Diskurs

Nicht von gestern…

Informationsabend zum judenfeindlichen Schmährelief an der Wittenberger Stadtkirche

Die Evangelische Akademie Sachsen-Anhalt hat am 24. August zu einer Informationsveranstaltung nach Wittenberg eingeladen. Anlass waren die jüngsten Entwicklungen rund um die Frage, wie mit dem judenfeindlichen Schmährelief an der Stadtkirche zukünftig umgegangen werden soll und wie der derzeitige Gedenkort weiterentwickelt werden könnte. Der Einladung folgten rund 80 Gäste, der Große Saal der Akademie war bis auf den letzten Platz gefüllt. Zahlreiche Wittenbergerinnen und Wittenberger brachten sich in die anschließende Diskussion ein.

Seit Jahren beschäftigt die Frage nach dem Umgang mit dem mittelalterlichen Schmährelief an der Stadtkirche nicht nur die Öffentlichkeit, sondern auch die Gerichte. Ein jüdischer Kläger fordert seit 2019 die Abnahme des Bildnisses, das Juden auf abwertende Weise in Verbindung mit Schweinen zeigt. Jüdinnen und Juden seien dadurch jahrhundertelang herabwürdigt worden und würden es auch heute noch, so der Kläger. Der Bundesgerichtshof wiederum urteilte, genauso wie dessen Vorgängerinstanzen, dass das Relief an der Stadtkirche zwar zweifellos als antisemitisch zu bewerten sei, aufgrund seiner Einbettung in einen Gedenkkontext jedoch nicht den juristischen Tatbestand der Beleidigung erfülle. Folglich müsse das Relief auch nicht abgenommen werden. Seit 1988 nimmt eine vor Ort verlegte Bodenplatte mit Umschrift Bezug auf die Schuldgeschichte der christlichen Kirche im Nationalsozialismus und verbindet diese mit der judenfeindlichen Inschrift des Reliefs von 1570, die auf ein Traktat Martin Luthers zurückgeht. In den 1990er Jahren pflanzte die Kirchgemeinde zusätzlich eine Zeder als Zeichen der Versöhnung. Eine hüfthoch angebrachte Informationstafel informiert heute über den Gedenkort.

Ob diese Maßnahmen ausreichen, um die Beleidigung des Schmähreliefs zu brechen, ist Gegenstand kontroverser Diskussionen. Seit Jahren gibt es fundierte Kritik am Umgang mit dem Relief. Mit dem Richterspruch vom 14. Juni hat die öffentliche Debatte nun noch einmal spürbar an Fahrt aufgenommen. Beide Positionen – Abnahme oder Verbleib des Reliefs – stehen sich dabei diametral gegenüber. Eine Vermittlung erweist sich oft als schwierig.

Vor dieser Schwierigkeit stand bis zuletzt auch der seit 2020 vom Kirchengemeinderat eingesetzte Beirat zur Weiterentwicklung der Stätte der Mahnung. Er versuchte bei seiner Arbeit, verschiedene Positionen und Argumente zu berücksichtigen und so eine Perspektive im weiteren Umgang mit dem Relief zu erarbeiten. In seiner insgesamt vierten Sitzung sprach das Gremium nun Ende Juli die Empfehlung aus, das Relief abzunehmen. Jedoch nicht um es zu zerstören, einzulagern oder in ein Museum zu verbringen, sondern um es unweit der Kirche in einen Lernort zu integrieren. Kontextualisiert und pädagogisch aufbereitet soll das Relief dort weiterhin öffentlich zu sehen sein, um die Auseinandersetzung mit der Geschichte wach zu halten. Gleichzeitig sollen die Beleidigung, die von dem obszönen Motiv ausgeht, genauso wie die Gotteslästerung, die sich mit der Inschrift des Reliefs verbindet, nicht mehr hoch oben an der Außenfassade der Stadtkirche prangen.

