Es hört doch jeder nur, was er versteht1
– Goethe
Aufhören! Hören Sie auf! Unterbrechen Sie das Lesen und nehmen Sie sich einen Moment, um auf Ihre Umgebung zu hören…
Gratulation! Sie haben gerade aktiv zugehört. Wenn Sie wollen, dann schreiben Sie kurz auf, was Sie gehört und wie Sie sich dabei gefühlt haben.
Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich im Zug. Ich höre ihn zischen und quietschen, den Wind, der sich durch das etwas undichte Fenster presst, ich höre ein kleines Mädchen gähnen, ich höre eine junge Frau auf ihren Laptop tippen und ich höre eine Gruppe junger Männer lachen und Geschichten erzählen. Aktives (Zu)hören ist keineswegs nur ein bloßer Wahrnehmungsvorgang oder ein Expertenwerkzeug der Therapeutinnen und Therapeuten, sondern eine Kommunikationstechnik, die jede und jeder2 üben kann. In diesem Beitrag möchte ich diesen Gedanken – zu dem es viel zu sagen gibt – kurz erläutern.
Da unsere Ohren immer auf Empfang stehen, verwundert es nicht, dass dem Hören seit der Antike ein besonders Interesse gilt. In den letzten 100 Jahren sind es vorwiegend die Medizin, Pädagogik, Musik- und Kommunikationswissenschaft, die mit unterschiedlichen Fragestellungen das Hören erforschen. Bereits ein Embryo kann ab der 20. Schwangerschaftswoche akustische Reize wahrnehmen. Es ist deshalb sinnvoll mit ungeborenen Kindern zu reden und ihnen Musik vorzuspielen3. Auf der anderen Seite zeigt die Palliativmedizin, dass der Hörsinn der Wahrnehmungssinn, der im Sterben als letztes verloren geht und empfiehlt das sanfte Sprechen mit Sterbenden4. Eine Studie der Kommunikationswissenschaftlerin Laura Janusik und ihres Kollegen Andrew Wolvin zeigt eindrucksvoll, dass Menschen einen Großteil ihres bewusst erlebten Tages mit Hören beschäftigt sind5. Jedoch können wir uns nicht an alles Gehörte gleich gut erinnern. Was passiert mit den ganzen Reizen, die wir jede Minute und Sekunde vom Beginn bis zum Ende unseres Lebens wahrnehmen?
Zwar hören wir unsere Umgebung, jedoch nehmen wir diese Geräusche oft nicht bewusst wahr, sondern wir selegieren. Damit sich ein Mensch auf seine Tätigkeit konzentrieren kann, muss er unterscheiden, welche Reize beantwortet werden sollen und welche als Hintergrundgeräusche ausgeblendet werden können. Ein aktives, engagiertes Hören beschreibt das Deutsche mit Hinhören oder Zuhören. Die Wörter zeigen an, dass der Hörer seine Aufmerksamkeit auf ein spezifisches Objekt richtet. In diesem Sinne ist das Hören ein Wahrnehmungsvorgang. Er beginnt mit akustischen Reizen an der Ohrmuschel, von wo die Signale an das Gehirn übertragen und im Anschluss dort verarbeitet, eingeordnet, analysiert und interpretiert werden. Als dann kann darauf reagiert werden, mit Gefühlen, Gedanken, Worten oder Taten. Die Antwort auf das Gehörte hängt eng mit der Art und Weise zusammen, wie die Informationen gefiltert und interpretiert werden. Deshalb sind die Fragen nach „Hörfiltern“ und deren Einflussfaktoren wichtig. Ihnen soll nun nachgegangen werden6.
Theodor Reick, ein Schüler Siegmund Freuds, prägte in der Psychoanalyse den Begriff des dritten Ohres. Der Begriff, den Nietzsche ursprünglich mit dem Gefühl des Autors und der Leserschaft für Stil und Ausdruck in der Literatur verband, stellt für Reick eine Kompetenz des Psychoanalytikers dar. Mit dem dritten Ohr wird das gehört, was das Selbst und Gegenüber nicht sagt, aber fühlt. Es beschreibt ein Zuhören, dass sich des eigenen Wissens und der eigenen Gefühle bewusst und gleichzeitig sensibel für die Intentionen und Emotionen des Gegenübers ist.
Julian Treasure geht sogar noch einen Schritt weiter, wie der Autor und Historiker Florian Neumann hervorhebt7. Nicht nur Wissen und Gefühl, sondern auch Charakter, Situation, Herkunft, Religion, Kultur und weitere Vielfaltsmerkmale haben Einfluss auf das, was wir Hören und vor allem wie wir es interpretieren. Diese Hörfilter verhalten sich ähnlich wie der hermeneutische Zirkel. So wie ein Text durch die „Brille“ der Erfahrungen und Erkenntnisse mit anderen Texten gelesen wird, wird das Gehörte durch die Hörfilter gesiebt. So individuell wie die hermeneutischen Zirkel, sind auch die Hörfilter von Person zu Person unterschiedlich.
