Diskurs

Keine Angst

Theorie der militanten Demokratie

Am 21. Juli sendete das zdf “Die Antifanstalt“, die sich mit der Frage auseinandersetzte, wie mit dem erstarkenden Rechtsextremismus umzugehen sei. Das Ganze natürlich auch im Blick auf die Wahl in Sachsen-Anhalt, bei der der gesichert rechtsextreme Landesverband der AfD mit einer hohen Zustimmung bis zur absoluten Mehrheit der Stimmen rechnen kann.

Dabei wurde auch die Frage nach der wehrhaften Demokratie und das Versagen der gegenwärtig noch verantwortlichen Organe des Verfassungsstaates diskutiert. 

In der Anstalt wurde Karl Löwenstein zu Wort gebracht, der bereits im Jahr 1937 eine Theorie der militanten Demokratie vorgestellt hatte, die sich in Grundzügen im Grundgesetz wiederfindet, aber leider im Moment nicht in eine Praxis überführt wird.

Interessanterweise sind die beiden Texte, in denen Karl Löwenstein diese Theorie vorstellte, bisher nicht ins Deutsche übersetzt. Dabei ist die Lektüre ausgesprochen erhellend und zeigt, warum Politik und Journalismus allzu oft allzu hilflos im Umgang mit der AfD sind.

Im Folgenden sollen die Texte vorgestellt, kommentiert und in gegenwärtige Fragestellungen eingebunden werden (die Links zu den englischen Texten stehen am Ende des Beitrags).

Militante Demokratie und fundamentale Rechte

Karl Löwenstein stellt in einem ersten Abschnitt fest, dass der Faschismus eine Weltbewegung sei. Das ist insofern irritierend, da wir bei Faschist*innen einen stark völkischen Zug sehen. Aber auch heute sehen wir diese Nationale Internationale — sei es in den Fraktionen des EU-Parlaments oder in den Sympathien und der Verbindung und Zusammenarbeit verschiedener Parteien und Gruppen weltweit. Das weist nach meiner Überzeugung auf einen wesentlichen Punkt hin — Faschist*innen waren und sind nicht konservativ, aber auch nicht reaktionär in einem ordinären Sinne. Vielmehr waren und sind sie nicht nur in der Wahl ihrer Mittel hochmodern. Sie sind auch im höchsten Maße opportunistisch. (Das zeigt sich etwa daran, wie flexibel die AfD auf an- und wahrgenommene Erregungen reagiert — siehe Corona, wo die Partei zu Beginn drastische Maßnahmen forderte, um später auf den Protestzug gegen die Maßnahmen aufzuspringen.) Und das hängt zutiefst mit einer Überlegung Löwensteins zusammen, die wirklich erhellend ist. Er schreibt, dass der Faschismus keine Weltanschauung sei, sondern eine Technik der Machtergreifung.

Löwenstein: « Angesichts der gegenwärtigen Lage drängt sich eine von zwei Schlussfolgerungen auf. Einerseits könnte der Faschismus nichts Geringeres sein als eine der geistigen Strömungen, die aufgrund ihres universellen Charakters eine Welt, die heute enger miteinander verbunden ist als je zuvor, unaufhaltsam verändert. Sollte dies zutreffen, ist die Demokratie als Form der politischen Organisation zum Scheitern verurteilt, so wie einst der königliche Absolutismus zum Scheitern verurteilt war, als die liberale Demokratie die Welt eroberte. Widerstand gegen den unaufhaltsamen Lauf der Geschichte wäre eine Verschwendung von Zeit und Energie und würde die Katastrophe der endgültigen Kapitulation nur noch verschlimmern. Dem Geist kann man niemals entkommen. Der faschistischen Propaganda ist es gelungen, den Massen diesen Glauben einzuflößen, und wie jeder Glaube lässt er sich nicht widerlegen. » Es ist spannend, die AfD-Propaganda mit diesem Gedanken im Hintergrund zu entlarven. 

Dann fährt er fort: « Ist der Faschismus hingegen keine geistige Flamme, die über die Grenzen hinwegschießt, dann ist er offensichtlich nur eine Technik zur Erlangung und Erhaltung von Macht, um der Macht willen allein, ohne jene metaphysische Rechtfertigung, die sich nur aus absoluten Werten ableiten lässt. » Hier ließe sich fragen, ob dem Völkischen nicht eine geradezu metaphysische Dimension zugeschrieben werde. (Was angesichts der privaten Lebenssituation der Parteivorsitzenden der AfD allerdings ein wenig absurd wirkt — Alice Weidel lebt mit einer Frau zusammen, die in Sri Lanka geboren wurde und mit der sie zwei Kinder hat.) Das Völkische mag für einige eine solche Rolle spielen. Und der Faschismus appelliert an eine ordinäre Form dieses Glaubens, ist aber auch an dieser Stelle opportunistisch. 

