Diskurs

Über die Freiheit IV

Gedanken zu Begriff und Konzept

Die Geschichte der Freiheit – noch einmal Griechenland II.

Die Philosophie der Kyniker stellt eine gewisse Radikalisierung der sokratischen Relativierung der Konventionen dar. Diogenes von Sinupe – der legendäre und legendarische “Ahnherr“ der kynischen Philosophie – verabschiedet sich vollständig aus der Herrschaft und Tyrannei der Konventionen. Damit wird er in ausgezeichneter Weise frei. Allerdings ist diese Freiheit mit dem Abschied aus allen gesellschaftlichen Selbstverständlichkeiten verbunden – und schwerlich geeignet für ein gesellschaftliches Miteinander.

Als für uns vielleicht drastischstes Beispiel: Auf dem Marktplatz Athens onanierte er in aller Öffentlichkeit – und beklagte im Nachgang, dass durch Reiben des Magens nicht in gleicher Weise der Hunger verschwände – wie die Lust durch Reiben des Gliedes. Um unabhängig von allem Nichtnotwendigen zu sein, verzichtete er auf alles, was er nicht wirklich benötigte und behielt nur einen Becher. Als er ein Kind sah, das mit der Hand aus dem Fluß trank, warf er auch den Becher weg. Unsterblich seine Antwort an Alexander den Großen, der ihm einen Wunsch freistellte – Geh mir aus der Sonne.

Aber die Freiheit der Kyniker war keine willkürliche Freiheit. Auch, wenn sie die gesellschaftlichen Konventionen missachtete, hatte sie einen Referenzpunkt – die Notwendigkeit, die sich aus der Natur ergibt. Mit den Kynikern – und dann in deren Tradition mit der Philosophie der Stoa wird das, was als die Natur erkannt wird, determinierend für das, was Freiheit meint. Natur verbunden mit dem Glauben an die Vorsehung definieren, was stoisch Freiheit ist. Der Freiheitsbegriff klingt für uns heute aktuell und hochpostmodern: Frei ist, wer tut, was sie oder er will.

Damit ist allerdings nicht die Willkürfreiheit des modernen Subjektes gemeint. Dieses Subjekt gab es zur Zeit der Stoa nicht. Vielmehr werden die Menschen als frei bezeichnet, die aus Anerkenntnis der Natur und der Notwendigkeit einstimmen in das, was ihnen vorgeschrieben ist.

Die Freiheit von den Zwängen der Gesellschaft und die Relativierung der Normative wird wiederum erreicht durch rationale Einsicht – diesmal in das Wesen des Menschen aufgrund seiner Natur. Kultur und Natur kommen in einen Konflikt, der durchaus progressive Elemente hatte – etwa in den Gedanken des Naturrechts (dass der Begriff Natur dabei ein höchst artifizieller Kulturbegriff war und ist, kann uns hier nur am Rande beschäftigen). Kultur und gesellschaftliche Konvention müssen sich vor der Natur rechtfertigen und dem, was natürlich sei. Und Freiheit besteht darin, sich in das zu schicken, was der Natur nach notwendig ist – durchaus als Befreiung aus gesellschaftlicher Konvention. Allerdings tritt neben die Natur mit der Vorsehung ein zweites Element des Unverfügbaren. Die Vorsehung legt das Lebensgeschick fest und der Versuch, dem zu entkommen führt nicht zur Freiheit, sondern macht die Einzelnen zu Gefangenen ihres Geschicks. Frei werde ich – stoisch betrachtet – dadurch, dass ich meine Determinierung bejahe – und will, was mir vorgeschrieben ist. Was mir widerfährt, zwingt mich nicht – da ich genau das will,  was mit Notwendigkeit vorherbestimmt ist – indem ich zustimme und dies für mich wähle. In einer gewissen Dialektik können also auch ein Sklave oder eine Sklavin frei sein, wenn ihnen die Vorsehung bestimmt hat, in diesem Stande zu sein – obwohl es von Natur aus keine Sklav*innen gibt (anders etwa als bei Aristoteles) – indem sie in diese ihre Vorherbestimmung einwilligen.

Paul F. Martin

Studienleitung Theologie/ Gesellschaft/ Kultur
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res publica

Öffentliche Diskurse in öffentlichen Angelegenheiten.

Gemeinschaftlicher Ausgang aus nicht nur selbstverschuldeter Unmündigkeit.

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