Diskurs

Der Figurenkranz an der St. Stephani-Kirche in Calbe

Recherchen zur judenfeindlichen Schmähplastik

In insgesamt drei Vorträgen und Gesprächsrunden hatten die Evangelische Akademie Sachsen-Anhalt und der Gemeindekirchenrat in Calbe in den letzten Monaten Schlaglichter auf die lange und verheerende Geschichte christlicher Judenfeindschaft geworfen. Am Dienstag, den 15. November, fand nun die vierte und letzte Veranstaltung der Vortragsreihe „Steine des Anstoßes“ statt. Der Theologe und Historiker Dr. Hartmut Kühne stellte in Calbe seine Recherchen zum Figurenkranz an der St. Stephani-Kirche vor. Im Fokus stand dabei auch die judenfeindliche Schmähplastik – eine der insgesamt 14 unechten Wasserspeier, die sich auf den Strebepfeilern der Kirche befinden. Etwa 40 Besucherinnen und Besucher verfolgten Herrn Kühnes Vortrag.

Was hat es mit den Wasserspeiern an der St. Stephani-Kirche auf sich? Wann wurden die Figuren angebracht? Und welche Geschichte verbindet sich mit der judenfeindlichen Schmähplastik an der Kirche? Dr. Hartmut Kühne ist diesen Fragen in den letzten Monaten detailliert nachgegangen. Er hat zahlreiche Archive besucht und Bestände gesichtet, um mehr über die 14 unechten Wasserspeier und über die Baugeschichte der St. Stephani-Kirche zu erfahren.

Dabei konstatierte Herr Kühne zunächst einmal, dass die Figuren sowohl in der zeitgenössischen Literatur und als auch in den baugeschichtlichen Dokumenten überraschend lange unerwähnt bleiben. Anzunehmen ist, dass bereits Anfang des 15. Jahrhunderts Wasserspeier an der Kirche angebracht wurden, Beschreibungen aus dem Spätmittelalter und der Frühen Neuzeit fehlen aber gänzlich. Auch aus Zeichnungen und Holzschnitten lässt sich wenig über die 14 Figuren aussagen. Detailliert beschrieben wurden die Wasserspeier erst 1874 vom damaligen Calbenser Pfarrer Moritz Gotthilf Rocke. Der erwähnte die Figuren in seiner Stadtchronik und stellte besonders die judenfeindliche Schmähplastik heraus – ein, wie er schreibt, „Rückbleibsel des in der evangelischen Kirche mehr und mehr glücklich überwundenen Judenhasses und Judenspotts.“ Beschreibungen der Darstellung finden sich später auch bei den Chronisten Max Dietrich (1894), Gustav Hertel (1904) und Paul Krull (1937). Interessanterweise entsprechen ihre Deutungen der Wasserspeier in großen Teilen denen von Rocke. Es liegt also nahe, dass die Rezeption der Calbenser Figur als „Judensau“-Darstellung insbesondere gegen Ende des 19. Jahrhunderts publizistische Verbreitung fand. Ob sie bereits zuvor von den damaligen Betrachtern als solche erkannt und wahrgenommen worden ist, lässt sich hingegen nicht rekonstruieren.

Im Vorfeld des Vortrags war in Calbe vor allem eine Frage immer wieder intensiv diskutiert worden: Sind die heutigen Wasserspeier eigentlich dieselben wie die, die im Spätmittelalter an der Kirche angebracht wurden? Die Einschätzung von Herrn Kühne, die sich auf die Expertise mehrerer Kunsthistoriker und Restauratoren stützt: Mit großer Wahrscheinlichkeit nicht. Dafür spricht sowohl der Zustand der Figuren als auch deren Bildsprache. Vermutlich wurden die Figuren im Laufe der Zeit mindestens einmal ausgewechselt. Wann genau, das lässt sich nicht exakt datieren. Anhaltspunkte dafür, dass es sich um jüngere Figuren handelt, finden sich aber zum Beispiel bei der steinernen Ausgestaltung von Tierfell oder bei der Art der Oberflächenstruktur. Besonders interessant ist in diesem Zuge auch die Bildsprache der judenfeindlichen Schmähplastik. Während viele der anderen Wasserspeier zumindest ihrer Erscheinung nach auf mittelalterliche Darstellungskonventionen verweisen, entspricht diese Figur in vielen Punkten überhaupt nicht der hoch- und spätmittelalterlichen Motivvorlage. Die im Mittelalter verbreitete Darstellung von als Juden markierten Menschen, die auf obszöner Weise an den Zitzen einer Sau saugen, sucht man in Calbe vergeblich. Auch trägt die Figur an der St. Stephani keinen mittelalterlichen „Judenhut“.

Stattdessen erinnert die Darstellung mit Kippa, Schläfenlocken und markanter Physiognomie vielmehr an antisemitische Darstellungen im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Mit dem Stereotyp des sog. „Ostjuden“ hatten Antisemiten im deutschen Kaiserreich massiv Stimmung gegen die jüdische Bevölkerung gemacht. Dass die Figur mit den damals kursierenden Karikaturen und Bildern große Ähnlichkeit aufweist, lässt es nicht unplausibel erscheinen, dass die Calbenser Schmähplastik sogar noch jünger ist als bisher angenommen. Ist die Figur also um 1900 neu angebracht worden? Und wurde ihr judenfeindlicher Charakter dabei womöglich noch einmal bildlich aktualisiert? Mit Sicherheit sagen, lässt sich das nicht. Sollte es aber zutreffen, haben wir es in Calbe nicht mehr mit einem antijüdischen Motiv des ausgehenden Mittelalters zu tun, sondern mit einer eindeutig antisemitischen Darstellung der Neuzeit. Bezüglich der Entscheidung über den weiteren Umgang mit der Plastik würde das notwendigerweise neue Fragen aufwerfen und auch neuen Handlungsbedarf anzeigen.

Wir bedanken uns bei Herrn Kühne sehr herzlich für seinen Vortrag. Die Ergebnisse seiner Recherchen werden in den nächsten Wochen auch noch einmal gesondert als Publikation erscheinen.

Vincent Kleinbub

Mitarbeiter im Projekt „sus et iudaei – Schmähplastiken in Sachsen-Anhalt“
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