Löwenstein weiter zu dem, was sich aus dieser Überlegung ergibt: « Wenn sich diese Hypothese bestätigt, ist die Antwort ebenso unausweichlich. Ist die Demokratie davon überzeugt, dass sie ihre Bestimmung noch nicht erfüllt hat, muss sie auf ihrer eigenen Ebene gegen eine Technik kämpfen, die nur dem Zweck der Macht dient. Die Demokratie muss militant werden. » 

Militante Demokratie — das meint bei Löwenstein nichts anderes als militanten Antifaschismus. Und ich erinnere noch einmal daran, dass dieser Text im Jahr 1937 geschrieben wurde, als die monströsen Verbrechen dessen, was ein AfD-Politiker als Vogelschiss der Geschichte bezeichnet hatte, noch nicht sichtbar waren.

Unter der Überschrift «Der Faschismus ist keine Ideologie, sondern eine politische Technik. » führt er den Gedanken aus. « Dass der Faschismus keine Ideologie, sondern lediglich eine politische Technik ist, belegen die umfangreichen Erfahrungen des letzten Jahrzehnts hinreichend. Der Faschismus ist keine Philosophie – nicht einmal ein realistisches, konstruktives Programm – sondern die wirksamste politische Technik der modernen Geschichte. Der Faschismus ist keine Ideologie, sondern eine politische Technik.

Wer sich mit nur ein wenig Verstand das Wahlprogramm der AfD für Sachsen-Anhalt durchliest, kann nicht ernsthaft glauben, dass dies für irgendeine gesellschaftliche Gruppe (außer vielleicht der Verwandten der AfD-Mitglieder, die dann an den Geldtöpfen sitzen würden) irgendeine Verbesserung bedeuten würde. Es bedürfte wirklich nicht viel Vernunft oder Intelligenz, um in diesem Programm eine Katastrophe für das Bundesland Sachsen-Anhalt zu sehen. Aber es geht nicht um Rationalität, Vernunft oder Anstand. Es geht — und das gehört zum Entscheidenden der Analyse Löwensteins — um reine Emotionalisierung. Emotionalisierung ist die entscheidende Technik des Faschismus.

Dazu schreibt er: « Die Unbestimmtheit faschistischer Parolen verfestigt sich erst dann zu konkreter Hassrede, wenn offensichtliche Mängel des demokratischen Systems gezielt ins Visier genommen werden. Führung, Ordnung und Disziplin werden der parlamentarischen Korruption, dem Chaos und der Selbstsucht gegenübergestellt, während ein rätselhafter Korporatismus an die Stelle der politischen Vertretung tritt. Allgemeine Unzufriedenheit wird auf greifbare Ziele gelenkt (Juden, Freimaurer, Banker, Einzelhandelsketten). Es wird eine massive Propagandakampagne gegen die scheinbar offensichtlichsten und verwundbarsten Ziele gestartet. Eine Technik der unaufhörlichen Wiederholung, Übertreibung und Vereinfachung wird entwickelt und angewendet. Verschiedene Bevölkerungsgruppen werden gegeneinander ausgespielt. Kurz gesagt: Das Wecken, Lenken und Ausnutzen von Emotionen in ihren primitivsten und raffiniertesten Formen ist das Wesen der faschistischen Technik, in der Bewegung und Emotion nicht nur sprachlich identisch sind. Ein charakteristisches Merkmal dieser emotionalen Technik ist, dass diejenigen, die als Instrumente ins Spiel gebracht werden – also die Massen –, sich der rationalen Kalküle, mit denen die Strippenzieher sie lenken, nicht bewusst sein sollen. Der Faschismus ist das wahre Kind des Zeitalters der technologischen Wunder und der emotionalen Massen. » 

Und das ist ein wirklich spannender Punkt. Jürgen Habermas wies im Blick auf die Terroristen des 11. September auf die Ungleichzeitigkeit der Ideologie und der Mittel hin. Damit verwies er auf einen Denkfehler, wonach reaktionäre Ideologien vormodern seien. Islamismus und auch Faschismus sind aber Kinder der Moderne — was sich eben auch in der Wahl ihrer Mittel zeige. Nur — und das ist ein wirklich entscheidender Punkt — ist ihr Rationalitätskalkül ein anderes als das, was im politischen Diskurs normativ ist. Im Blick auf die AfD: Ihr geht es weder um eine argumentative Auseinandersetzung in politischen Fragen noch um eine Diskurskultur. Es geht um das « Wecken, Lenken und Ausnutzen von Emotionen in ihren primitivsten und raffiniertesten Formen ». 

