Diskurs

Wertkonservatives Christentum – was soll das sein?

"Mit der Bergpredigt ist kein Staat zu machen! Ist dann mit dem Staat ein*e Christ*in zu machen?"

Die folgenden Überlegungen entstanden im Zusammenhang mit den Diskussionen in der sächsischen Landeskirche nach dem Rücktritt Dr. Rentzings vom Amt des Landesbischofs. Der damalige Präsident der Landessynode mahnte eine Klärung an – nämlich zu bestimmen, wo für Christ*innen die Grenze zwischen wertkonservativ und rechtsradikal liege.

Diese Fragen stellen sich aber nicht nur der sächsischen Kirche. Alle Christ*innen sind zur Klärung und Klarheit aufgefordert.  Deshalb stelle ich diese Überlegungen hier leicht bearbeitet noch einmal zur Verfügung.

Der Begriff “rechtsradikal“ und die Zuordnung machen mir keine Schwierigkeiten. Es wird ja täglich auf den Straßen Sachsens und Deutschlands und in den Parlamenten durch Teile der AfD demonstriert, was darunter zu verstehen ist. 

“Wertkonservatives Christentum“ – da ist die Bestimmung ungleich schwieriger. Das liegt nicht nur darin begründet, dass der Werte-Begriff höchst problematisch ist. 

Aber davon abgesehen: Wenn das Christentum ein wertkonservatives sein solle, so müsse es sich doch – so scheint es mir – vor allem an Jesus Christus selbst und seinem Evangelium orientieren. So hat – bei allem, was sonst noch zu ihm zu sagen wäre – Martin Luther ein  wertkonservatives Christentum auch verstanden. Und das ganz im Sinne eines päpstlichen Wortes: “Christus spricht: Ich bin die Wahrheit. – nicht: Ich bin die Gewohnheit!“ 

Also schauen wir, was wertkonservativ – bezogen auf die „Werte“, die Jesus gelebt hat – im christlichen Sinne heißen könnte.

Wertkonservativ im Sinne Jesu  Christi & seines Evangeliums – etwa im Blick auf Migrationspolitik:
Es ist die Überzeugung der Kirche gewesen, dass in allen Fremdlingen Jesus Christus selbst zu uns kommt. “Ich bin ein Fremdling gewesen &  ihr habt mich aufgenommen.“ Und wenn es auch erbärmlich und jämmerlich wäre, Menschen nur aufzunehmen, weil wir glauben, dass Jesus in ihnen zu uns kommt (In der Erzählung Jesu wissen es die Gerechten nicht, dass es Christus selbst ist.), wäre es doch dann christlich wertkonservativ, der CDU in Sachsen (und insgesamt) ihre unbarmherzige und unchristliche Flüchtlingspolitik permanent vorzuhalten. Und entsprechend zu handeln. Denn nehmen wir diesen Gedanken ernst, wird mit den Menschen, die die deutsche Politik abschieben lässt, auch Jesus abgeschoben.

Wertkonservativ im Sinne Jesu Christi und seines Evangeliums – etwa im Blick auf Heimat, Patriotismus und Nationalismus
Ein einfacher Blick in die Bibel zeigt, dass Entwurzelung und Heimatlosigkeit des wandernden Gottesvolkes der Normalzustand ist. Jesus Christus selbst ist ein Fremder geworden. Und “wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ Unsere Heimat ist im Himmel – dies ist die christlich wertkonservative Haltung. Und die steht gegen jeden Patriotismus und gegen jede Vaterlandsliebe. “Wer Vater und Mutter nicht verlässt um meinetwillen, ist mein nicht wert“ – wieviel mehr gilt dies für ein Vaterland. Christlich  wertkonservativ hieße dann aber: No border, no nation. Und es gäbe dann überhaupt keine Fremden mehr, sondern nur noch Mitgeschwister, mit denen wir eins in Christus sind oder Menschen, an die wir gewiesen sind, um mit ihnen eins zu werden in Christus.
Denn unser Bürgerrecht und unsere Heimat – so die christlich wertkonservative Haltung – ist nicht auf der Erde, sondern im Himmel. Und dieses Bürger- und Heimatrecht verleihen nicht wir – und nicht wir wissen, wer es verliehen bekommen hat oder bekommen wird. Das weiß allein Gott – und deshalb sind wir an alle Menschen gewiesen.

Wertkonservativ im Sinne Jesu Christi und seines Evangeliums – etwa im Blick auf Macht und Besitz:
Wenn wir das Evangelium ernst nehmen und also christlich wertkonservativ argumentieren, werden wir weder Privatbesitz noch – und das ist um einiges radikaler – persönliches Eigentum über Menschlichkeit stellen können.  “Wer zwei Mäntel hat, gebe dem, der keinen hat und wer Essen zu viel hat, teile!“ – so der Täufer. Was bedeuten diese Worte für christlich wertkonservative Christen_innen – in einer Gesellschaft, in der Menschen bestraft werden, die Lebensmittel aus dem Müll “retten“ oder in der Menschen umziehen müssen, weil willkürlich Mieten erhöht werden und Wohnraum der Spekulation und Gewinnerzielung dient?
Was bedeuten für christlich wertkonservative Christen_innen die Worte der Jungfrau Maria: “Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Armen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen.“?

Wertkonservativ im Sinne Jesu Christi und seines Evangeliums – etwa im Blick auf das Verhältnis von Gesetz, Ordnung und Menschen:
Konservativ scheint „Law and Order“ – aber ist das auch  christlich wertkonservativ? Hat nicht Jesus selbst immer wieder das Gesetz infrage gestellt, wenn es um Menschen & um ihr Leben ging? Und während seine Gegner – die nur konservativ waren – sagten: “Wir haben ein Gesetz und nach dem muss er sterben!“ – sagt Jesus: “Das Gesetz ist um des Menschen willen da.“
Was bedeutet das für ein christlich wertkonservatives Christentum etwa im Blick auf ungerechte Asylgesetze –  als nur ein Beispiel von vielen?

Wertkonservativ im Sinne Jesu Christi und seines Evangeliums – etwa im Blick auf: … – diese Reihe ließe sich fortsetzen. Aber es soll ja ein gemeinsamer Klärungsprozess sein.

Als Zwischenfazit für mich jedoch: Ich verstehe nach dieser Betrachtung die Gegenüberstellung rechtsradikal und wertkonservativ in einem christlichen Sinne immer weniger. Beides hat nicht nur nichts miteinander zu tun – die Begriffe schließen sich geradezu aus.
Aber das merke ich jetzt – ich wäre es gern – christlich wertkonservativ im Sinne Jesu und seines Evangeliums. Eventuell gelte ich dann einigen als linksradikal. Ich würde allerdings eher von evangeliumsradikal sprechen.

Paul F. Martin

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