Diskurs

Talk am Turm: Jüdische Perspektiven auf die Wiedervereinigung

Dass sich am 9. November mit dem Jahrestag der Novemberpogrome und des Mauerfalls zwei einschneidende Ereignisse der deutschen Geschichte überlagern, stellt uns jedes Jahr aufs Neue vor erinnerungspolitische Herausforderungen. Für die Evangelische Akademie der Anlass, einen Blick auf die Kontinuitäten des Antisemitismus in der Bundesrepublik zu werfen und jüdische Perspektiven auf die Wiedervereinigung sichtbar zu machen. Zu Gast waren am 16. November die Publizistin Stella Leder und die Literaturwissenschaftlerin Dr. Juliette Brungs. Das Gespräch moderierte Dr. Nora Pester, Inhaberin des Hentrich & Hentrich Verlags für Jüdische Kultur und Zeitgeschichte. Etwa 25 Personen verfolgten den Abend im Großen Saal der Evangelischen Akademie in Wittenberg.

Wie erlebten Jüdinnen und Juden die DDR? Und wie die BRD? Was ist nach 1945 in den beiden deutschen Staaten vom Antisemitismus geblieben – und was nach 1989? Was heißt Erinnern heute, in einer Zeit in der der Antisemitismus nicht ab-, sondern stetig zunimmt? Und wie bewerten Jüdinnen und Juden die jüngere deutsche Vergangenheit, respektive Mauerfall und Wiedervereinigung? Zu diesen Fragen und zu zahlreichen anderen diskutierten am 16. November Stella Leder, Juliette Brungs und Nora Pester. Sie gaben biografische Einblicke in ihre Erfahrungen während der Vor- und Nachwendezeit und verbanden diese mit fachlicher Expertise und historischen Einordnungen.

Schlaglichtartig rückten dabei unterschiedliche Ereignisse der jüngeren deutschen Vergangenheit in den Blick: Die Großdemonstration am 4. November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz etwa. Oder auch die Leipziger Montagsdemonstrationen. Abseits der bekannten Bilder und Erzählungen ereigneten sich dort Dinge, die damals wie heute kaum wahrgenommen werden. Dass die rechtsextremen Parteien NPD und DVU auf den Demonstrationen offen zu mobilisieren versuchten, konnten Jüdinnen und Juden nicht ignorieren. Ebenso wie die kleine, aber feine Nuancierung, die aus dem Sprechchor „Wir sind das Volk“ im Laufe des Jahres 1990 immer öfter „Wir sind ein Volk“ werden ließ. Auf jüdischer Seite gab es für diese Entwicklungen oft einen geschärften Blick. Zur Freude über den Mauerfall mischte sich nach 1989 so auch die Sorge vor dem stetigen Anwachsen von Antisemitismus und Rassismus. Ein wachsender deutscher Nationalismus in Zeiten politischer Instabilität? Eine gefährliche Melange.

Tatsächlich folgte auf den Mauerfall bereits nach wenigen Wochen eine ganze Welle rechter Gewalt. Nicht selten wurden die Gewalttaten dabei von Teilen der deutschen Bevölkerung geduldet oder gar offen befürwortet. Unsere Podiumsgäste klärten über die Vorgeschichte dieser Ereignisse auf. Sie beschrieben, welche Erfahrungen Jüdinnen und Juden in den beiden deutschen Staaten nach 1945 machten – und wie auch der Antisemitismus dort weiterlebte. Besonders in der DDR waren Jüdinnen und Juden weitestgehend unsichtbar. Neben dem gesellschaftlichen Konformitätsdruck zeichneten sich dafür auch weit verbreitete antisemitische Stereotype verantwortlich. Mit dem staatlich nach außen getragenen Antizionismus bekamen sie in der DDR eine öffentliche Bühne, während Vorfälle antisemitischer Gewalt systematisch verschwiegen wurden. In der BRD wiederum waren bereits in den 1970er und 1980er Jahren Anschläge auf Jüdinnen und Juden verübt worden. Antisemitismus war auch hier ein fester Bestandteil jüdischer Alltagerfahrung – und konnte von überall herkommen: von rechts, von links und aus der bürgerlichen Mitte.

Diese Kontinuitäten des Antisemitismus ziehen sich zum Teil bis in unsere Gegenwart. In Deutschland artikulieren sie sich häufig über Formen der Opferkonkurrenz. Jüdische Erfahrungen werden dabei bewusst oder unbewusst in Konkurrenz zu anderen vermeintlichen oder tatsächlichen Gewalt- oder Abstiegserfahrungen gestellt, um sie implizit kleinzureden oder übergehen zu können. Auch heute, berichteten Stella Leder und Juliette Brungs, die beide in der politischen Bildung tätig sind, gestalte sich die Prävention gegen Antisemitismus deshalb oft schwer. Sensibilisierung und Bildung scheitern häufig an gesellschaftlichen und individuellen Mauern, die sich Menschen bauen, um sich mit Antisemitismus, womöglich gar dem eigenen, nicht auseinandersetzen zu müssen.

Wir bedanken uns herzlich bei Frau Pester, Frau Leder und Frau Brungs für ihre Einblicke und das eindrückliche Podiumsgespräch.

Vincent Kleinbub

Mitarbeiter im Projekt „sus et iudaei – Schmähplastiken in Sachsen-Anhalt“
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