Diskurs

Gebt dem Kaiser … zum Verhältnis Mensch, Gott, Staat/Herrschaft in der Bibel X

… wes Bildnis? Oder: Das große Missverständnis vom Geben.

Im Lichte des Evangeliums …

Auch in den Evangelien finden sich die beiden Linien der Machtbetrachtung — Macht sei durch Gott legitimiert oder zumindest arrangiert auf der einen und die radikale Infragestellung jedes Machtanspruchs auf der anderen Seite. 

Wenn Pilatus Jesus fragt, ob ihm klar sei, dass er — Pilatus — die Macht habe, ihn hinzurichten oder freizulassen und Jesus ihm dann antwortet, dass er diese Macht nicht hätte, wenn sie ihm nicht von oben gegeben worden wäre, wird die Vorstellung vom Machthaber als göttlichem Werkzeug deutlich. In dieser Tradition wird Pilatus später sogar zu einem Werkzeug der Erlösung selbst umgedeutet, was mit seiner Heiligsprechung in der äthiopisch-orthodoxen Kirche im 19. Jahrhundert einen bizarren Höhepunkt erreichte. Aber schon in der Alten Kirche wird er zu einem Heiligen stilisiert und quasi zu einem Christen gemacht. Die Idee dahinter ist zum einen, die Schuld am Tod Jesu deutlicher in Richtung Israel zu verschieben und zum anderen die Beziehung zum Römischen Reich zu bestimmen. Das wird Teil der kirchengeschichtlichen Überlegungen sein.

Die zweite Linie zeigt sich vor allem in einer Geschichte, die über Jahrhunderte der Legitimation der Macht galt — der Geschichte vom Steuergroschen. Jesus soll in eine ausweglose Situation geführt werden – soll dem heidnisch-römischen Kaiser Steuer gezahlt werden oder nicht. Ein Ja würde Kollaboration bedeuten, ein Nein dagegen Rebellion.

Jesu Antwort besteht in einer Aufforderung und Gegenfrage: Zeigt mir eine Steuermünze! Wes Bild und Aufschrift ist darauf. Auf die Antwort, die er bekommt — des Kaisers — antwortet er: So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist und gebt Gott, was Gottes ist. Die Wirkungsgeschichte dieser Erzählung ist spannend, weil sie ein Narrativ mitbegründete, wonach Christ*innen dem Kaiser oder weitergefasst der Obrigkeit etwas schuldeten — Steuern und Gehorsam. Dem Kaiser geben, was ihm zustehe und worauf er ein von Jesus selbst legitimiertes Recht habe.

Dabei aber ist gerade diese Geschichte die schroffeste Zurückweisung eines jeden Berührungspunktes zwischen der Sphäre der weltlichen und der himmlischen Macht. Wenn auf dem Geld Bildnis und Aufschrift des Kaisers ist, gebt ihm seinen Krempel. Auf eurem Antlitz ist das Bildnis und die Aufschrift Gottes, die ihr nach seinem Ebenbild gemacht seid — also gebt Gott, was Gottes ist: Euch selbst, wie es im Schma Jisrael zum Ausdruck kommt: »Höre Israel, JHWH ist unser Gott, JHWH allein. Und Du sollst JHWH, deinen Gott lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Kraft.« Was Jesus damit sagt, ist nicht: Ihr seid dem Kaiser die Steuer schuldig. Er sagt: Ihr seid es Gott schuldig, mit dem Kaiser nichts zu tun zu haben.

Fortsetzung folgt …

Arbeitsbereich Theologie & Politik
Denk­bewegungen
res publica

Paul F. Martin

Studienleitung Theologie/ Gesellschaft/ Kultur

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