Diskurs

Apokalyptische Erwartung oder die Hoffnung auf eine bessere Zukunft

»Mit Impfungen zurück zur Normalität« – so stand es kürzlich auf zeit-online zu lesen. Ich bin heftig über diesen Beitrag gestolpert. Um welche Normalität ging es denn da? Und wollen wir wirklich zu dieser Normalität zurück? Zu einer Normalität, in der die Schere zwischen arm und reich immer weiter auseinandergeht und in der Kinder immer noch ein Armutsrisiko sind. Eine Normalität, in der die Zerstörung der Lebensgrundlagen nach wie vor subventioniert wird und wir menschliches Leiden an den Grenzen Europas (und an vielen anderen Orten der Welt) schulterzuckend hinnehmen und es Politiker:innen durchgehen lassen, wenn diese sagen: Wir können nicht allen helfen.

Apokalypse – das ist ein verhüllter theologischer Begriff. Wahrscheinlich verbinden die meisten Zeitgenoss:innen damit die Katastrophe, aus der die Welt und die Menschheit gerettet werden müssen. Aber eigentlich ist sie die Katastrophe, durch die die Welt und die Menschheit gerettet wird – als Ende der »Normalität«. Oder wie Walter Benjamin es formuliert: „Der Begriff des Fortschritts ist in der Idee der Katastrophe zu fundieren. Und: „Daß es »so weiter« geht, ist die Katastrophe. Sie ist nicht das jeweils Bevorstehende, sondern das jeweils Gegebene.“ Die Apokalypse ist das Ende des Fortschritts. Den Begriff »Apokalypse« zu enthüllen und die radikal erwartungssstiftenden Momente herauszuarbeiten – das ist das Anliegen dieses Textes.

Historisches:

Die Apokalyptik als Literaturgattung und als Denkungsart entsteht zu einer Zeit, in der die »Normalität« unerträglich für diejenigen war, die eben durch dieses Denken versuchten, ihr Leben zu bewältigen. In biblischen Texten findet sich der Niederschlag – prominent im Danielbuch, aber auch in anderen Texten. Die Erfahrung einer umfassenden Ungerechtigkeit und die Erfahrung, dass Menschen nicht trotz, sondern wegen ihrer Treue zu Gott und ihrem Festhalten an Gerechtigkeit leiden, erforderte eine neue Reflexion auf Gott, Welt und Leben. Konnten bis dahin Leid, Verfolgung und die Erfahrung von Ungerechtigkeit als Folge der eigenen Untreue (Tun-Ergehen-Zusammenhang) oder als Prüfung (Hiob) verstanden werden, wurden Leid und Tod nun geradezu Folgen der Treue zu Gott. Und gab es in der Prophetie Israels die Hoffnung und Verheißung, dass sich alles zum Guten wenden werde, lebt die Apokalyptik nun von einem radikalen Abbruch. Das Alte muss vergehen, damit das Neue kommen kann. Es lässt sich auch nichts aus dem Alten ins Neue retten – außer meiner Seele. Nicht die Erneuerung des Reiches ist das Thema, sondern der Anbruch einer Neuen Welt.

Im Neuen Testament findet sich mit der Offenbarung des Johannes ein apokalyptisches Buch. Es gab aber sehr viele Apokalypsen in dieser Zeit – offensichtlich wurde die Normalität von vielen als so katastrophal empfunden, dass weder aus ihr heraus noch für sie Rettung möglich schien – Rettung nicht für das vergehende Alte, sondern vielmehr in das kommende Neue.

Wesentliches Grundmotiv der Apokalyptik war dabei: Erwartung für die, die angesichts des Gegebenen hoffnungslos waren – und die Motivation durchzuhalten. Es ist nur eine kurze Frist. Haltet durch! Lasst Euch vom Bösen nicht korrumpieren! Kooperiert nicht mit dem Antigöttlichen! Nehmt seine Zeichen nicht an und macht Euch nicht mit ihm gemein. In der Apokalyptik gewinnen die Opfer der Zeitenläufte die Deutungshoheit über ihr Leben, ihr Leiden und über die vermeintlichen Sieger:innen der Geschichte zurück. Der Preis dafür ist hoch – die Welt gerät in einen nicht zu überbrückenden Gegensatz zu Gott. Aber dadurch öffnet sich ihr Blick über ihre Zeit hinaus und damit auch für ihre Zeit. Weil sie sich nicht mit den Gegebenheiten arrangieren müssen, müssen sie auch keine falsche Rücksicht mehr nehmen. Schonungslos können sie die Perversionen und Ungerechtigkeiten des Zeitalters formulieren und diesen die Gegenwart des Kommenden entgegenstellen. Diese Vorstellungen finden sich nicht nur in der Offenbarung des Johannes. Auch bei Jesus und bei Paulus lassen sich Elemente davon aufzeigen: Die Frage nach der größeren Gerechtigkeit, die Zurückweisung staatlicher Praxis (Steuergroschen); die Frage nach Ehe und Ehelosigkeit; nach Besitz und Freiheit (Sklaverei) und der Aufhebung aller Unterscheidungskriterien (Frau/ Mann; Frei/ Sklav:in; Jüdisch/ Nichtjüdisch; …).

