Im Lichte des Evangeliums …
Nach der Rückkehr aus dem Exil gab es für Israel eine kurze Zeit relativer Souveränität unter den Hasmonäern. Diese wurden allerdings auch innerhalb der jüdischen Gemeinschaft kritisch gesehen, da sie erstens ein sehr rigoroses Zwangssystem schufen und zweitens eine Synthese aus weltlicher Macht und priesterlicher Vollmacht etablierten. Dieser Versuch endete aber und Israel wurde zu einem Vasallenstaat des Römischen Reiches — wenn es auch formal mit den Herodianern weiterhin ein Königtum gab. Allerdings wurden sowohl die Hasmonäer als auch die Herodianer innerjüdisch skeptisch bis ablehnend gesehen. Wie auch der heidnische Kaiser in Rom standen sie im Widerspruch zu JHWH und ihre Herrschaft wurde geduldet und teilweise auch bekämpft. Und gegen diese Herrschaft wurde der Wiederaufstieg des davidischen Königtums erwartet und erhofft – ein Nachkomme Davids, der als Messias Gottes das Reich wieder herstellte, die Feinde besiegte und Israel Freiheit und Frieden unter der Herrschaft des Gesetztes Gottes brachte.
In der Zeit Jesu gab es viele Menschen, die die Erwartung weckten oder den Anspruch erhoben, der Messias Gottes zu sein. Jesus war einer davon — auch, wenn er den Titel selbst nicht nutzte, sondern er ihm von seinen Jüngern zugesprochen wurde (Das Bekenntnis des Petrus in Mt 16, 16: Du bist der Christus …). Mit dem Titel Messias war ein klarer politischer Machtanspruch verbunden. Für ein christliches Verständnis von Macht ist nun fundamental, wie Jesus, von dem Christ*innen glauben, dass er der Messias/ Christus sei, mit diesem Anspruch umgegangen ist. In einem zweiten Schritt wird die Haltung Jesu zu Autoritäten reflektiert und in einem eigenen Punkt die Geschichte vom Steuergroschen betrachtet. Die Überlegungen beziehen sich wiederum auf die in den Texten des Neuen Testaments formulierten Aussagen. Es geht also nicht um den historischen Jesus, sondern um den im NT und der Kirche verkündigten Jesus als den Messias/ Christus Gottes.
Der Anspruch Jesu und der Anspruch an Jesus
In Jesus fallen sakrales Königtum und Theokratie faktisch zusammen. Genealogisch wird Jesus über Josef zu einem Nachfahren Davids. Als dieser wird er in der Taufe von Gott angesprochen in Anlehnung an Psalm 2: Du bist mein Sohn, heute habe ich Dich gezeugt. Zugleich ist Jesus als Sohn Gottes nicht nur das Sprachrohr Gottes wie Mose, sondern in ihm bringt sich Gott selbst zur Welt. Der Herr des Himmels und der Erde als heruntergekommener Gott, als einfacher Mensch unter einfachen Menschen. Ohne Attribute der Herrschaft. Der Menschensohn — ein Diener aller. In den Geburtsgeschichten schon werden genealogische Motive des Königtums mit der Machtlosigkeit des erscheinenden Gottessohnes verbunden. Wenn in diesem Kind die Macht und Herrlichkeit Gottes erscheint, steht jede andere Macht und jede andere Erscheinung der Macht radikal infrage. Mit dem ersten öffentlichen Auftreten in der Taufe durch Johannes wird der Anspruch postuliert — er wird aber in der Lebenszeit Jesu nie eingelöst. Aus diesem Grund verschiebt sich insbesondere im Johannesevangelium das Reich Jesu ins Kommende aus einen Ort jenseits der Welt. Insgesamt ist der Machtanspruch Jesu einer, der einer eschatologischen Verheißung unterliegt – also erst am Ende der Zeiten sichtbar eingelöst werden wird.
Für die Glaubenden allerdings ist dieser Anspruch schon Realität, weil sie praktisch die Seiten gewechselt haben. In ihnen ist das kommende Reich gegenwärtig. Das wird bei Paulus noch einmal anders und deutlicher formuliert. Wer sich in die Nachfolge Jesu rufen lässt, steht unter der endzeitlich-gegenwärtigen Herrschaft Gottes in Jesus. Und damit verbindet sich klar eine Gehorsamspflicht gegenüber diesem König, der ohne Land, ohne Autorität jenseits seines Wortes und ohne jedes Attribut der Macht ist.
Fortsetzung folgt …

