Diskurs

Was die Kirchen spaltet

Feministische Kritik an der „E-Mail von der Kanzel Doktor Luthers“.
Tisch mit Ausgabe des Vatican Magazins
Tisch mit Ausgabe des Vatican Magazins. Foto von Miriam Meir.

Dieser Gast-Beitrag im Blog res publica ist eine Reaktion auf die im Vatican Magazin veröffentlichte „E-Mail von der Kanzel Doktor Luthers“ und ist im Nachgang eines Gesprächs mit dem Verfasser entstanden. Ich greife darin einige Punkte des Artikels auf, welche ich aus einer feministischen Perspektive und als evangelische Christin für problematisch halte. Eine ausführliche theologische Kritik an der E-Mail verfasste bereits unser Studienleiter für Theologie/ Politik/ Kultur, Paul F. Martin.

Zusammenfassung des Artikels

Die „E-Mail von der Kanzel Luthers“ wurde von einem der Predigenden in der Stadtkirche Mariens in Lutherstadt Wittenberg formuliert und in der Mai-Ausgabe des Vatican Magazins 2021 veröffentlicht. Darin beobachtet der Verfasser, Alexander Garth, mit Sorge „die Protestantisierungebestrebungen in unserer Katholischen Schwesterkirche, wie sie sich in Maria 2.0 und im Synodalen Weg ausdrücken.“ Die Demokratisierung der Volkskirche habe die evangelische Kirche in der NS-Zeit bereits mit einem „braunen Ungeist kontaminiert, pervertiert und schließlich geistlich paralysiert“. Den „Reformern“ lasse er deshalb ausrichten: die Evangelische Kirche habe alles, was sie fordern und sei in einem schlimmeren geistlichen und physischen Zustand (1), sie sollen doch lieber gleich konvertieren (2) und die Welt brauche eine katholische Identität mit Farbe und Intensität (3).

Der Text suggeriert, Feminismus habe zu einem Verfall der Evangelischen Kirche in Deutschland geführt.

 „1) [An die Reformer:] Schauen Sie auf die Evangelische Kirche in Deutschland. Dort ist all das wofür Sie kämpfen, Realität: Frauen als Priester, Synodalverfassung, verheiratete Pfarrer, Feminismus. Der geistige und physische Zustand der evangelischen Kirche ist indes noch schlimmer und die Auswirkungen der Säkularisierung noch verheerender als in der katholischen Kirche“.

Frauen als Priester [sic!] gibt es in der evangelischen Kirche tatsächlich schon ziemlich lange. Genau genommen seit der Reformation, da „was aus der Taufe gekrochen ist, das mag sich rühmen, dass es schon Priester, Bischof und Papst geweiht sei“. Ist es demnach das Priestertum aller Gläubigen, das die Kirche in einen vermeintlich schlimmeren geistigen und physischen Zustand geführt hat? Oder war mit „Frauen als Priester“ fälschlicherweise die Frauenordination gemeint, die sich im 19. und 20. Jahrhundert begann durchzusetzen? Doch was diese, ebenso wie die anderen genannten Punkte, mit den hier postulierten verheerenden Auswirkungen der Säkularisierung zu tun haben, wird in dem Text nicht weiter ausgeführt, geschweige denn in irgendeiner Form belegt.

Der Text fordert insbesondere Frauen zur Konversion auf.

„2) Wenn Sie unbedingt diese andere Kirche wollen, werden Sie doch evangelisch. Dort ist alles umgesetzt, was Sie anstreben.

