Diskurs

Der 9. November und die Kontinuitäten rechter Gewalt

Ignatz Bubis 1995 bei der Einweihung des Denkmals für die Opfer des Olympiaattentats 1972 (Foto: Andreas Bohnenstengel, CC BY-SA 3.0 DE, Wikimedia Commons)

Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus waren im frisch wiedervereinigten Deutschland für alle sichtbar. Am 24. August 1992 brannte in Rostock-Lichtenhagen unter Applaus der Umstehenden eine Unterkunft für vietnamesische Vertragsarbeiter. Dutzende hatten das Gebäude zuvor in Brand gesetzt und schauten zu, wie sich die verzweifelten Menschen vor den Flammen zu retten versuchten und schließlich aufs Dach entkamen. Keine zwei Jahre später, am 25. März 1994, brannte in Lübeck die dortige Synagoge. Vier Rechtsextreme hatten das Gebäude mit Molotowcocktails angegriffen. Die fünf Personen, die sich zur Tatzeit im Gebäude befanden, konnten gerade noch evakuiert werden. Ein weiterer Anschlag auf die Synagoge im Folgejahr ist bis heute nicht aufgeklärt. Eine regelrechte Serie rechter Gewalt durchzog die Bunderepublik der 1990er Jahre – und wirft bis heute einen Schatten auf die Nachwendezeit.

Offen wollte man über die Gewalt damals oft nicht reden. Rechte Gewalt? Das sollte es im wiedervereinigten Deutschland nicht geben dürfen. In der Folge verharmlosten zahlreiche Politiker die Ausschreitungen, redeten sie klein oder gaben gar den Opfern eine Mitschuld. Einheitskanzler Helmut Kohl besuchte weder Rostock noch Solingen noch Mölln. Statt den grassierenden Rassismus und Antisemitismus gesellschaftlich umfassend zu problematisieren, kursierten allerhand alternative Erklärungsmuster für die Taten: jugendlicher Leichtsinn, soziale Abstiegserfahrung, psychische Probleme der Täter, Arbeitslosigkeit oder ein vermeintliches Demokratiedefizit. Hinweise der Opfer und Hinterbliebenen auf den wachsenden Nationalismus im Zuge der Wiedervereinigung wiegelte man vielfach ab. Beschämend viele Bürgerinnen und Bürgern stellten sich im Nachgang der Anschläge und Übergriffe sogar hinter die Angreifer.

Was geschah hier? Warum diese Gewalt? Und warum gerade jetzt? Die Antworten auf diese Fragen sind vielschichtig und sie reichen zeitlich weiter zurück als es auf den ersten Blick scheint. Antisemitismus und Rassismus hatte es nach 1945 durchgängig in beiden deutschen Staaten gegeben – und das ganz ohne die sozialen Verwerfungen der Wiedervereinigung. In der Bundesrepublik hatten bereits in den 1970er und 1980er Jahren rechtsextreme Anschlagsserien stattgefunden. 1980 etwa der Mord an Shlomo Lewin und Frida Poeschke oder 1982 die sogenannten „Nürnberger Diskothekmorde“. In der DDR hingegen wurde rechte Gewalt als „Rowdytum“ heruntergespielt und in vielen Fällen ignoriert oder vertuscht. Die antisemitische Stoßrichtung der Slánský-Prozesse schwappte bereits in den 1950er Jahren in die DDR und führte dort zu Repressionen gegen Jüdinnen und Juden. Währenddessen waren zahlreiche Nazis trotz aufwendiger Gerichtsprozesse und Entnazifizierungsverfahren in beiden deutschen Staaten ungeschoren davongekommen. Und machten Karriere, bis weit in die 1980er und 1990er Jahre hinein.

Die nationalsozialistische Vergangenheit – präsent war sie trotz der Zäsur im Jahre 1945 also noch immer. Allerdings schien sie für viele Deutsche in Ost und West keine unmittelbare Bedeutung für ihre Gegenwart darzustellen. Schon gar nicht 45 Jahre später, im frisch wiedervereinigten Deutschland, wo doch ganz andere Themen im Vordergrund standen: Privatisierungsmaßnahmen, Währungsreform, Angleichung der Lebensverhältnisse. Unter diesen zugespitzten Bedingungen zeigte sich ab 1989, was vorher nie weg gewesen war, sich nun aber öfter und gewaltsamer artikulierte. Kein Jahr nach dem Mauerfall und noch in der Nacht der Wiedervereinigung brannte es in der Bundesrepublik. In Magdeburg griffen Neonazis ein Wohnheim vietnamesischer Vertragsarbeiter an, in Zerbst ließen 200 Menschen ein besetztes Haus in Flammen aufgehen, in Rostock mussten 25 jüdische Spätaussiedler in Sicherheit gebracht werden. Insgesamt 30 rechte Gewaltakte verzeichnet die Initiative „zweiteroktober90“ bundesweit in nur dieser einen Nacht des 2./3. Oktobers. Nationalismus und rechte Gewalt hatten im Zuge der Wiedervereinigung neuen Nährboden bekommen. Und die Befürchtungen derjenigen, die bereits vor 1989 vor den Gefahren eines neu aufflammenden deutschen Nationalismus gewarnt hatten, schienen sich zunehmend zu bestätigen.