Neben der Apokalyptik gibt es natürlich auch andere Traditionen, die ebenfalls im Neuen Testament schon eine Rolle spielen – die im Laufe der Zeit die Oberhand gewinnen werden. Die Folgen sind gravierend. Um das begrifflich zu fassen: Aus der eschatologischen Heilsgemeinschaft der Jesus-Nachfolger:innen wird die frühbürgerliche Christenheit, die sich als Kirche organisiert. Deutlichstes Zeichen dafür sind die Pastoralbriefe; etwa 1. Timotheusbrief: „So ermahne ich nun, dass man vor allen Dingen tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen, für die Könige und für alle Obrigkeit, damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen können in aller Frömmigkeit und Ehrbarkeit. Dies ist gut und wohlgefällig vor Gott, unserm Heiland, …“

Kirchengeschichtlich wird sich diese Haltung durchsetzen. Und von den apokalyptischen Vorstellungen werden vor allem die Schreckensvisionen mit ihrem Drohpotential weitergegeben, während die Trost- und Erwartungsmotive und der freie Blick auf Zeit und Gesellschaft nur noch ein Schattendasein führen. (Damit gewinnt die Kirche allerdings auch – und das halte ich für einen eminent wichtigen und evangelischen Moment – ein positives Verhältnis zur »Welt«, die eben nicht mehr in diesem unüberwindbaren Gegensatz zu Gott steht.)

Ein erstaunliches Zeugnis dieser Haltung findet sich in Tertullians Apologeticum – einer Verteidigung des Christentums gegenüber den Anklagen des Römischen Reichs aus dem Jahr 197 nach Christus. In diesem Werk widerlegt Tertullian nicht nur alle Anklagen gegenüber den Christ:innen als falsch. Er “beweist“ zugleich, dass all das, was die Heid:innen den Christ:innen vorwerfen, von diesen selbst verübt wird. In einem polemischen Feuerwerk prangert er die Ungerechtigkeiten und die Widergöttlichkeit des Heidentums im Römischen Reich an. Dann aber macht er überraschend deutlich, warum die Christ:innen im Eigentlichen die besseren Bürger:innen des Reiches seien – wir lügen nicht, zahlen ehrlich unsere Steuern und pflegen ein moralisches Leben in Gehorsam gegenüber staatlicher Gewalt. Und er führt einen wesentlichen Punkt auf, warum die Christ:innen um das Wohlergehen des Römischen Reiches besorgt seien: »Es gibt für uns auch eine andere, noch größere Nötigung, für die Kaiser, ja, sogar für den Bestand des Reiches überhaupt und den römischen Staat zu beten. Wir wissen nämlich, daß die dem ganzen Erdkreis bevorstehende gewaltsame Erschütterung und das mit schrecklichen Trübsalen drohende Ende der Zeiten nur durch die dem römischen Reiche eingeräumte Frist aufgehalten wird. Daher wünschen wir es nicht zu erleben und, indem wir um Aufschub dieser Dinge beten, befördern wir die Fortdauer Roms.«

Neben der Verbürgerlichung des Christentums tritt jetzt an die Stelle der apokalyptischen Hoffnung auf das Neue Jerusalem die Angst vor der Schreckenszeit – und das in der Schreckenszeit der Martyrien, die Tertullian in seinem Buch ja beklagt. Stattdessen zeigt sich hier die unheilvolle Verbindung zwischen Kirche und Rom, die paradigmatisch für den weiteren Verlauf der abendländischen Kirche sein wird. Das Christentum bietet sich als Legitimation für das Römische Reich an, das auf Gewalt und Terror gegründet war – und vollendet wird das ganze dann bei Konstantin und seinen Nachfolgern. Seitdem führt die apokalyptische Praxis nur noch ein Schattendasein in Theologie und Kirche.