Treasure schlussfolgert, dass aufgrund der Hörfilter keine Möglichkeiten bestehen, wahre Aussagen über das Innere des Gegenübers zu treffen, wie „Du hast das nicht richtig verstanden“ oder „Du hörst mir gar nicht zu“. Was das Gegenüber versteht oder wahrnimmt, kann von anderen nicht gewusst werden. Um bei zutreffenden Aussagen zu bleiben, bleibt nur der Weg, die eigene Ansicht und Emotion als solche zu benennen. „Ich habe den Eindruck, dass du das nicht richtig verstanden hast“, „Es fühlt sich so an, als würdest du mir nicht zuhören“. Um das gegenseitige Verständnis zu verbessern, rät Treasure, sich die eigenen Gefühle und Ansichten gegenseitig zu offenbaren. Durch interessiertes Fragen, das Paraphrasieren des Gehörten und andere Formen des aktiven Zuhörens kann sich dem Inneren des anderen genähert werden. Das aber erfordert Zuhören nicht nur als Wahrnehmungsvorgang, sondern als Kommunikationstechnik zu begreifen, die erlernt und geübt werden kann.
Folglich ändert sich die Rolle des Zuhörers. Er ist nicht nur passiver Beteiligter, der von einer Rede gefesselt, von einem Standpunkt überzeugt, über Neuigkeiten informiert oder mit einer Story unterhalten werden muss. Der Zuhörer ist aktiver Gesprächsteilnehmer, der das Gehörte einordnet, analysiert, interpretiert und darauf mit Fragen oder Antworten, Schweigen oder anderen Kommunikationsformen reagiert. In therapeutischen Gesprächssituationen ist bekannt, dass der Zuhörer das Gespräch durch seine Fragen aktiv lenkt und dem Sprecher zur Selbstreflektion, Selbstwahrnehmung und Lösungsfindung verhilft. Dieser Grundsatz einer Art Hebammenfunktion des Zuhörens kann in andere Gesprächssituationen übertragen werden.
Abschließend lässt sich festhalten, dass wir Menschen eine Veranlagung für ein aktives Zuhören haben und wir diese Fähigkeit weiter trainieren können. Das sich die Übung lohnt, zeigt der Nutzen. Aktives Zuhören fördert a) die eigene Selbstwahrnehmung (Was höre ich, wieso höre ich das, wieso löst es diese Reaktionen bei mir aus?) und b) das gegenseitige Verständnis (Was hat er/sie damit gemeint, Wieso denkt er/sie so? Wie fühlt er/sie sich? Was will er/sie sagten, aber kann es nicht Worte fassen?). Der Gedanke des aktiven Zuhörens ist nicht neu. Jedoch in Zeiten von Filterblasen, Gruppendenken und Abgrenzungen erscheint es hilfreich die Erkenntnisse in alltägliche Gesprächssituationen zu übertragen, egal ob in der Familie, Freundeskreis, an der Arbeit oder im politischen Gespräch.
Langsam nähert sich mein Zug seiner Haltestelle. Die vielen Geräusche sind zum Teil noch da, zum Teil haben sie sich verändert. Aber ich hatte viel Zeit, um auf mein Inneres zu hören. Jetzt freue ich mich auf die Gespräche mit meiner Frau und meinen Kindern. Ich bin gespannt, was sie alles (nicht) sagen werden.
Enden möchte ich mit einer Formulierung über den aktiven Zuhörer von Kate Murphy, eine renommierte US-amerikanische Wissenschaftsautorin.
Auf der anderen Seite schätzt der überlegene „unterstützende“ Zuhörer deine Geschichte als einen Zug und legt dir weitere Schienen aus8
- Johann Wolfgang Goethe, „Es hört doch jeder nur, was er versteht“, in Maximen und Reflexionen, in: Sämtliche Werke. Briefe, Tagebücher und Gespräche, hrsg. von Dieter Borchmeyer u. a., Frankfurter Ausgabe, 40 Bde. in 45 Bänden (Frankfurt am Main 1987–1999). ↩︎
- Der Text bezieht sich auf Personen ohne Hörbeeinträchtigung. Bei einer Hörbeeinträchtigung können die Aussagen je nach Ausprägung nicht oder nur teilweise zutreffen. ↩︎
- HNO-Ärzte im Netz. “Entwicklung des Gehörs.” Zugriff am 19. Mai 2026. https://www.hno-aerzte-im-netz.de/unsere-sinne/hoeren/entwicklung-des-gehoers.html ↩︎
- Hallenbeck, James L., Palliative Care Perspectives. 2nd ed. (Oxford 2021). ↩︎
- Janusik, Laura A.; Wolvin, Andrew D., 24 Hours in a Day. A Listening Update to Time Studies, in: The International Journal of Listening 23 (2009), 104-120. ↩︎
- Reick, Theodor, Hören mit dem dritten Ohr. Die Innere Erfahrung eines Psychoanalytikers, übers von Gisela Schad (Zürich, 1979), 168f. ↩︎
- Neumann, Florian, Warum wir unterschiedlich hören. Zuletzt aktualisiert am 18. Mai 2026, https://florian-neumann.com/warum-wir-unterschiedlich-hoeren/ ↩︎
- Murphy, Kate, Your not Listening. What You’re Missing and Why it Matters, (New York: Celadon Books, 2020). ↩︎

