Diskurs

Antisemitismus auf den Grund gehen

Fachlicher Austausch mit angehenden Lehrerinnen: Die christlichen Wurzeln des Antisemitismus

Der Bundesgerichtshof hat im Juni bestätigt: Die judenfeindliche Schmähplastik an der Wittenberger Stadtkirche darf vorerst hängen bleiben. Doch die Auseinandersetzung hat sich damit noch lange nicht erledigt. Bis weit über die Grenzen Wittenbergs hinaus wird das Urteil derzeit kontrovers diskutiert. Anlass, um miteinander ins Gespräch zu kommen. Über die Plastik und ihre Geschichte, aber auch und insbesondere über christlich geprägte Bilder der Judenfeindschaft und ihre Aktualität.

Darüber sprach ich am 30. Juni 2022 mit einer Gruppe Referendarinnen der evangelischen Religionspädagogik. Unter Leitung von Juliane Keitel haben sie sich im Zuge ihrer Lehrerinnenausbildung intensiv mit den christlichen Wurzeln des Antisemitismus befasst. Nun kamen sie an die Evangelische Akademie nach Wittenberg, um mehr über das judenfeindliche Relief zu erfahren. Gemeinsam tauschten wir uns über Wege aus, Antisemitismus sowohl in der Schule als auch gesellschaftlich noch stärker zu thematisieren und der Stigmatisierung von Jüdinnen und Juden entgegenzuwirken.

Unsere Ergebnisse: Die Wittenberger Schmähplastik ist Ausdruck eines christlich geprägten Antijudaismus, dessen Zeugnisse weit über das Mittelalter hinaus auch in säkulare Deutungen der Welt diffundierten. Das wird in der Wittenberger Stadtkirche nicht nur am Schmährelief deutlich, sondern auch am Reformationsaltar. Die Judasdarstellung auf Cranachs Triptychon verweist auf uralte judenfeindliche Stereotypen und zeichnet Judas als geldgierigen Verräter ­– eine Vorstellung, die heute inhärenter Teil des zeitgenössischen Antisemitismus ist und bereits im Mittelalter sehr konkrete Auswirkungen hatte. Im Heiligen Römischen Reich kam es vielerorts zu Pogromen an der jüdischen Bevölkerung, in Sachsen, zu dem Wittenberg gehörte, gab es immer wieder Judenverfolgungen und Aufenthaltsverbote.

Judenfeindliche Bilder christlicher Provenienz, das wurde im Austausch schnell klar, konfrontieren uns aber nicht nur mit der jahrhundertelangen Gewaltgeschichte gegen Jüdinnen und Juden, sondern auch mit aktuellen theologischen Fragen. Denn in Kirche, Theologie und im Religionsunterricht ist die systematische Abgrenzung vom Judentum zum Teil noch immer präsent. Diese Abgrenzung war und ist nach wie vor ein Nährboden für verschiedene Formen des Antisemitismus ­– und genau hier müsste unserer Einschätzung nach zukünftige Bildungsarbeit ansetzen. In den Blick nahmen wir etwa die vermeintliche Dichotomie von Altem und Neuem Testament, die Identifizierung des Judentums als vermeintliche Rache- und Sühnereligion und die Substitutionstheologie, deren Abbilder sich noch heute in kirchlichen Kontexten finden. Eine antisemitismuskritische Perspektive bedeutet im Feld der Theologie auch, sich kritisch mit bestimmten christologischen Vorstellungen auseinanderzusetzen.

Zuletzt diskutierten wir die Lutherrezeption in Schulbüchern für den Evangelischen Religionsunterricht. 1543 hatte Martin Luther zwei einflussreiche judenfeindliche Schriften verfasst, eine von ihnen nimmt sogar konkret Bezug auf das judenfeindliche Schmähbild in Wittenberg. In den stichprobenartig ausgewählten Schulbüchern liest man darüber jedoch erschreckend wenig. Eine Leerstelle, die unseres Erachtens angegangen werden muss – nicht nur aus einem historischen, sondern eben auch aus einem theologischen Imperativ heraus. Bedarf an Bildungsmaterialen und -angeboten stellen wir sowohl im Schulkontext als auch bei der Thematisierung der judenfeindlichen Schmähplastik in Wittenberg fest. Hier gilt es, Synergien zu bündeln und Expertise zur Verfügung zu stellen. Das werden wir weiter angehen.

Vincent Kleinbub

Mitarbeiter im Projekt „sus et iudaei – Schmähplastiken in Sachsen-Anhalt“
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