Akademiedirektor Christoph Maier und Projektmitarbeiter Vincent Kleinbub versuchten an diesem Abend die grundlegenden Prämissen zu erläutern, auf denen diese Empfehlung beruht. In ihren einführenden Statements betonten sie vor allem die Aktualität des judenfeindlichen Bildmotivs und dessen Verstrickung in die jahrhundertelange Gewaltgeschichte gegen Jüdinnen und Juden. Dass wir nicht isoliert über das Relief von Wittenberg reden können, ohne über die Abwertung und die Beleidigung zu sprechen, die sich mit dem Bild bis heute verbinden, stellten sie ebenso heraus wie die Notwendigkeit, den Gedenkort an der Stadtkirche weiterzuentwickeln und weitere Informations- und Kontextualisierungsmaßnahmen vorzunehmen. Das Relief tatsächlich „physisch anzufassen“, so die Grundlage der Beiratsentscheidung, bedeute letztlich auch eine Geste der Distanzierung vorzunehmen, die es neben der Auseinandersetzung mit der Geschichte des Judenhasses an diesem Ort ebenfalls dringend benötige.

Die anschließende eineinhalbstündige Diskussion machte indes klar, dass viele Wittenbergerinnen und Wittenberger nach wie vor am Verbleib des Schmähreliefs festhalten wollen. Die Argumente dafür sind vielfältig: Als eine der ersten Kirchgemeinden habe die Stadtkirche sich mit der Geschichte des judenfeindlichen Bildmotivs aus dem Mittelalter auseinandergesetzt. Das sei eine Errungenschaft, die man nicht ignorieren könne und ein Weg, den man weiter beschreiten müsse, merkten einige Diskussionsteilnehmerinnen und -teilnehmer an. Bewusst habe man sich in den 1980er Jahren dazu entschieden, das Relief nicht abzunehmen, berichteten langjährige Gemeindemitglieder. Zum einen um damit ein Zeichen zu setzen – ein Zeichen der Mahnung –, zum anderen aber auch einen Impuls, um sich der Geschichte der Gewalt an diesem Ort immer wieder neu bewusst zu werden. Geäußert wurde in der Diskussion auch die Befürchtung, dass die Erinnerung an die Geschichte gar in den Hintergrund treten könne, wenn das Relief abgenommen würde. Eine Befürchtung, die trotz der Empfehlung des Beirats, Erinnerung und Geschichtsvermittlung gerade ermöglichen zu wollen, viele im Saal zu teilen schienen. Darüber hinaus wurden mit Bezug auf eine mögliche Abnahme des Reliefs auch denkmalschutzrechtliche Bedenken in die Diskussion eingebracht.

Davon abweichende Stimmen gab es in der Diskussion an diesem Abend fast keine. Ebenso wenig berücksichtigt fanden sich jüdische Stimmen, die den Verbleib des Reliefs kritisieren. Das stellte in seinem abschließenden Statement auch der Gemeindekirchenratsvorsitzende noch einmal fest und sprach sich für einen offenen Austausch und für mehr christlich-jüdische Dialogformate an und in der Stadtkirche aus.

Zusammenfassend gilt es festzuhalten, dass sich die Frage nach dem Umgang mit dem Relief und der Weiterentwicklung der Stätte der Mahnung unabhängig vom BGH-Urteil und der Empfehlung des Beirats auch weiterhin stellt. Die Debatte ist nicht verschwunden, ebenso wenig wie die Beleidigung, die für viele jüdische Menschen noch immer mit dem Motiv verbunden ist. Diese Beleidigung zu brechen und gleichzeitig an der Stadtkirche einen Ort zu gestalten, der Erinnerung und Geschichtsvermittlung gewährleistet, das wird wohl weiterhin die zentrale Herausforderung in Wittenberg sein.

Vincent Kleinbub

Mitarbeiter im Projekt „sus et iudaei – Schmähplastiken in Sachsen-Anhalt“
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