Also bald noch mehr christliche Feminist:innen in der evangelischen Kirche? Würde das in der Logik des Artikels nicht deren finalen Untergang bedeuten? Im Ernst: Auf den ersten Blick mag es tatsächlich wie eine große Bereicherung scheinen, würden die Frauen der Maria 2.0-Bewegung gesammelt konvertieren und ihre Energie und Spiritualität in der evangelischen Kirche einbringen. Doch geholfen wäre ihr damit sicher nicht. Davon abgesehen, dass der Unterschied zwischen den Konfessionen wohl kaum, wie im Text suggeriert, auf die Reformen reduziert werden kann, werden christliche Kirchen in Deutschland von außen (zum Glück) mehr und mehr als die eine Kirche wahrgenommen. Die Werte, welche derzeit auf dem Synodalen Weg verhandelt werden, sind darum weder ausschließlich römisch-katholische noch protestantische Werte. Es sind christliche Werte, mit denen Christenmenschen jeder Konfession identifiziert werden. Umso dankbarer können darum auch evangelische Christ:innen sein, dass es in der Katholischen Kirche Bewegungen gibt, die für Gerechtigkeit einstehen. Bewegungen, die sich wie Maria 2.0 organisieren und mutig Machtstrukturen und Privilegien hinterfragen, Missbrauch anprangern und sich einer hierarchischen Führung entgegenstellen. Bewegungen, die von einer lebendigen Kirche zeugen.

Ein evangelischer Pfarrer meint, die katholische Identität besser als jede Katholikin verstanden zu haben.

„3) Ich als Protestant mit katholischem Herzen und Pfarrer auf der Kanzel Martin Luthers würde die Protestantisierung der Katholischen Kirche für ein großes Unglück halten, denn diese Welt braucht das katholische Profil der katholischen Spiritualität mit Papsttreue, Marienverehrung und dem Beispiel der Heiligung der Kirche. Und die christliche Welt braucht die katholische Identität, weil es ein großer Verlust für die Christenheit wäre, wenn die katholische Farbe des Glaubens an Intensität verlöre.“

Tatsächlich scheinen die ökumenischen Ambitionen hinter diesem Artikel beachtlich. Wenn ein konservatives katholisches Magazin heute auf die Unterstützung von „der Kanzel Doktor Luthers“ baut, um gegen Reformbewegungen Stimmung zu machen, sind es definitiv nicht mehr die Konfessionen, die diese eine christliche Kirche spalten. Vielmehr spaltet die Überzeugung einiger Cis-Männer, aus ihren Geschlechtsmerkmalen eine gewisse Deutungshoheit ableiten zu können. Was spaltet, ist diese absurde Idee, Gott schaue bei seinen Berufungen zu allererst einmal auf das Geschlecht, bevor sie den Menschen als Ganzes in den Blick nimmt. Es spaltet, wenn ein evangelischer Pfarrer meint, es besser als jede katholische Frau verstanden zu haben, was die katholische Identität ausmache und wovor es sie zu beschützen gelte. Sexismus spaltet Kirchen, ganz egal ob evangelisch oder katholisch. Er grenzt Menschen aus, er hindert sie daran, ihren Berufungen nachzugehen und er hemmt sie darin, frei ihren Glauben zu leben und andere dabei zu unterstützen. Ein Glück gibt es da engagierte Christ:innen in allen Konfessionen, die sich damit nicht zufrieden geben, Sexismus bekämpfen und in den eigenen Reihen anfangen.

„Er stößt die Gewaltigen vom Stuhl und erhebt die Niedrigen“.

Zum Schluss noch ein paar Hinweise: Im feministischen Andachtskollektiv (fAk) veröffentlichen jede Woche junge Christ:innen verschiedener Konfessionen Andachten aus einer feministischen Perspektive auf Instagram. Interessante Impulse in den sozialen Medien gibt auch Jacqueline Straub. Als katholische Theologin fühlt sie sich zur Priesterin berufen, hält Vorträge und klärt immer wieder von Neuem auf. Zuletzt wurde ich in einem Audiobeitrag über den Synodalen Prozess auf das Buch „Weil Gott es so will“ von Philippa Rath aufmerksam. Die Benediktinerin sammelte die Geschichten von 150 Frauen, welche ihre Berufungserfahrungen und den damit verbundenen Leidensdruck in der Katholischen Kirche schildern.

Miriam Meir

Projektstelle "Konfis und die Eine Welt "
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