Diskurs

Diskurskultur – Aristoteles Kategorien

Überlegungen zum 1. Kapitel der Kategorienschrift des Aristoteles für eine Diskurskultur

Jakob Taubes formuliert eine Hermeneutik, die danach fragt, gegen wen ein Text geschrieben wurde. In diesem Sinne sind die Texte des Aristoteles zur Klärung der Gedanken und Begriffe und der sachgemäßen Argumentation gegen die Sophisten geschrieben, die ihre Mitmenschen sprachlich und scheinlogisch verwirrten. Zur Zeit erleben wir wieder eine Verwirrung, weil oft gar nicht klar ist, wer wie wovon spricht, wer was wie meint.

Die folgenden Überlegungen sind Reflexionen zum Ersten Kapitel der Kategorien.

Homonym

“»Wortgleich« (homonym) wird solches genannt, wovon bloß die Bezeichnung gemeinsam ist, dagegen die zu dieser Bezeichnung gegebene Erklärung dessen, was es ist, verschieden, z.B.: »Lebewesen« ist sowohl der lebende Mensch wie auch ein bloß Gemaltes; bei denen ist nämlich nur die Bezeichnung gemeinsam, die zum Namen gegebene Erklärung dessen, was es ist, verschieden: wenn nämlich jemand angeben will, was denn an jedem dieser beiden ihr »Lebewesen-sein« ist, so wird er von beiden eine eigene Erklärung angeben.”

Aristoteles unterscheidet zwischen Benennung und der Erklärung. Wir sagen von einem Menschen, er sei ein Lebewesen und zu dem im Schulbuch abgebildeten Menschen sagen wir auch: Das ist ein Lebewesen. Die Erklärung aber ist natürlich jeweils eine andere. Vom Menschen wäre eine Erklärung etwa: Der Mensch ist beseelt. Für den Menschen im Buch dagegen: Dies stellt einen Menschen dar, der zu den beseelten Wesen gehört – etwa im Gegensatz zum dargestellten Stein, der nicht beseelt ist. Das Wesen des Menschen ist das Lebendig-Sein, das Wesen des Bildes ist das Abbilden. Diese Unterscheidung ist ausgesprochen hilfreich, um sich nicht vom Schein oder vom Namen blenden zu lassen. Es gibt Staaten, die

eine demokratische Verfassung und rechtsstaatliche Prinzipien haben – und sich deshalb als demokratisch verfasst bezeichnen. Aber mit dieser Verfassung verhält es sich wie mit dem dargestellten Menschen. Ihr Wesen ist, dass sie die demokratischen Prinzipien darstellt. Zum Wesen einer Demokratie – über die Demokratie wird noch ausführlich zu reden sein – gehört aber der lebendige Vollzug. Der erweist sich in der Praxis – oder eben nicht. Ebenso gibt es natürlich Gruppen, die Demokratie auf ihre Fahnen und Pamphlete schreiben. Auch da ist der Name gleich. Es gilt also zu unterscheiden zwischen einer postulierten Demokratie auf der einen Seite und einer gelebten auf der anderen. Postuliert werden kann die Demokratie von der herrschenden Gruppe, die ihren Machtmissbrauch legitimieren will oder von einer Gruppe innerhalb eines demokratisch verfassten Staates, die ihre Interessen gegen andere durchsetzen will unter Anrufung einer (schein-)demokratischen Legitimation – etwa durch den Ruf “Wir sind das Volk!”.

Synonym

“»Begriffsgleich« wird genannt, wovon sowohl die Bezeichnung gemeinsam ist wie auch die zum Namen gegebene Erklärung dessen, was es ist, die gleiche, z.B. »Lebewesen« ist sowohl der Mensch wie auch das Rind; jedes dieser beiden wird mittels gemeinsamer Bezeichnung als »Lebewesen« angesprochen, und die Erklärung dessen, was es ist, ist aber die gleiche: wenn nämlich jemand von einem jeden von ihnen die Erklärung abgeben will, was ihrer beider »Lebewesen-Sein« denn ist, so wird er die gleiche Erklärung abgeben.”

Auch die Unterscheidung synonym ist fundamental. Sie hilft uns zu kategorisieren – also zusammenzufassen, um dann zu unterscheiden. Mensch und Stier sind beides Lebewesen. Und sie sind darin gleich – denn die Erklärung wäre im Sinne des Aristoteles für beide gleich: Beide sind beseelt. Dies ließe sich weiter fassen. Auch Bäume sind beseelt – also Lebewesen. Damit haben wir eine Verbindung zwischen Mensch, Stier und Baum hergestellt. Wir können sie unter einer gemeinsamen Obergattung – nämlich “Lebewesen” zusammenfassen. Sie gehören zu einer Familie. Aber natürlich bleiben immer noch genug Unterschiede. Diese wären dann durch Differenzierungen herauszustellen. So findet man zum Spezifischen des Baumes, des Stiers und des Menschen bis hin zum konkreten Menschen, dich und mich.

