Platz ein neben anderem. Sie ist der Rahmen, in welchem alles geschieht. Der (heidnisch-römische) Staat wird als faktisch anerkannt wie auch die religiösen Institutionen des Judentums der Zeit. Und soweit dies möglich ist, werden auch die Regeln anerkannt, die diese setzen. Aber ansonsten gilt: Wir müssen Gott mehr gehorchen als den Menschen. Keine Institution, kein Staat, kein Kaiser und keine Verfassung kann uns davon entbinden, Gott mehr zu gehorchen als allen anderen. Und damit entsteht eine Kluft zwischen Staat und Kirche, paradigmatisch zwischen dem Römischen und dem Himmlischen Reich, die theologisch nicht wirklich zu überbrücken ist — die Apokalyptik ist die radikalste Form, das zu beschreiben. Aber auch in der Geschichte vom Steuergroschen findet sich das.
Von der Seite des Römischen Staates ist das auch genau so gesehen worden, weshalb das Christ*innen verfolgt worden sind. Sie blieben die letzte Loyalität dem Staat gegenüber schuldig.
Im kirchengeschichtlichen Teil wird das ausgeführt.
Die aktuelle Spannung wird greifbar in dem bei Luther angelegten und Bismarck zugeschriebenen Satz: Mit der Bergpredigt sei kein Staat zu machen. Wenn das so ist, stellt sich natürlich die Frage, ob Christ*innen einen Staat machen können/ dürfen. Oder ob sie im Staat mitmachen dürfen. Eine Frage, die im Bereich der Großkirchen eher zu Verwunderung Anlass gibt, ist Grundlage für das Verständnis mancher christlichen Gruppen. Die Amish wären ein Beispiel dafür. Sie sehen in ihrem Glauben eine Grundlage und Verpflichtung, die alle Lebensbereiche umgreift. Statt Staat Gemeinde als Volk Gottes. Ohne diese Lebensform romantisieren zu wollen — den Vorstellungen, die sich aus dem Neuen Testament ergeben, ist das näher. Was ein spezifisches Licht auf die Parteien wirft, die sich christlich-konservativ nennen. Auf welche Neuerungen im Christentum beziehen sie sich denn, wenn sie diese Selbstbezeichnung tragen? Denn auf Jesus oder das Urchristentum können sie sich nicht berufen.
Fortsetzung folgt …

