Im Lichte des Evangeliums …
Mit Mose beginnt in den Geschichten etwas Neues – in gewisser Weise bereiten diese Texte die Volkswerdung vor. Waren vorher die Stämme und in ihnen die Clans autonom, verbinden sie sich mit Mose unter einem Führer, der dazu noch göttlich legitimiert ist und in Gottes Namen und quasi mit seiner Stimme spricht. Widerstand und Widerspruch gegen Mose ist zugleich Widerstand und Widerspruch gegenüber Gott. Gott selbst erwählt Mose und stellt ihn vor das Volk, das sich dazu verhalten muss – wobei Widerspruch potenziell tödlich ist.
Gott herrscht über sein Volk mittels Moses. Mose ist der Übermittler des göttlichen Willens und der göttlichen Worte. Spannend ist dabei, dass die Gestalt Mose lange Zeit in der Geschichte Israels, wie wir sie in den Büchern des Ersten Testaments lesen können, keine Rolle spielt. Er wird als Figur erst interessant, als das von ihm aufgeschriebene (was natürlich ihm allerdings nur zugeschrieben wurde) Gesetz normativ gemacht wurde.
Das theokratische Element verschiebt sich dadurch von einem Menschen auf einen Text – der wiederum interpretiert werden muss. Und für dessen “richtige“ Interpretation es keine Einzel-Instanz gab. Das machte die Herrschaft Gottes zu einem Aushandlungs- und Auslegungsgeschehen.
Damit sollen die problematischen Aussagen in diesem Gesetz nicht relativiert werden. Und da sie bestimmte gesellschaftliche Stereotype festschreiben, bleibt eine kritische Auseinandersetzung mit diesen Texten unumgänglich. Zumal sie als Willen Gottes deklariert werden.
Es bleibt auch festzuhalten, dass sie natürlich für heute nichts begründen. Aber es verschiebt die Vorstellung von Theokratie noch einmal deutlich, wenn es eben interpretationsfähige Texte sind und kein Autokrat.
Ebenfalls spannend an der Mose-Geschichte ist, dass auch er keine Dynastie begründet. Zwar spielt sein Bruder Aaron eine funktional wichtige Rolle – und dieses Amt wird vererbt. Als Hohepriester vermittelt er zwischen Gott und Volk an der sehr sensiblen Stelle der Vergebung der Schuld. Aber daraus erwuchs keine strukturelle Machtposition — das wird noch ausgeführt.
Fortsetzung folgt …

