Diskurs

Gebt dem Kaiser … zum Verhältnis Mensch, Gott, Staat/Herrschaft in der Bibel IV

Charismatische Führer und theokratische Anarchie — die vorstaatliche Zeit

Im Lichte des Evangeliums …

In den Texten des Richterbuches, in denen die vorstaatliche Zeit Israels vorgeführt wird, leben die Stämme und Clans in einem Selbstverständnis der genealogischen Verbundenheit. Die Beziehung etablierte sich über die Abstammung von Abraham, Isaak und Jakob. Zwischen den Stämmen gab es zwar Konflikte, die teilweise auch sehr blutig ausgetragen wurden. Aber daneben es gab ein Verständnis einer Schicksals- und Volksgemeinschaft im gemeinsamen Glauben an den Gott Abrahams, Isaak und Jakobs. Ansonsten regelten die Clans ihre Angelegenheiten untereinander. Es gab keine einigende Herrscherinstanz. Selbst die Leviten, die für die Vermittlung zwischen der göttlichen und der menschlichen Sphäre zuständig waren, hatten in diesem System keine Machtbasis, die ihnen besondere Ansprüche erlaubte, da sie als Stamm über kein eigenes Stammesgebiet verfügten, sondern über das ganze Land verteilt waren. Jacob Taubes spricht im Blick auf diese vorstaatliche Zeit von einer Theokratischen Anarchie (der Begriff wird noch thematisiert werden). Natürlich ist das nicht sachgemäß, da in dem Fall (und wenn schon) von einer theokratischen Patriarchtsanarchie gesprochen werden müsste, da das Nichtbeherrschtwerden nur für  wenige Männer galt. Denn es gab deutliche Herrschaftsformen – eben die der Patriarchen über ihre Clans. Aber diese waren sich als Gleiche gegenüber zu nichts verpflichtet. Gott allein war souveräner Herr und es gab kein Institut, das für ihn sprechen konnte. Die Möglichkeit der Intervention lag bei Gott allein, der erwählte nach eigenem Ermessen. Und auch, wenn die Leviten für den Kult zuständig waren, sicherte ihnen das keine Exklusivheitsrechte an Gott und seinen Worten. Die Richterzeit war vielmehr davon geprägt, dass in Zeiten der Not – und das waren in der Regel Kriegszeiten – Gott einen Anführer bestellte, der in seinem Namen die Kämpfe Israels führte. Dabei folgte das Geschehen einem Muster, welches bis in die Zeit des Exils wiederkehrte: Dem Volk geht es gut/ es vergisst das Versprechen und Gebot der exklusiven Verehrung JHWHs und wird ihm untreu/ Feinde bedrohen als Teil eines Strafhandelns Gottes Israel/ das Volk bittet um Vergebung und gelobt neu Treue/ Gott erwählt einen charismatischen Anführer, der den Krieg JHWHs gegen die Feinde seines Volkes führt und meist spektakulär gewinnt. Diese Anführer genießen in Folge der Erwählung durch Gott und ihrer Bestätigung durch den Sieg über die Feinde einen gewissen Ehrenvorrang unter den Stämmen und Clans. Ihnen werden strittige Fragen vorgelegt. Sie haben eine besondere Funktion. Aber sie sind keine Herrscher. Sie konnten durch Gott auch wieder delegitimiert werden, wenn sie Gottes Anspruch nicht gerecht blieben. Und – und das ist das Entscheidende – es gab nie eine Dynastiebildung. Mit dem Tod des charismatischen Führers endete auch die herausgehobene Stellung, die sein Clan für diese Zeit hatte. Alle Versuche, eine Erbfolge einzuführen, scheiterten und wurden kritisch und sarkastisch kommentiert – wie etwa in der Fabel Jotams.

Die Möglichkeiten der Clans, in dieser gegenseitigen Unabhängigkeit zu leben, war zutiefst mit dem Eigentumsrecht verbunden, dass allen Clans eben Unabhängigkeit sicherte. Es gab nämlich kein Privateigentum an dem, was die Grundlage des Lebens sicherte – und das war in dem Fall der Boden. Das Land war Gottes und den Clans in Erbpacht überantwortet. Und wenn ein Clanführer unfähig war oder Pech hatte und das ihm zugewiesene Land verkaufen musste – und damit in Abhängigkeit geriet, fiel es nach einer bestimmten Zeit wieder an den Clan zurück, der dieses Land ja von Gott erhalten hatte. Nach jeweils 49 Jahren zum Jubeljahr wurde alles wieder auf Los gestellt. Alle bekamen eine neue Chance und es konnten sich keine wirtschaftlichen und damit politischen Abhängigkeiten entwickeln, wie wir das aus anderen Kulturen kennen.

Das Richterbuch endet mit dem Satz: »In jenen Tagen war kein König in Israel. Jeder tat, was recht war in seinen Augen.« Dieses Ende wurde in der Regel kritisch gelesen, um die Etablierung eines Königtums zu begründen? Aber wie bitte sollte es denn anders sein?
Wirtschaftlich unabhängig gestalten Menschen ihr Leben, die es ihnen gefällt. Das ist ein Freiheitsversprechen moderner Gesellschaften. Ein Versprechen jedoch, dass auch moderne Gesellschaften nicht einhalten. Und das hat viel mit der wirtschaftlichen Abhängigkeit zu tun, die aus dem Privateigentum erwächst. Solange es die Möglichkeit gibt, über Besitz an Privateigentum wirtschaftliche Abhängigkeit zu erzeugen, ist die Herrschaftsform einigermaßen egal. In Demokratien gibt es keine Könige, die wirklich bestimmen. Dafür gibt es zutiefst undemokratische Strukturen, die aus wirtschaftlicher Macht entstehen. Aus den Ideen der Sozialgesetzgebung in den Mosebüchern und der vorgestellten Praxis im Richterbuch ergibt sich deshalb aus biblischer Perspektive die Forderung nach der Vergemeinschaftung von Privateigentum. Und da an dieser Stelle auch sich konservativ nennende Menschen in der Regel schlucken – Privateigentum ist etwas fundamental anderes als persönlicher Besitz. Es geht dabei nicht darum, die Unterwäsche oder die eigene Wohnung zu vergemeinschaften, sondern das, was als Lebensgrundlage für Einzelne und die Gemeinschaft notwendig ist.

Fortsetzung folgt …

Arbeitsbereich Theologie & Politik
Denk­bewegungen
res publica

Paul F. Martin

Studienleitung Theologie/ Gesellschaft/ Kultur

Diskurs-Beiträge

Zum Inhalt springen