Mögen wir die ideologischen Einlassungen der AfD noch so reaktionär und rückwärtsgewandt finden — in der Art und Weise, wie sie das politische Feld bespielen, sind sie hochrational, effektiv und erfolgreich. Und weder die politischen Parteien (auf die Gründe weist Löwenstein noch hin) noch der Journalismus finden adäquate Formen, damit umzugehen. Das zeigt sich an dem hilflosen Verweis, man wolle die AfD inhaltlich stellen. Dazu müsste es aber um Inhalte gehen und nicht um Emotionen. Die vielen kleinen Triumphe, die Politiker*innen oder Journalist*innen einfahren, wenn sie sich über einen argumentativen Punktsieg über eine*n AfD-Politiker*in freuen, werden nach jeder Wahlumfrage lächerlich. 

Das Rationalitätskalkül der AfD geht auf, wenn Alice Weidel im Rumpelstilzchen-Stil auf dem Boden herumtrampelt oder Beatrix von Storch empfiehlt, die Sonne wegen der Erderwärmung zu verklagen oder Alexander Gauland droht (Drohung und Einschüchterung ist ein weiteres Moment der Emotionalisierung): “Wir werden sie jagen.“. 

Alle Belustigung über diese peinlichen Äußerungen und Gesten, alle Erregung über die Drohgebärden zahlen ein auf das Konto der AfD und ihres Rationalitätskalküls.  

Wirklich lächerlich und hilflos wirkt dabei der Versuch, das eigene Vorgehen zu rechtfertigen. Darin zeigt sich nach Löwenstein eine der fundamentalen Schwächen der Demokratie, die ihre eigenen Prinzipien ihren Gegner*innen zur Verfügung stellt, die diese nutzen, um die Demokratie zu beseitigen. (Dabei kann er sich auf Goebbels beziehen, der es so formuliert hat: “Wir gehen in den Reichstag hinein, um uns im Waffenarsenal der Demokratie mit deren eigenen Waffen zu versorgen. […] Wenn die Demokratie so dumm ist, uns für diesen Bärendienst Freifahrkarten und Diäten zu geben, so ist das ihre eigene Sache. […] Wir kommen nicht als Freunde, auch nicht als Neutrale. Wir kommen als Feinde!“ 

Und: “Wenn unsere Gegner sagen: ‚Ja, wir haben Euch doch früher die Freiheit der Meinung zugebilligt.‘ – Ja, Ihr uns! Das ist doch kein Beweis, daß wir das Euch auch tun sollen! Daß Ihr das uns gegeben habt, das ist ja ein Beweis dafür, wie dumm Ihr seid!“)

Damit wird aber deutlich: Wenn der Faschismus eine Technik der Machtergreifung ist, dann lässt er sich nicht inhaltlich stellen, weil es nicht um Inhalte geht. Jedes Mittel ist recht zum Zwecke der Emotionalisierung. Die Aussage: « Wenn wir die AfD nicht beteiligen, kann sie sich wieder als Opfer stilisieren. », ist von bezaubernder Naivität. Sie wird sich immer als Opfer stilisieren, bis sie es nicht mehr muss. Aber dann werden viele andere zu Opfern gemacht werden mittels wohltemperierter Grausamkeiten. Sie haben alles schon sehr deutlich angekündigt, was sie vorhaben. Auch das ist nicht neu und Teil der Emotionalisierung als Technik der Machtergreifung. Dieser Teil — die Einschüchterung — zeigt schon Früchte im vorauseilenden Gehorsam, wenn etwa in Schulen nicht mehr darauf hingewiesen werden darf, dass es sich bei der AfD in Sachsen-Anhalt um einen gesichert rechtsextremen und also verfassungsfeindlichen Landesverband handelt. Oder wenn das Landesschulamt des Landes Sachsen-Anhalt einen Lehrer abmahnt, weil er auf den Fakt hinweist, dass der Landesverband der AfD in Sachsen-Anhalt gesichert rechtsextrem ist.