Und obwohl sowohl die mittelalterliche Kirche als auch Luther die apokalyptischen Vorstellungen sehr präsent hatten und geradezu davon besessen waren, war der Sitz im Leben der Apokalyptik verloren gegangen.

In der Neuzeit entdeckte zuerst der Pietismus innerkirchlich die Zukunft als Ort des Fortschritts und der Erneuerung und Verbesserung. In der geschenkten Zeit könne es besser werden, und es sei Aufgabe der Christ:innen, sich für diese Zukunft einzusetzen – in Kirche und Staat und den Institutionen. Diese Vorstellungen werden vor allem in der Pädagogik fruchtbar – aber auch an vielen anderen Stellen. Interessant wäre etwa zu betrachten, wie im Zuge der Säkularisierung staatliche Institutionen zu Verwalterinnen immanenter Heilserwartungen werden.

Optimistische Erwartungen an die bessere Zukunft verbanden sich mit einer geradezu theologisch-heilsgeschichtlich aufgeladenen Anbindung an die jeweils aktuelle Gesellschaftsordnung/ Herrschaftsform und – im Protestantismus an die Nation (das ist ein Grund für die Anfälligkeit der protestantischen Kirchen für den Nationalismus). Kirche im Kaiserreich; Kirche im Dritten Reich; Kirche im Sozialismus; Kirche im Kapitalismus und der Demokratie – all das war und ist für die Kirche nicht spannungsfrei, aber doch im Großen und Ganzen problemlos möglich. Der Umsturz oder die radikale Infragestellung oder selbst der Abbruch dagegen standen und stehen unter einem permanenten Vorbehalt. Ganz besonders gilt das natürlich für eine gesellschaftliche Situation, in der Kirche im hohen Maße Nutznießerin der Verhältnisse ist.

Der Blick der Apokalyptik dagegen ist der des Abbruchs. Das Bestehende ist nicht zu retten und nicht das zu Rettende. Wie schon angedeutet, entstehen aus diesem Blick auf die Welt auch Probleme – die in dem prinzipiellen Gegensatz von Gott und Welt wurzeln. Geschichtlich zeigt sich das vor allem in den Gruppen, die apokalyptische Gedanken mit einem politischen Programm verbanden und die mit Aktionen – auch gewaltsamen – den Anbruch der Heilszeit erzwingen oder herbeiführen wollten. Vor allem auch diese Bewegungen haben das Verhältnis sowohl der Katholischen als auch der Protestantischen Kirchen zur Apokalyptik bestimmt.

Gegenwärtig empfinden wir stärker die Grenzen unserer Möglichkeiten. Der Fortschritt als Ideologie hat Kratzer bekommen. Wir sehen die Folgen unserer Art zu leben und zu wirtschaften. Die Normalität, nach der wir uns zurücksehnen, ist eine verhüllte Dystopie. Und die Zukunft nicht unbedingt Ort der Erwartungen und Träume. Aus dem Spruch der vorangegangenen Generation: „Euch soll es einmal besser gehen.“, wurde der Wunsch für unsere Kinder: „Hoffentlich wird es Euch nicht viel schlechter gehen.“ Das Ende der Zukunft ist eine realistische Option für eine Welt, die zurück will zu ihrer Normalität.

Ist das die Zeit der Apokalyptik? Nicht die der Schreckensvisionen, sondern die der Erkenntnis, dass ein radikaler Abbruch und Umsturz eine Verheißung trägt? Könnten wir dadurch frei werden für die apokalyptische Dimension unserer Gegenwart, um zu einer veränderten Praxis zu kommen? Apokalyptik spricht nicht vom Ende, sondern vom Anfang. Sie droht nicht mit dem, was ist. Sie ermuntert zum dem, was kommen soll.

Es ist Zeit, der Apokalyptik in Theologie und kirchlicher Praxis einen neuen Raum zu geben.

Der Text erschien zuerst auf der Homepage des Forums für Gemeinschaft und Theologie und war ein erster Impuls für das Jahresthema 2021.

Paul F. Martin

Studienleitung Theologie/ Gesellschaft/ Kultur
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