Im Lichte des Evangeliums …
Dass die Landtagsfraktion der AfD in Sachsen-Anhalt beantragt hat, der Evangelischen Akademie in Sachsen-Anhalt die Fördermittel für Bildungsarbeit zu streichen, kann ob der Arbeit der Evangelischen Akademie in Sachsen-Anhalt für Rechtsstaat und Demokratie nicht verwundern. Was aber durchaus verwundern kann, ist die Dürftigkeit des Antrags. Immerhin ist er aber ein guter Anlass, einige Fragen, die sich aus einer theologischen Selbstbestimmung und -verortung im Blick auf das Verhältnis von Kirche und Staat ergeben, zu betrachten.
Das Verhältnis von Theologie und Kirche zu Politik und Staat war von Anfang an spannungsreich. In den folgenden Blogbeiträgen versuche ich, dieses Verhältnis biblisch zu reflektieren, kirchengeschichtlich zu betrachten und theologisch-systematisch einzuordnen. Dabei wird deutlich, dass im Lauf der Geschichte der Kirchen wie auch schon in den biblischen Texten unterschiedliche Vorstellungen nebeneinanderstanden oder aufeinander folgten. Diese unterschiedlichen Positionen werden aufgezeigt. Dabei wird deutlich, dass es weder in der Bibel noch in der Geschichte der Kirchen die eine richtige Antwort gibt, sondern ein Ringen um ein Verhältnis, was notwendig in Spannung bleibt. Entscheidend ist eher eine Haltung, die sich aus dem Evangelium ergibt, als eine dogmatische Wahrheit, die zeitlos gültig zu sein vorgibt .
Einer allgemeinen Verständlichkeit wegen wird manches verkürzt. Die biblischen Texte werden auch im Blick auf die erkenntnisleitende Fragestellung hin befragt. Dabei soll aber deutlich gesagt werden, dass erstens mehr zu den Texten zu sagen wäre und dass es auch andere Auslegungstraditionen gibt. In diesem Sinne sind die folgenden Beiträge Einladungen zum selbstständigen und gemeinschaftlichen Weiterdenken.
In den biblischen Texten findet sich sehr unterschiedliche Perspektiven auf das Verhältnis der Einzelnen zu Gott und zum Herrscher oder Gottes zum Herrscher und den Einzelnen. Die Bibel selbst ist in gewisser Weise schon eine Systematisierung dieser Frage, weil in ihr sehr unterschiedliche Traditionen nebeneinander- und damit zusammengestellt wurden. Einige dieser Traditionen werden in der Folge in Teil I Biblische Betrachtungen bedacht – beginnend mit dem Ersten Testament. Dabei ist die Herangehensweise eine hermeneutische; keine historische.
Im Anfang war die Anarchie
Anarchie ist ein Diskreditierungsbegriff. Mit dieser Diskreditierung wird der kritische Moment der Infragestellung jeglicher Herrschaft (auch der Volksherrschaft = Demokratie) abgewehrt und stillgestellt. Dabei wird Anarchie allzu oft mit Chaos und Gewalt gleichgesetzt, welche in einem fundamentalen Widerspruch zu Anarchie stehen. Wenn Anarchie die Abwesenheit von Herrschaft meint, können nicht Chaos und Gewalt als schlimmste Formen der Herrschaft bestimmend sein. Anarchie ist nicht Anomie.
Und in der Tradition der Schöpfungserzählungen ist Anarchie in ihrer ursprünglichen Bedeutung normativ. Es sollen Menschen nicht über Menschen herrschen. Gott, der Adam machte, machte diesem Eva als ein Gegenüber – als Mann und Männin schuf Gott die Menschen, wie es im Hebräischen heißt.
Und es ist fundamental wesentlich, dass in dieser Tradition die Über- und Unterordnung der Geschlechter, aber auch der Menschen allgemein eine Folge der Perversion der Schöpfungsordnung durch das ist, was dann unter der Bezeichnung Sündenfall eine unheilvolle Wirkungsgeschichte entfaltet hat. Unabhängig vom ursprünglichen Mythos und unabhängig von der Traditions- und Wirkungsgeschichte wird genau das erzählt: Geschaffen waren die Menschen als gleichwürdig ohne Unterdrückung – und als Veganer*innen. Im Garten Eden gab es keinen Mord an Tieren. Alle ernährten sich ausschließlich von Pflanzen.
Tiere waren als Geschöpfe den Menschen zwar untergeordnet und mussten sich gefallen lassen, von diesen benannt zu werden. Aber der Herrschaftsauftrag der Menschen lag darin, diese Schöpfungsordnung in der Balance zu bewahren, nicht, sie auszubeuten. Wichtig ist auch noch im Paradies gab es kein Privateigentum. Der Garten Eden und alles war Gottes.
Durch den “Sündenfall“ – der im Ursprungsmythos eine Rettungshandlung war und erst im Zuge der Übernahme in die Bibel (wo er für sehr lange Zeit verblüffend marginal ist) zu einer Geschichte der Auflehnung gegen Gott wird – wird die Schöpfungsordnung zerstört, und es beginnen als Perversion dieser Ordnung Herrschaftsverhältnisse und Gewalt gegen Tier und Mensch.
Aber diese Gedanken eines quasimythischen Ursprungs, an dem gemeinschaftlicher Besitz und Anarchie als Ablehnung von Herrschaft der einen über die anderen gedacht wird, wird in den urchristlichen Gemeinden noch einmal an Bedeutung gewinnen und damit ein permanenter Störfaktor für eine Kirche der Macht werden.
Fortsetzung folgt …

