Diskurs

„Big Tech muss weg!“ – Digitale Souveränität für Sachsen-Anhalt?

Vortrag und Diskussionsrunde am 26.6.26
Aufnahme der Diskussionsrunde auf einem Laptop, dessen Monitor sichtbar ist
Bild: Offener Kanal Merseburg-Querfurt

Digitalexperte Dr. Martin Andree gab am Freitag in der Ev. Akademie Sachsen-Anhalt mit seinem Vortrag vor Ort und in der Onlinezuschalte Impulse zum Thema. Andree berichtete aus seiner gerade erst am Donnerstag veröffentlichten Studie. Wenn man die Nutzungszeiten betrachten würden, hielten sich Deutsche im Internet zu weit über 99 Prozent in sozialen Netzwerken und Messenger-Diensten auf, die wenigen amerikanischen Technologie-Firmen gehören, den so genannten Big Tech.

Alle anderen Webseiten und Dienste bezeichnete Andree als Friedhof, weil die Nutzungszeiten so gering sind, dass sie kaum für einzelne Angebote zu ermitteln seien. Diese Firmen würden die Nutzenden außerdem in einen goldenen Käfig sperren, ihre Angebote priorisieren und die Verlinkung anderer Inhalte zumindest erschweren. Sie würden also ihre Monopole ausnutzen. Wir – als Gesellschaft – hätten diesen Anbietern erlaubt, sowohl Netzwerkinfrastruktur als auch Diensteanbieter zu sein. Letzteres allerdings ohne, dass sie Verantwortung für die Inhalte zu übernehmen.

Durch diese Infrastruktur, die quasi ein monopolistisches Netz über das eigentliche Internet gestülpt habe, würde sowohl die freiheitliche Demokratie als auch die Marktwirtschaft gefährdet.

Als Lösung fordert Andree die Trennung von Infrastruktur und Inhalt. Als Netzwerkanbieter müsste z.B. Google unterschiedliche Suchmaschinen auf seiner Seite anbieten, oder aber als Inhaltsanbieter die Infrastruktur an einen anderen Anbieter abgegeben. Außerdem müsste es wieder möglich werden, mit allen Daten zwischen Diensten zu wechseln. Diese Interoperabilität würde gewährleisten, dass sich Nutzende entscheiden können, wo sie z.B. ihre Influencer-Karriere aufbauen. Und sie könnten anschließend jederzeit mit allen Inhalten und Followern den Anbieter wechseln, z.B. von Youtube zu einer Peertube-Instanz. Es bräuchte also harte Regulierungen, die zum Teil auf europäischer Ebene auch schon angefangen wurden, aber bisher zu kurz greifen und oft auch nicht vollständig umgesetzt würden.

Die Metapher vom Friedhof und auch andere vereinfachende Beschreibungen wurde in der anschlienden Diskussion kritisch aufgenommen. Mit Tobias Thiel (Studienleiter, Ev. Akademie) diskutierten Steffen Dunst (Hauptabteilungsleiter für Technische Infrastruktur beim Mitteldeutschen Rundfunkt Leipzig), Kristina Richter (Vorstand Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur, Dresden) Maria Christina Rost (Landesbeauftragte für den Datenschutz des Landes Sachsen-Anhalt) und Bernd Schlömer (Staatssekretär im Ministerium für Infrastruktur und Digitales des Landes Sachsen-​Anhalt). Schlömer berichtete davon, dass Sachsen-Anhalt sich auf den Weg zu mehr digitaler Souveränität gemacht habe. Es werde bei allen technischen Ausschreibungen immer geprüft, ob Open-Source-Software oder zumindest europäische Anbieter die Anforderungen erfüllen könnten und diese würden dann auch priorisiert. Rost ergänzte, dass bei Software die transparenter ist, Datenschutz-Belange leichter zu prüfen seien. Insofern sei Open Source nicht immer besser, aber immer besser zu kontrollieren. Proprietäre Anbieter hätten eher ein Interesse am Datenhandel und nicht alle Datenweitergaben seien auf Anhieb zu erkennen. Gemeinsam mit Richter betonte sie auch die Bedeutung der Medienbildung. Auch wenn die Regulierung staatliche Aufgabe sei, könne auch jeder Einzelne etwas zu einer besseren digitalen Welt beitragen. Dunst kam in der Diskussion die undankbare Aufgabe zu, zu erklären, warum man bei der ARD vorerst auf eine Vereinheitlichung mit proprietärer Software gesetzt habe. Er erläuterte auch, dass Medien-Inhalte prioritär in den eigenen Seiten und Plattformen veröffentlicht, einzelne Angebote dann aber als Anker auch in sozialen Netzwerken der Big Tech ausgespielt würden.

Wer die Veranstaltung verpasst hat, kann den Mitschnitt in Kürze in den Bürgermedien und in der Mediathek lokalmedial.de sowie auf den Seiten der Ev. Akademie sehen. Die Veranstaltung wurde von der Bundeszentrale für politische Bildung und der Stiftung Evangelische Akademie in der Lutherstadt Wittenberg unterstützt und fand im Rahmen des Projektes „Offene Software – offene Gesellschaft„, das die Akademie gemeinsam mit dem Offenen Kanal Merseburg-Querfurt durchführt, und des „Lokalen Netzwerks für ein gutes Aufwachsen mit Medien im Landkreis Wittenberg“ statt.

Gutes Aufwachsen mit Medien im LK Wittenberg
Offene Software – offene Gesellschaft
Junge Akademie

Tobias Thiel

Studienleiter für gesellschaftspolitische Jugendbildung

Diskurs-Beiträge

Zum Inhalt springen