Die naivste Aussage dabei ist nach meinem Gefühl, wenn in Politik und Medien nach irgendwelchen Äußerungen von AfD-Politiker*innen gesagt wird: Jetzt haben sie ihre Maske fallen gelassen. Nein, sie haben nie eine Maske getragen. Und die Erregung dessen, was von ihnen Mainstream und Establishment genannt wird, zahlt zu 100 % auf ihr Konto ein. Die Massen, die adressiert sind und die die Technik nicht durchschauen sollen, reagieren wie gewünscht.

Löwenstein noch einmal: « Diese Technik konnte nur unter den außergewöhnlichen Bedingungen triumphieren, die demokratische Institutionen boten. Ihr Erfolg beruht auf ihrer perfekten Anpassung an die Demokratie. Demokratie und demokratische Toleranz wurden zu ihrem eigenen Untergang missbraucht. Unter dem Deckmantel der Grundrechte und der Rechtsstaatlichkeit konnte die antidemokratische Maschinerie aufgebaut und auf legalem Wege in Gang gesetzt werden. In der geschickten Berechnung, dass die Demokratie ohne Selbstverleugnung keiner öffentlichen Meinungsgruppe die uneingeschränkte Nutzung der freien Institutionen der Rede, der Presse, der Versammlung und der parlamentarischen Mitwirkung verweigern könne, diskreditieren faschistische Vertreter systematisch die demokratische Ordnung und machen sie funktionsunfähig, indem sie ihre Funktionen lahmlegen, bis Chaos herrscht. Sie nutzen das tolerante Vertrauen der demokratischen Ideologie aus, dass auf lange Sicht die Wahrheit stärker ist als die Lüge, dass sich der Geist gegen die Gewalt durchsetzt. Die Demokratie war nicht in der Lage, den Feinden ihrer Existenz selbst die Nutzung demokratischer Instrumente zu verbieten. Bis vor kurzem wollten demokratischer Fundamentalismus und legalistische Blindheit nicht erkennen, dass der Mechanismus der Demokratie das Trojanische Pferd ist, mit dem der Feind in die Stadt eindringt. Dem Faschismus in Gestalt einer gesetzlich anerkannten politischen Partei wurden alle Möglichkeiten demokratischer Institutionen eingeräumt. »

Dazu passt noch ein zweiter Gedanke, der in Bezug auf die Beteiligung der AfD an medialen Diskursen hochaktuell ist — im Blick auf diejenigen, die die AfD “inhaltlich“ stellen wollen. Löwenstein schreibt: « In früheren Zeiten agierten revolutionäre Bewegungen vorsichtig und im Verborgenen. Sie waren aufgrund ihres Untergrundcharakters gefährlich. Sie konnten ohne Vorwarnung z uschlagen. In den meisten Staaten wurden Gesetze gegen Geheimgesellschaften erlassen. Im Zeitalter der emotionalen Massen hat sich die Situation umgekehrt. Der revolutionäre Faschismus braucht das Rampenlicht größtmöglicher Öffentlichkeit. Im Verborgenen könnte er sich niemals entfalten. So drängt sich der Faschismus in den Vordergrund, wo er die Massen in seinen emotionalen Bann ziehen kann. Seine Technik besteht in unerbittlicher Selbstdarstellung und Propaganda. Die Demokratie konnte mit den Auswirkungen offener Propaganda nicht rechnen. Während sich die Wachsamkeit – in fataler Fehleinschätzung der veränderten Technik revolutionärer Bewegungen – auf geheime Aktionen konzentrierte, gab es keine gesetzlichen Mittel, um dem revolutionären Emotionalismus in Gewand der Legalität, der Propaganda und der militärischen Symbolik entgegenzuwirken. Der Faschismus nutzte diese Situation geschickt aus und errang seine bemerkenswertesten Siege, indem er die Schwäche des demokratischen Systems ausnutzte. » 

Wenn wir an das Öffentlich-Werden der Abschiebungspläne denken, wird das deutlich. Statt aus der offensichtlichen Rechtswidrigkeit Konsequenzen zu ziehen, ließ es die demokratische Mitte zu, dass der Begriff, der damals skandalisiert wurde, heute in den öffentlichen Diskurs eingegangen ist und die AfD Kapital aus seiner emotionalen Verwurstung schlägt.

Und die Reaktion der demokratischen Kräfte?

