Es gilt das gesprochene Wort
Werte Anwesende,
sehr geehrte Damen und Herren,
wir, die Einladenden aus Stadt, Landkreis, Kirche und Gesellschaft, haben über diese Gedenkstunde den Satz von Richard von Weizsäcker gestellt:
„Wer aber vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart.“
Am Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz gedenken wir der Opfer dieser Vergangenheit, der millionenfachen Opfer des Nationalsozialismus. Jahr für Jahr stehen wir hier und mahnen und erinnern und flehen, die Lehren aus der Geschichte zu ziehen. Nicht blind zu sein für die Gegenwart. Doch das „Nie wieder“ bleibt mir mehr und mehr im Halse stecken.
Es beginnt damit, dass man nicht mehr versucht, im Wettstreit der besseren Argumente zu überzeugen, sondern andere delegitimiert, verleumdet, markiert. Dass man nicht mehr streitet, sondern überwältigt, lügt und dann das Recht mit Füßen tritt.
Einen Stich ins Herz hat es mir versetzt, als ich einen Clip mit einem älteren Herrn gesehen habe. Aufgenommen in diesen Tagen in Minneapolis, auf einer Demonstration gegen ICE, gegen die eiskalten Federal Agents der US-Zollbehörde.
Unter Tränen sagte der Mann fassungslos:
„Was ist mit meinem Land passiert? Das hier sind die USA. Wir sind doch nicht Deutschland!“
Deutschland – das ist für diesen Mann das Synonym für ein Land, in dem Spezialeinheiten Menschen von der Straße weg verhafteten und in Lager steckten. Ein Land, das noch viel weiter ging, als Angst und Schrecken zu verbreiten zum Erhalt politischer Macht. Ein Land, das noch viel weiter ging, als Abschiebegefängnisse mit Menschen zu füllen, die fremd aussehen.
Deutschland ist ein Land, ist d a s Land in dem Menschen die organisierte und industrielle Vernichtung von Menschen planten und ausführten – an:
- ca. 6 Millionen Jüdinnen und Juden
- 220.000–500.000 Sinti und Roma
- 200.000–300.000 Menschen mit Behinderungen
- 100.000–200.000 politische Gegner:innen (Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter, Widerstandskämpfer)
- 5.000–15.000 Homosexuellen
- an Zeugen Jehovas, an Zwangsarbeiter:innen
Nicht zu vergessen die 2,6–3,3 Millionen ermordeten Kriegsgefangenen der Sowjetarmee. Soldaten jener Roten Armee, die am 27. Januar 1945 das KZ Auschwitz-Birkenau befreien konnte.
„Wer aber vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart.“
Es ist ja nicht so, als ob dieses Nazideutschland erst 1933 begonnen hätte. Es begann mit dem Hass auf Ausländer. Seit den 1920er-Jahren des 20. Jahrhunderts meinte man, die eigene kulturelle Identität vor der Überfremdung schützen zu müssen.
Im Fokus standen die Einwanderer, Kriegs- und Wirtschaftsflüchtlinge aus Osteuropa – überwiegend Juden. Bis tief in die bürgerliche Mitte hatte sich eine Haltung breitgemacht, für die exemplarisch Thomas Mann zitiert werden soll. Er notierte im Mai 1919 in seinem Tagebuch, dass eine Welt, die noch Selbsterhaltungsinstinkt besitze,
„mit aller aufbietbaren Energie und standrechtlicher Kürze gegen diesen Menschenschlag vorgehen“ müsse (Thomas Mann, Tagebücher, 2.5.1919).
Am Anfang unterschied man noch. Dort die guten, angepassten Juden: Wissenschaftler, Kaufleute, Künstler – Menschen mit anerkanntem Rang und gut integriert. Dort jene Ausländer aus Osteuropa, die anders sprachen, anders beteten, sich anders kleideten. Später, als der Antisemitismus erst einmal richtig Fuß gefasst hatte, war es egal. Wer nicht anders aussah, wurde einfach als anders markiert – mit einem gelben Stern.
Um nicht zu vergessen, wohin das führt, sind wir heute hier. Wir brauchen keine Task-Force Migration – nicht in Sachsen-Anhalt und nicht in Deutschland. Wir solidarisieren uns mit den Angezählten und Markierten. Wir setzen uns für religiöse und gesellschaftliche Vielfalt ein, weil wir wissen, was Freiheit bedeutet und wie hart sie errungen werden muss, ist diese erst einmal verloren.
Die Opfer mahnen uns,
denn wer in der Gegenwart die Augen verschließt, ist auch blind für die Ermordeten der Vergangenheit.