Gegenwärtig wird die Geschichte des Mauerfalls und der darauffolgenden Wiedervereinigung weitgehend ohne die massive Welle rechter Gewalt erzählt – ohne die An- und Übergriffe der 1990er Jahre, den grassierenden Alltagsrassismus dieser Zeit, die antisemitischen Parolen, Schmierereien, Gängelungen. Im Bewusstsein der nationalsozialistischen Gewaltgeschichte und vor dem Hintergrund der eigenen Verantwortung erinnern wir am 9. November an die jüdischen Opfer der nationalsozialistischen Novemberpogrome von 1938 und würdigen Mauerfall und Wiedervereinigung stattdessen am 3. Oktober. Darüber vergessen wir aber häufig die Perspektiven der heute lebenden Juden – und den bis heute anhaltenden Antisemitismus und Rassismus. Der Blick auf die rechte Gewaltserie in der unmittelbaren Nachwendezeit führt uns dies beispielhaft vor Augen.

Anders als Bundeskanzler Kohl reiste Ignatz Bubis, der damalige Präsident des Zentralrats der Juden, unmittelbar nach den Ausschreitungen im November 1992 nach Rostock-Lichtenhagen. Mit seinem Besuch, der der Solidarisierung mit den Opfern der rassistischen Gewalt galt, stieß er vor Ort aber nicht auf Zustimmung, sondern vielfach auf Entrüstung. Warum er sich hier in deutsche Debatten einmische, seine Heimat sei doch Israel, schleuderte Bubis der Rostocker CDU-Abgeordnete Karlheinz Schmidt damals entgegen. Nicht die Gewalt selbst, sondern die Anwesenheit eines Juden vor Ort wurde zum Problem erklärt. Noch sechs Jahre später machte der Schriftsteller Martin Walser dem Zentralratspräsidenten seinen Besuch in Lichtenhagen öffentlich zum Vorwurf. Im Nachgang seiner zweifelhaften Paulskirchenrede warf er Bubis vor, er habe durch seine bloße Anwesenheit damals in unzulässiger Weise suggeriert, dass die Taten im Bezug zum Nationalsozialismus stünden.

Dass Friedliche Revolution, Mauerfall und Wiedervereinigung als historische Ereignisse öffentlich gewürdigt werden müssen, steht außer Frage. Die Erfahrungen der von rechter Gewalt Betroffenen und die Kontinuität von Antisemitismus und Rassismus in der wiedervereinigten Bundesrepublik sollten in die Art und Weise, wie wir Geschichte erinnern, aber notwendigerweise mit einfließen. Das gilt auch und insbesondere für den 9. November, der uns in seiner doppelten Codierung als Jahrestag der Reichspogromnacht und des Mauerfalls erinnerungspolitisch noch immer vor Herausforderungen stellt.

Antisemitismus und Rassismus sind auch heute Teil unserer Gegenwart. Sich dieser Gegenwart bewusst zu machen und sich ihr zu stellen, heißt auch, Wege zu suchen, die jüngere deutsche Vergangenheit anders und vielfach neu zu erzählen.

Die Evangelische Akademie Sachsen-Anhalt veranstaltet am 16. November 2022 um 19 Uhr ein Podiumsgespräch zum Thema „Jüdische Perspektiven auf die Wiedervereinigung“ im Großen Saal der Akademie in Wittenberg. Zu Gast sind die Publizistin Stella Leder und die Literaturwissenschaftlerin Dr. Juliette Brungs. Den Abend moderieren wird Dr. Nora Pester, Verlagsleiterin des Hentrich & Hentrich Verlags.

Vincent Kleinbub

Mitarbeiter im Projekt „sus et iudaei – Schmähplastiken in Sachsen-Anhalt“
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