Diskurs

Herausforderungen und Perspektiven im christlich-jüdischen Dialog

Vortrag und Podiumsgespräch in Calbe

Die Vortragsreihe „Steine des Anstoßes“ ging am 20. September in die zweite Runde. Im Fokus stand an diesem Abend der christlich-jüdische Dialog. Begrüßen durften wir drei Gäste, die in verschiedener Weise mit dem christlich-jüdischen Dialog verbunden sind: Theresa Dittmann als Pfarrerin am Institut Kirche und Judentum in Berlin, Sara Han als Wissenschaftlerin, die zur Thematik forscht und Nir Lasri als Vorstandsmitglied der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Sachsen-Anhalt. Etwa 25 Besucherinnen und Besucher waren in die St. Stephani-Kirche gekommen, um das Podiumsgespräch und den vorangestellten Einführungsvortrag von Sara Han zu verfolgen. In insgesamt vier Vorträgen und Gesprächsrunden möchten die Evangelische Akademie Sachsen-Anhalt und der Gemeindekirchenrat in Calbe noch bis November die Hintergründe und historischen Dynamiken von Antijudaismus und Antisemitismus erhellen und dabei sowohl theologische als auch kulturhistorische Perspektiven miteinbeziehen.

Die christlichen Ursprünge der Judenfeindschaft und ihre Erzählungen reichen lange zurück und wirken zum Teil bis heute nach. Insbesondere die theologischen Prämissen, auf deren Grundlage die Abgrenzung und Dämonisierung des Judentums jahrhundertelang kultiviert wurde, bilden immer noch eine zentrale Herausforderung im christlich-jüdischen Dialog. In den ab 1945 initiierten christlich-jüdischen Dialogformaten ist Antisemitismus von christlicher Seite immer wieder zutage getreten, aber auch nachhaltig problematisiert und reflektiert worden. Jüdinnen und Juden, Christinnen und Christen arbeiten heute bundesweit in Gesellschaften und Arbeitsgemeinschaften zusammen – auch in Sachsen-Anhalt. Neben der Organisation von Austausch und Begegnung geht von dieser Zusammenarbeit auch der wichtige Impuls aus, antijüdische Grundmotive im Christentum zu identifizieren, zu hinterfragen und zu transformieren.

In ihrem Einführungsvortrag stellte Sara Han dar, dass die Geschichte des christlich-jüdischen Dialogs keine leichte war. Vielmehr war sie, besonders in ihren Anfängen, begleitet von Zumutungen gegenüber der jüdischen Seite. Uneinsichtigkeit, Bagatellisierungsversuche, zum Teil gar offene Bemühungen zur Judenmission – all dem sahen sich Jüdinnen und Juden im Gespräch mit Christinnen und Christen konfrontiert. Der Beharrlichkeit von jüdischen Akteuren wie Ernst Ludwig Ehrlich ist es zu verdanken, dass die Gesprächsformate nichtsdestotrotz wichtige Veränderungen anstießen. Im unmittelbaren Nachgang zum Zivilisationsbruch der Schoa erwirkten sie auf christlicher Seite erste Reflexionen über das theologische Verhältnis zum Judentum, über wirkmächtige antijüdische Erzählungen im Christentum und über die Mitschuld der Kirchen an der Gewaltgeschichte gegen Jüdinnen und Juden. Eindrücklich beschrieb Sara Han in ihrem Vortrag, wie bruchhaft und fragil, wie spannungsgeladen und doch wegweisend diese Dialogformate vonstattengingen.

In der Diskussion wurde genau diese Thematik noch einmal aufgegriffen und vertieft. Darüber hinaus ging es aber auch um die konkrete Praxis im christlich-jüdischen Dialog. Austausch und Begegnung zu organisieren, Formate zu finden, in denen sich Christinnen und Christen, Jüdinnen und Juden regelmäßig treffen, miteinander Zeit verbringen, sich über ihr Leben und ihren Glauben austauschen – in vielen Fällen prägt das den Alltag im christlich-jüdischen Dialog. Jüdinnen und Juden haben in Deutschland über Jahrhunderte gelebt und die Geschichte Deutschlands und Europas entscheidend mitgeprägt. Sie sind hier keine Fremden, auch wenn sie historisch oft zu solchen erklärt wurden. Diese Selbstverständlichkeit ist bisweilen verloren gegangen und muss auch heute, 77 Jahre nach der Schoa, immer wieder aufs Neue vermittelt und neu kultiviert werden. Dafür bieten christich-jüdische Dialogformate eine Plattform. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit erhellt so vielfach auch den Blick auf die Gegenwart.  

Was die Frage nach dem Umgang mit den judenfeindlichen Schmähplastiken an deutschen Kirchen angeht, gab es auf dem Podium verschiedene Positionen. Neben der Kritik an ihrer judenfeindlichen Geschichte und Wirkung und der Zurückweisung ihrer theologischen Botschaft lassen sich auch erinnerungskulturelle Argumente anführen, warum die Plastiken zugunsten von Aufklärung und Mahnung in kommentierter Form vor Ort verbleiben könnten. Einig war man sich darüber, dass diese Entscheidung in jedem Fall eine innerchristliche Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte und der eigenen Glaubenslehre voraussetzt. Klar wurde auch, dass ein geeigneter Umgang nur im gegenseitigen Austausch zwischen Jüdinnen und Juden, Christinnen und Christen sowie mit den jeweiligen Kirchengemeinden und Stadtgesellschaften erarbeitet werden kann.

Wir bedanken uns bei unseren Podiumsgästen herzlich für ihre Teilnahme!

Vincent Kleinbub

Mitarbeiter im Projekt „sus et iudaei – Schmähplastiken in Sachsen-Anhalt“
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