Diskurs

Gebt dem Kaiser … zum Verhältnis Mensch, Gott, Staat/Herrschaft in der Bibel II

Patriarchat als Norm - die Erzväter

Im Lichte des Evangeliums …

Patriarchat als Norm – die Erzväter

Zeit und Raum, in denen die biblischen Texte entstehen, war durch patriarchale Strukturen geprägt. Sie waren die Norm und sind es in gewisser Weise bis heute. Schöpfungstheologisch nicht zu halten, naturrechtlich unsinnig und im Blick auf die Anthropogenese höchst fragwürdig bestimmten sie doch die Vorstellungen in den Texten des Ersten Testaments. 

In den frühen nomadischen Gruppen ist mit großer Selbstverständlichkeit ein Mann mittelnde Instanz zwischen dem Göttlichen und Irdischen (er brachte die Opfer dar und wurde von der Gottheit auch verantwortlich für Verfehlungen gemacht), den Gruppenmitgliedern nach innen und für die Gruppenmitglieder nach außen (Ehen wurden selbstverständlich zwischen zwei alten Männern geschlossen.) Dabei stand ein Mann seinem Clan vor – und dieser neben anderen. 

Mit Abraham beginnt die Reflexion der eigenen Geschichte des Volkes Israel. In der Genealogie folgt auf diesen Isaak, und dann Jacob, der dann allerdings 12 Söhne hat, die zu den Stammesvätern des Volkes Israel werden. Unter diesen entstehen nun fundamentale Spannungen, weil der eine Sohn – Joseph – die normativen Vorstellungen der Stammesgesellschaft infrage stellt. In seinen Träumen sieht er, wie sich seine Brüder und seine Eltern vor ihm verneigen – er, der als elftgeborener ganz hinten in der Hackordnung der patriarchalen Gesellschaft stand. Hier taucht das Motiv der göttlichen Auswahl in besonderer Weise auf – die Auswahl Gottes kann die patriarchale Struktur unterbrechen, wenn sie sie auch nicht aughebt. Hatte Gott Abraham aus seiner Umwelt ausgewählt, Isaak als Sohn der Verheißung vorherbestimmt und Jakob vor Essau erwählt – der damit zum Anderen wird, sieht sich Joseph als einzelner über seine Brüder gestellt. Was diese eher nicht so gut fanden. Der Rest der Geschichte ist Geschichte geworden – der Verkauf Josephs nach Ägypten, sein kometenhafter Aufstieg nach einem kurzen Absturz und die Rettung des Clans aus einer Hungersnot durch Ansiedlung in Ägypten. In Ägypten leben die Clans der Brüder nebeneinander und alle regeln ihre Angelegenheiten bis zur kollektiven Versklavung durch Ägypten. Wichtig – Josephs Ausnahmestellung ist an seine Person gebunden und nicht an seine Familie. Selbst sein Clan, der später aufgeteilt wird auf die zwei Söhne Josephs, spielt keine herausragende Rolle. 

Das, was in den Geschichten der Bibel narrativ dargestellt ist, wird in der Beschreibung des Hauses in der Politik des Aristoteles noch einmal auf einem anderen Reflexionsniveau dargelegt. Und das zeigt, dass diese Form von Herrschaft der einen über die anderen kein Randphänomen war. 

Wie dramatisch die Macht des Patriarchats war, zeigt sich besonders an Hagar und Ismael, die von Abraham (auf Wunsch Saras, die als Haupt-Frau des Patriarchen besondere Rechte beanspruchte) buchstäblich in die Wüste geschickt wurden.

Die Prägekraft dieser Idee wirkt bis heute. Etwa, wenn Femizide immer noch als Beziehungsdramen relativiert werden oder die strukturelle Benachteiligung von Frauen bestritten wird. Dabei ist Antifeminismus kein Phänomen der extremen Rechten allein, sondern anschlussfähig bis tief in die sogenannten konservativen Parteien und Bewegungen. 

Fortsetzung folgt …

Arbeitsbereich Theologie & Politik
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Paul F. Martin

Studienleitung Theologie/ Gesellschaft/ Kultur

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