Diskurs

Demokratie?

Eine Debatte

 – edition suhrkamp (ISBN 978 – 3 – 518 – 12611 – 0)

In wenigen Tagen sind wieder etwa 60 Millionen Bürger*innen in Deutschland aufgerufen, bei der Bundestagswahl von ihrem demokratischen Grundrecht Gebrauch zu machen und bei der Wahl ihre Stimme abzugeben. Den meisten zu Wahl Aufgerufenen dürfte klar sein, dass wir als Gesellschaft wie als globale Gemeinschaft vor sehr großen Herausforderungen stehen. Klimawandel und die damit einhergehenden sozialen Konflikte machen nicht mehr an den Grenzen unseres schönen Europas halt. Wir stehen vor Entwicklungen, die unser Leben und das der nachkommenden Generationen massiv verändern werden – ob wir das nun glauben und wollen oder nicht.

Und in der Frage, wem wir die Lösung der Probleme zutrauen, wird selten die Demokratie problematisiert, in der wir leben. Demokratie – sie ist so fraglos normativ, dass wir mitunter aus dem Blick verlieren, welche Rolle sie spielt bei der Entstehung und Aufrechterhaltung der weltweiten Konflikte und ökologischen Bedrohungen.

Die Debattenbeiträge, die in dem suhrkamp-Buch veröffentlicht werden, leisten aber genau das – sie problematisieren die Demokratie. Oder genauer: Die Demokratie, wie sie heute vor allem in den Ländern des globalen Nordens gelebt wird. Es ist dies eine Demokratie, die Frau Dr. Merkel in einem seltsamen Moment von eventuell unvorsichtiger Ehrlichkeit einmal in gewisser Weise als eine marktkonforme Demokratie beschrieben hat. Wendy Brown schreibt dazu: „Die Demokratie erfreut sich heute einer nie dagewesenen weltweiten Popularität und ist gleichzeitig nie zuvor konzeptionell vager beziehungsweise substanzärmer gewesen. Vielleicht ist ihre aktuelle Beliebtheit auf die Offenheit, ja sogar Inhaltslosigkeit ihrer Bedeutung und Praxis zurückzuführen – wie Barack Obama ist sie ein leerer Signifikant, an den jeder seine Träume und Hoffnungen knüpfen kann. Oder vielleicht ist es dem Kapitalismus, dem zweieiigen Zwilling der modernen Demokratie, der schon immer der Robustere und Gerissenere der beiden war, endlich gelungen, die Demokratie zur Marke zu degradieren, jener spätmodernen Variante des Warenfetischismus, die das Verkaufsimage eines Produkts vollständig von dessen Inhalt ablöst. Vielleicht ist die Demokratie ja auch … als neue Weltreligion in Erscheinung getreten – sie ist keine bestimmte Form politischer Macht und Kultur, sondern ein Altar, vor dem der Westen und seine Bewunderer beten, und der göttliche Zweck, der die imperialen Kreuzzüge des Westens formt und legitimiert.

Die überaus enge Verbindung von moderner Demokratie und Kapitalismus (und Kapitalismus und Religion) ist nicht neu – die damit verbundenen Probleme allerdings treten immer mehr ins Bewusstsein vieler Menschen – auch derer, die sich als Demokrat*innen verstehen. Die Frage ist nun natürlich, ob die Ursache eines Problems ein probates Mittel zur Lösung des Problems sein kann.

Das Buch versammelt Beiträge von Giorgio Agamben, Alain Badiou, Daniel Bensaïd, der schon zitierten Wendy Brown, von Jean-Luc Nancy und Jacques Rancière, Kristin Ross und Slavoj Žižek.

Ein empfehlenswertes Buch, um sich klarer zu werden über die konkrete Demokratie, in der wir leben. In der Folge werden im Rahmen der DemokratieWochen bis zur Bundestagswahl am 26. September im Blog res publica einige der Gedanken des Buches vorgebracht und diskutiert.

Paul F. Martin

Studienleitung Theologie/ Gesellschaft/ Kultur
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