Zwei Zitate: « Ein Überblick über die gesetzgeberischen Abwehrmaßnahmen der Republik gegen die Feinde der demokratischen Ordnung offenbart ein fast tragikomisches Bild halbherziger, zögerlicher und durch und durch unwirksamer Methoden im Umgang mit subversiven Machenschaften. Das Gesetz zum Schutz der Republik, das aus der Empörung der Bevölkerung über die Ermordung von Herrn Rathenau im Juni 1922 hervorgegangen war, wurde von Bayern offen missachtet und von überlegalistischen oder gar aufrührerischen Gerichten von Anfang an heimlich ausgehöhlt; und als es 1930 erneuert wurde, ging das Gesetz faden und kraftlos aus dem Parlament hervor. » Und: « Im Frühjahr 1932 war das Tragen politischer Uniformen in der Öffentlichkeit aufgrund eines Notverordnungsbeschlusses des Reichs für weniger als zwei Monate verboten. Die Durchsetzung dieser Verordnung war jedoch aufgrund der unterschiedlichen politischen Zusammensetzung der Landesregierungen, die mit der Durchsetzung betraut waren, unmöglich. Im Lichte späterer Ereignisse wirkt das Dekret des Kabinetts von von Papen vom Juni 1932, wonach Vereine, „deren Mitglieder gewöhnlich in geschlossener Formation in der Öffentlichkeit auftreten“, verpflichtet waren, ihre Satzung dem Innenminister vorzulegen, wie eine Travestie des Rechts. »

Als Fazit lässt sich ziehen, dass nach der Beschreibung Löwensteins der Faschismus als eine Technik oder Methode der Machtergreifung zu betrachten sei, der sich die Regeln der Demokratie zu nutze mache, ohne sich an sie zu halten. Da sich aber die demokratische Gesellschaft ihren Regeln verpflichtet fühle, sei sie nicht in der Lage, sich erfolgreich gegen die faschistische Machtübernahme zur Wehr zu setzen. 

Und aus diesem Grund bedürfe es einer militanten Demokratie. Es brauche militanten Antifaschismus. Oder aktualisiert: Es braucht!

« Sobald man den Charakter des revolutionären Faschismus als Methode zur emotionalen Zerstörung der Demokratie erkennt, ist ein Großteil seines Zaubers gebrochen. »

Wie aber setzt sich eine militante Demokratie gegen ihre Feinde zur Wehr? Sicher ist Homöopathie nicht das Mittel der Wahl. Gleiches lässt sich nicht in jedem Fall mit Gleichem bekämpfen. Löwenstein schreibt dazu: « Eine Methode zur Überwindung faschistischer Emotionalität bestünde sicherlich darin, sie durch ähnliche emotionale Mittel auszugleichen oder zu übertrumpfen. Es liegt auf der Hand, dass der demokratische Staat dieses Unterfangen nicht in Angriff nehmen kann. Die Demokratie ist völlig unfähig, einem emotionalen Angriff mit einem emotionalen Gegenangriff zu begegnen. Eine verfassungsmäßige Regierung kann sich naturgemäß nur an die Vernunft wenden; sie könnte Emotionalität niemals erfolgreich mobilisieren; selbst ihre emotionalen Elemente sind nur ein Vorspiel zur Vernunft. Die emotionale Vergangenheit des frühen Liberalismus und der Demokratie lässt sich nicht wiederbeleben. » Und: « Als rationales System kann die Demokratie ihre Überlegenheit nur durch ihre Errungenschaften unter Beweis stellen, die jedoch durch wirtschaftliche Not verschleiert und durch soziale Missstände diskreditiert werden. Die Werte der Freiheit scheinen gesichert zu sein, was dazu führt, dass sie vielen durch die Routine abgenutzt, verblasst, blass und glanzlos erscheinen. Die Demokratie konnte keine emotionalen Formeln entwickeln, die es mit den faschistischen Rattenfängern aufnehmen könnten. „Demokratie auf der Suche nach einer neuen Mystik“ erscheint hoffnungslos, wenn nicht gar lächerlich. Demokratische Romantik ist an sich schon ein Widerspruch. »

Es braucht also keine demokratischen Emotionalisierer*innen sondern “Klempner der Macht“, die eine handwerklich-rationale Politik betreiben, die Ergebnisse zeigt.

