Diskurs

DIE WAHRHEIT ÜBER EVA

Die Erfindung der Ungleichheit von Frauen und Männern

Rezension zu dem Buch von Carel van Schaik und Kai Michel

Die Geschichte von Eva, die Adam verführt und damit verantwortlich wird für die Katastrophengeschichte der Menschheit und für die Unterordnung der Frauen unter ihre Männer – gehört sicher zu den bekanntesten und wirkungsgeschichtlich verheerendsten Geschichten der Bibel.

Was also kann uns diese Geschichte heute noch erzählen? Sollten wir sie nicht auf dem Haufen der alten Mythen entsorgen?

Aber ganz so einfach ist es nicht. Weder sind die alten Mythen einfach nur alte Mythen; noch ist unser modernes Leben frei von Mythen. Nur erkennen wir sie nicht, weil wir vollkommen selbstverständlich in ihnen leben. Und dazu gehört für viele bis heute ein Gefühl für die “natürlichen Unterschiede“ – etwa zwischen Männern und Frauen oder zwischen Rassen (die jeweils nicht natürlich/ biologisch sind, als soziale Konstrukte aber immer noch wirken).

Doch was können wir erwarten, wenn ein Literaturwissenschaftler (Kai Michel) und ein Verhaltensforscher und Evolutionsbiologe (Carel van Schaik) sich dieses Textes annehmen.

Um es vorwegzunehmen: Ein ausgesprochen empfehlens- und lesenwertes Buch. Im wohltuenden Unterschied zum üblichen Krawall-Atheismus arbeiten sie mit großem Respekt und vor allem mit Kenntnis an den Texten und an der Entstehung und Wirkung in ihrer Einbettung in die Geschichte der Menschheit.

So stellen sie in einem ersten Punkt die Differenz für das heraus, was nach dem Text die göttliche Schöpfungsordnung sei – die Gleichheit aller Menschen (denn im Paradies gibt es keine Herrschaftsverhältnisse) und die Heiligkeit eines jeden Lebens (denn im Paradies leben alle vegan) – und den gegenwärtigen Verhältnissen (die durch Unterdrückung und Blutvergießen geprägt sind). Das zeigt schon einmal die Paradoxie der Geschichte von Adam und Eva – die gesellschaftlichen Verhältnisse, die durch die Unterdrückung der Frauen durch Männer bestimmt wird, lässt sich nur als Perversion der göttlichen Schöpfungsordnung verstehen. Problematisch an der Geschichte bleibt, dass in der Wirkungsgeschichte die Schuld und die Folgen vor allem auf den Töchtern Adams liegen und nicht auf den Söhnen Evas.

Interessant ist dann die Einordnung des Textes in die Entwicklungsgeschichte der Menschheit, die mit der Seßhaftwerdung und der Etablierung von Privatbesitz vor etwa 5.000 Jahren in eine vollkommen neue Phase eintritt – und das mit verheerenden Folgen für das Verhältnis der Geschlechter – zu Lasten der Frauen.

In diesem Kontext entsteht sowohl das Patriarchat als auch die Dominanz der Männer im öffentlichen Raum – und zwar in allen Bereichen. Das betrifft die Wirtschaft, da in der Regel Männer als Patriarchen dem Haus vorstehen. Das betrifft den Bereich des Religiösen – in welchem Frauen mit ihren religiösen Traditionen immer mehr in den nichtöffentlichen Bereich zurückgedrängt werden (was in den jüdischen und christlichen Traditionen noch verstärkt werden wird). Das betrifft natürlich in gleicher Weise den Bereich des Wissens. Denn die Abwertung des Weiblichen war kein religiöses Phänomen, sondern eins männlicher Überlegenheitsbedürfnisse, wofür alle Lebensbereiche eingebunden wurden. Im Bereich der Wissenschaften lässt sich diese Linie von Aristoteles über Darwin (!) bis ins Heute ziehen – indem die Unterordnung resp. Ungleichwertigkeit von Frauen quasi naturwissenschaftlich begründet wird. Demnach kann es also nicht um eine Kritik der Religion oder der Wissenschaft gehen, sondern es muss tiefer ansetzen und eine Kritik der Machtverhältnisse in den Blick kommen, welche Religion, Ideologie und Wissenschaft in Anspruch nimmt, um diese Verhältnisse zu zementieren.

Ein wichtiger Punkt ist die Auseinandersetzung mit der christlichen Schuldgeschichte, für die Jesus ein sehr schlechter und Paulus nicht unbedingt der beste Gewährsmann ist (Die Haltung des Paulus ist ambivalent vor allem im Blick auf sein von seinen missionarischen Interessen geprägten Bemühen, an kulturelle Prägungen der Umwelt anzuknüpfen.).

Auch hier ist wieder die sorgfältige und von Respekt und Kenntnis bestimmte Art und Weise hervorzuheben, mit der die Autoren sich dem Thema nähern – ohne dem Christentum und der Theologie irgendetwas von dieser Schuldgeschichte zu ersparen.

Das Buch Die Wahrheit über Eva ist ausgesprochen inspirierend und horizonterweiternd. Die Irritation, dass es von zwei Männern geschrieben wurde (und hier von einem weiteren Exemplar der Gattung rezensiert wird), gehört dazu und kann uns zu der Erkenntnis helfen, dass wir alle vom Patriarchat und den Folgen von Herrschaft und den herrschenden und beherrschenden Besitzverhältnissen betroffen sind (Wenn auch nicht alle im selben Maße und mit den gleichen Folgen.) und wir gut daran tun, gemeinsam nach einem solidarischen Miteinander zu fragen und zu suchen.

Paul F. Martin

Studienleitung Theologie/ Gesellschaft/ Kultur
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