Beziehen wir diese Unterscheidung wieder auf andere Phänomene, wird deutlich, was sie leisten kann. In der Nikomachischen Ethik buchstabiert Aristoteles dies am Beispiel der Freundschaft. Es gibt viele Arten von Freundschaft, die alle so benannt werden – etwa die Geschäftsfreundschaft, die Gastfreundschaft und die Lebensfreundschaft, wo beide füreinander so einstehen, dass sie ihr Leben füreinander einsetzen (siehe die Geschichte von Damon und Phintias, auf welche Schiller sich in der Ballade “Die Bürgschaft” bezieht.). All diese unterschiedlichen Arten der Beziehung nennen wir “Freundschaft” aufgrund ihrer Zusammengehörigkeit zu einer Gattung. Als Gattungsmerkmal könnten wir sagen: Freundschaft ist ein wohlwollendes Aufeinander-Bezogensein. Wir benennen die unterschiedlichen Arten der Freundschaft alle mit dem gleichen Namen aus diesem Grund. Aber das bedeutet nicht, dass sie in sich nicht zu unterscheiden wäre. Es bedeutet eben nur, dass es eine grundlegende Gemeinsamkeit gibt. Im Blick auf die Demokratie: Auch da gibt es sehr verschiedene Formen, die alle gleich benannt werden. Wenn wir das Wesen DER Demokratie angeben sollten, dann wäre dies die Möglichkeit der Beteiligung des Volkes an der Herrschaft über sich selbst. Es heißt aber nicht, dass alle oder bestimmte Gruppen ihre Forderungen oder ihren Willen durchsetzen können. Nicht einmal die Mehrheit muss unbedingt ihre Forderungen durchsetzen können. Hier kommt es eben darauf an, das Spezifische einer konkreten demokratischen Verfassung zu betrachten. Basisdemokratie unterscheidet sich von einer parlamentarischen Demokratie. Ebenso unterscheidet sich eine Demokratie, die rechtsstaatlich eingebunden ist, von einer sehr direkten Demokratie, wo die Entscheidungen der Mehrheit sehr unmittelbar umgesetzt werden. Auf den Vorwurf einer bestimmten Gruppe, etwas wäre undemokratisch, wäre also zu fragen: Von welcher Demokratie reden wir – redet Ihr? Zu präzisieren wäre also nach der Bestimmung der Gattung die genauere Bestimmung der Art. In dem Falle wäre Demokratie die Gattung – für die es eine allgemeine Erklärung gibt. Die konkrete Ausformung der Demokratie wäre dann genauer zu klären und zu beschreiben, um festzustellen, um welche Art der Demokratie es sich beispielsweise bei uns handelt.

Paronym

“»Abgeleitet« wird genannt, was von etwas anderem aus, von dem es sich nur durch seinen Beugungsfall unterscheidet, die namentliche Ansprache hat, z.B. von »Schriftkunde« der Schriftkundige und von »Mannestum« der »Mannhafte«.”

Die dritte Unterscheidung spielt im heutigen Diskurs kaum eine Rolle, obwohl sie doch fundamental wichtig scheint. Mit paronym bezeichnet Aristoteles Zuschreibungen, die jemanden zukommen, ohne dass sie zur Erklärung des Wesens notwendig sind. So ist ein Mensch vielleicht  Politiker*in, weil sie oder er sich politisch betätigen. Oder jemand ist demokratisch gesinnt aufgrund einer demokratischen Gesinnung – oder monarchistisch aufgrund einer monarchistischen Gesinnung. Dann wird diese Person vielleicht so benannt. Aber das, was über sie ausgesagt wird, gehört nicht zu ihrem Wesen. Es gehört zum Wesen des Menschen, beseelt zu sein, nicht aber, demokratisch zu sein. Dies ist der Mensch nur im Bezug auf die Demokratie. In eben dieser Weise sind aber auch die Deutschen nur deutsch im Bezug darauf, dass sie eine deutsche Staatsbürgerschaft haben. Und europäisch sind wir, weil wir in Europa geboren sind. Oder afrikanisch, weil in Afrika. Daraus leiten sich aber keine wesensmäßigen Unterschiede ab. Unserem Wesen nach sind wir Menschen. Das wird uns nicht zugesellt. Oder anders: Das kann nicht von uns abgezogen werden. Wenn wir unsere demokratische Gesinnung gegen eine undemokratische Gesinnung tauschen, sind wir immer noch Menschen. Wenn wir unsere deutsche Staatsbürgerschaft gegen eine andere vertauschen, sind wir immer noch Menschen. Wenn uns unser Mensch-Sein genommen wird, sind wir gar nichts mehr. Unserem Wesen nach sind wir also nicht Deutsche, wir sind nicht europäisch, wir sind nicht tapfer, gerecht, schön oder was auch immer. Dies sind wir immer nur im Bezug auf etwas anderes: Deutschland, Europa, die Tapferkeit, die Gerechtigkeit, die Schönheit. Unsere Wesensbestimmung ist Mensch-Sein. Und hier kommt der Naturrechts-Gedanke hinzu, der in der stoischen Philosophie entwickelt wurde: Es ist unsere Natur, Mensch zu sein. Aus dieser Natur ergibt sich unsere Würde, aus unserer Würde wachsen uns Rechte zu. Es ist nicht unsere Natur, deutsch zu sein, europäisch zu sein, tapfer – gerecht – schön zu sein. Aus unserer Staatsbürgerschaft wachsen uns auch Rechte zu und Pflichten. Aber die können die Rechte anderer, die sich aus der Natur ihres und unseres Mensch-Seins ergeben, nicht nivellieren. Alles, was zu unserer Natur zufällig hinzukommt, beschreibt uns als konkrete Menschen. Aber dies fügt unserer Natur nichts hinzu. Und nichts davon mindert unsere Natur. Aus genau diesem Grund heißt es in Artikel 1 des Grundgesetzes: Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Paul F. Martin

Studienleitung Theologie/ Gesellschaft/ Kultur
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