Diskurs

Gebt dem Kaiser … zum Verhältnis Mensch, Gott, Staat/Herrschaft in der Bibel V

Gottes auserwählter Sohn — Königtum zwischen ritueller Legitimation und prophetischer Kritik

Im Lichte des Evangeliums …

Wie erwähnt endet das Richterbuch mit dem Satz: »In jenen Tagen war kein König in Israel. Jeder tat, was recht war in seinen Augen.« In einer freien Gesellschaft ist das Ausdruck von Emanzipation und Autonomie, in einer patriarchalen oder tyrannischen dagegen ruft es alle dystopischen Vorstellungen hervor, die denkbar sind. In der theokratischen Patriarchalanarchie war es der Freibrief der Clanoberhäupter, nach eigenem Gutdünken zu leben und zu handeln – zumindest solange, bis der Zorn Gottes über Götzendienst oder überbordende soziale Verwerfung eine Rückbesinnung notwendig machte. 

Mit den Samuelbüchern beginnt ein neues Kapitel in der Geschichte Israels. Der Stämmebund wird zum Staat mit König und Zentralheiligtum. Am Anfang dieser Geschichte steht mit Samuel eine Gestalt, die wie Mose oder Johannes, der Täufer schon vor der Geburt von Gott erwählt ist. 

Samuel gehörte zum Stamm Ephraim und war schon vor seiner mirkakulösen Zegung von Gott erwählt, als Prophet und Richter in Israel eine führende Position zu begleiten. Als er alt geworden seine mentalen und körperlichen Kräfte zu verlieren beginnt und die Israeliten keine Erbfolge wollen – die Söhne Samuels halten mit ihm nicht mit, bedrängten sie ihn, für sie einen König einzusetzen – ausdrücklich mit dem Wunsch, so zu sein, wie die anderen Völker auch. Dieses Ansinnen kränkt Samuel und er beschwert sich bei Gott. Gott aber antwortet ihm: »Höre auf die Stimme des Volkes in allem, was sie sagen! Denn nicht Dich haben sie verworfen, sondern mich haben sie verworfen, dass ich nicht König über sie sein soll. Entsprechend all den Taten, die sie getan haben von dem Tage an, da ich sie aus Ägypten geführt habe bis zum heutigen Tag, dass sie mich verlassen und anderen Göttern gedient haben, so machen sie es auch mit dir.« 

Der Wunsch nach einem König wird in diesem Text mit Götzenverehrung gleichgesetzt. Der Wunsch nach einem König ist Zeichen der Ablehnung Gottes und Auflehnung gegen Gott selbst. Das ist einigermaßen atemberaubend, da es keine vergleichbaren Texte dieser Zeit gibt, die auch nur annähernd radikal einen Widerspruch und Gegensatz zwischen Gott und König anzeigen. 

Nun gibt es neben dieser tatsächlich sehr radikalen Linie auch andere, die den König Israels in ein freundliches Licht und in die Nähe Gottes setzen. So ist schon Saul, der später wieder verworfene erste König Israels, eine herausragende Gestalt, die Gott selbst auswählt. Bei David, der zum Urbild des guten Königs wird, steigert sich die Wertschätzung und die Nähe zu Gott, in die er gerückt wird. In Psalmtexten (Ps. 2) wird David von JHWH adoptiert. Es entsteht geradezu eine Königstheologie, in der der König Gottes Auserwählter ist (und nicht sein Widerpart). Besonders deutlich wird das in den Chronikbüchern, die sehr großzügig in den Auslassungen der Verbrechen Davids sind. Stattdessen ist David Teil des göttlichen Heilspans für Israel. Die Königsbücher werfen einen anderen Blick auf David. Insgesamt wird das Königtum nicht so aufgeladen – bei aller prinzipiellen Zustimmung. David ist der von Gott erwählte König, das aber ist kein Freibrief für ihn zu tun, was er tun kann. 

Das aber, was im Gespräch zwischen Samuel und JHWH zur Sprache kommt, wird alle Machthabenden in Israel und Juda begleiten – der kritische Blick und das anklagende Wort der Propheten.

In dem Zusammenhang steht einmal die Warnung Samuels gegenüber dem Volk: Wenn Ihr euch einen König wünscht, wird dieser eure Freiheiten beschneiden, eure Söhne und Töchter zu Diensten zwingen. Er wird euer bestes Land seinen Beamten geben und eure Dienstleute für sich arbeiten lassen. Zudem den Zehnten an allem einfordern und ihr werdet seine Knechte sein.

Demgegenüber steht, dass ihr als Knechte Gottes frei seid. Dieses Motiv ist wichtig für das Verständnis des Christentums als zutiefst anarchistische Praxis. 

Fortsetzung folgt …

Arbeitsbereich Theologie & Politik
Denk­bewegungen
res publica

Paul F. Martin

Studienleitung Theologie/ Gesellschaft/ Kultur

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