Und was auch fundamental wichtig wäre — wichtig ist — sei Kooperation. Sei eine gemeinsame Front gegen den Faschismus aus dem Willen zu Selbstschutz und Selbsterhaltung. Daran aber habe es gemangelt: « Die Demokratien halten nach wie vor an der Überzeugung fest, dass ein Krieg der Ideologien um jeden Preis vermieden werden muss. Die Existenz einer gemeinsamen Gefahr wird nicht in vollem Umfang erkannt. Der internationale Faschismus profitiert erneut davon. In jedem Land, in dem der Faschismus die Macht ergriff, wurde er vor allem durch die Uneinigkeit seiner Gegner begünstigt. » 

Was Löwenstein durchaus im Blick auf unterschiedliche Staaten sagt, gilt auch innerhalb von Staaten. In der Bundesrepublik lässt sich das tagesaktuell beobachten. Es scheint, als hätten die unterschiedlichen demokratischen Kräfte den Ernst der Lage noch nicht verstanden und den Schuss nicht gehört. Und das Letzte ist bitte im Wortsinn zu verstehen, wie die tödlichen Schüsse von Rechtsextremen in den letzten Jahren gezeigt haben.

Der erste Text Löwensteins endet nach meinem Gefühl doch durchaus emotional aufweckend:

« Demokratie wird militant. »

Ich zitiere ausführlicher: « Der wichtigste Schritt wurde in eine andere Richtung unternommen. Immer mehr setzt sich die Erkenntnis durch, dass eine politische Technik nur auf ihrer eigenen Ebene und mit ihren eigenen Mitteln besiegt werden kann, dass bloße Nachgiebigkeit und der optimistische Glaube an den endgültigen Sieg des Geistes über die Gewalt den Faschismus nur bestärken, ohne die Demokratie zu stabilisieren. Da der Faschismus eine Technik ist, die nachträglich durch Ideen untermauert wird, kann er nur durch eine ähnliche Technik eingedämmt werden. Es dauerte Jahre, bis das demokratische Missverständnis überwunden wurde, dass das Haupthindernis für die Abwehr des Faschismus der demokratische Fundamentalismus selbst sei. Die Demokratie steht für Grundrechte, für Fairness gegenüber allen Meinungen, für Rede-, Versammlungs- und Pressefreiheit. Wie könnte sie sich der Einschränkung dieser Rechte widmen, ohne die eigentliche Grundlage ihrer Existenz und Rechtfertigung zu zerstören? Schließlich wichen jedoch legalistische Selbstgefälligkeit und selbstzerstörerische Lethargie einem besseren Verständnis der Realitäten. Eine genauere Untersuchung der faschistischen Technik führte zur Entdeckung der Schwachstellen im demokratischen System und der Möglichkeiten, diese zu schützen. In allen demokratischen Ländern wurde ein umfassendes antifaschistisches Gesetzespaket verabschiedet. Die Bestimmungen wurden gezielt darauf ausgerichtet, die besonderen emotionalen Taktiken des Faschismus einzudämmen. Schritt für Schritt wurde jedem Mittel, auf dem der Erfolg des Faschismus beruhte, eine gesetzliche Regelung entgegengesetzt, die es unwirksam machte. »

Interessanterweise haben wir heute insofern aus der Geschichte tatsächlich gelernt, dass wir in der Tat gesetzliche Möglichkeiten haben, die Feind*innen der Demokratie zu bekämpfen. Wir könnten Strukturen zerschlagen, Freiheitsrechte einschränken, Parteien verbieten. Was wir nicht gelernt haben, ist die Einsicht in die Notwendigkeit, dass alle, die sich gegen den erstarkenden Faschismus stellen, auf einer Seite stehen. Wenn wir militant gegen den Faschismus vorgehen, kämpfen wir nicht für die gute Welt, die wir eventuell wollen, sondern gegen die schlimme, von der wir wissen, dass sie droht, wenn faschistische Kräfte wieder an die Macht kommen. 

Und darum geht es: Alle gemeinsam gegen den Faschismus. Militanter demokratischer Antifaschismus — und dann gerne auch wieder der demokratische Wettstreit gegeneinander um die besten Ideen.

Gedanken zum zweiten Text folgen …

https://warwick.ac.uk/fac/arts/history/students/modules/hi290/seminars/revolution/lowenstein_militant_democracy_i.pdf?utm_source=chatgpt.com (Die deutschen Übersetzungen mit Hilfe einer KI.)

Arbeitsbereich Theologie & Politik
Denk­bewegungen
res publica

Paul F. Martin

Studienleitung Theologie/ Gesellschaft/ Kultur

Diskurs-Beiträge

Zum Inhalt springen