13. Fachgespräch der Evangelischen Akademien in Ostdeutschland
Die Pflegekrise ist eine Bewährungsprobe für die Leistungsfähigkeit des Sozialstaates – und für die Stabilität der
Demokratie. Zu diesem Schluss kommen die Direktoren und die Direktorin der Evangelischen Akademien in Ostdeutschland nach ihrem 13. Fachgespräch zur Demokratie mit Experten zur Pflegesituation.
„Die Situation in Ostdeutschland ist ein Indikator für die sich verstärkende Krise des Pflegewesens“, so der Direktor der Evangelischen Akademie in Wittenberg,
Christoph Maier. Sachsen-Anhalt habe schon heute die älteste Bevölkerung Deutschlands. In vielen ostdeutschen Kreisen seien mehr als 30 Prozent der Bevölkerung älter als 65 Jahre. Zudem wanderten jüngere erwerbsfähige Menschen dort überproportional oft ab.
Diese Krise sei mittlerweile existenziell. „Schon die biblischen Geschichten erzählen davon, dass Menschen aufeinander angewiesen sind“, betont der Theologe: „Wenn Menschen nicht darauf zählen können, dass sie im Alter menschenwürdig versorgt werden, wird diese anthropologische Angewiesenheit als grundsätzlich gefährlich erlebt.“ Dies könne zu einer Vertrauenskrise führen – in andere Menschen, aber auch in die Funktionsfähigkeit des Staates.
Die Direktorin der Berliner Akademie, Friederike Krippner, beobachtet, dass Veranstaltungen zum Pflegethema viel weniger Resonanz erfahren als etwa Veranstaltungen zum assistierten Suizid. Dies mache nachdenklich, weil sich dahinter möglicherweise eine tiefliegende Diagnose für die Gesellschaft verberge: „Individuelle Verantwortung und Freiheit gelten als besonders erstrebenswert. Aber:
Würdige Pflege kann nur in einer Solidargemeinschaft gelingen.“ Beunruhigend sei, dass gute Pflege immer stärker von individuellen Ressourcen wie Geld, Zeit, sozialen Netzwerken und Wohngegend abhängig sei. Ein Lebensrisiko, das mit der Pflegeversicherung kollektiv abgesichert werden sollte, werde damit zunehmend reprivatisiert. „Auch deshalb müssen wir öffentlich darüber diskutieren!“
Es brauche daher den Mut, auch unpopuläre Lösungen anzugehen, fordert Krippner. Dazu könne etwa die Auflösung des Nebeneinanders von privater und gesetzlicher Pflegeversicherung gehören. Ein anderer Fokus liege auf der notwendigen Anwerbung und Zuwanderung von Fachkräften oder einer auch finanziell gestützten Steigerung der Attraktivität von Pflegeberufen. Dass diakonische Einrichtungen aufgrund der Finanzlage geschlossen werden, sei ein Alarmsignal, das die Kirchen nicht kaltlassen dürfe.
Die Direktoren und die Direktorin der Evangelischen Akademien in Ostdeutschland debattieren seit Anfang 2024 regelmäßig in einem Fachgespräch mit Wissenschaftlerinnen, Medienvertretern und Theologen. Mit einem Fokus auf Ostdeutschland sprechen sie dabei über den Druck, der derzeit auf der liberalen Demokratie lastet, und über den Umgang mit rechtsradikalen Parteien. Die Essenz dieser Gespräche veröffentlichen die Akademien als gemeinsame Stellung-
nahmen zur Demokratie.
Dr. Sebastian Kranich, Direktor der
Evangelischen Akademie Thüringen
Dr. Friederike Krippner, Direktorin der
Evangelischen Akademie zu Berlin
Christian Kurzke, Vertreter der Akademiedirektion der
Evangelischen Akademie Sachsen
Christoph Maier, Direktor der
Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt
Prof. Dr. Henning Theißen, Direktor der
Evangelischen Akademie der Nordkirche





