Wohnen als sozialpolitischer Auftrag und kirchliche Chance
Elftes Fachgespräch der Direktor*innen der Evangelischen Akademien in Ostdeutschland mit Wissenschaftlerinnen, Medienvertretern und Theologen
Wohnen ist ein Menschenrecht. Bezahlbarer Wohnraum ist Grundvoraussetzung für ein selbstbestimmtes Leben und elementarer Bestandteil gesellschaftlicher Teilhabe. In vielen Städten wird er knapp. Die Direktoren und Direktorin der Evangelischen Akademien in Ostdeutschland betonen nach ihrem elften Fachgespräch zur Demokratie mit Experten, dass Wohnen eine der zentralen sozialen Fragen des 21. Jahrhunderts ist. Angesichts der bevorstehenden Landtagswahlen in Ostdeutschland gewinnt das Thema Wohnen zusätzlich an politischer Brisanz.
Debatten um sozialen Wohnungsbau, Enteignungsforderungen gegenüber marktbeherrschenden Wohnungsunternehmen oder Instrumente wie die Mietpreisbremse spiegeln grundlegende gesellschaftliche Konflikte wider. Henning Theißen, Direktor der Evangelischen Akademie der Nordkirche, weist dabei auf eine bislang unterschätzte Entwicklung hin: „Stark steigende Nebenkosten – etwa für Heizung – führen insbesondere in städtischen Regionen dazu, dass Wohnen selbst zum Armutsrisiko wird. Diese Dynamik ist in den Armutsstatistiken bislang nicht ausreichend erfasst.“ Nötig sei daher eine ganzheitliche sozialethische Betrachtung der Wohnungsfrage, die soziale Folgewirkungen systematisch einbeziehe.
Die Akademiedirektoren appellieren an kommunale wie überregionale Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger, Wohnen als Sozialqualität und Gemeingut zu verstehen. Wohnungspolitik müsse viel offensiver Gegenstand der Debatten in der politischen Mitte sein, gerade in Wahlkampfphasen.
Mit Blick auf strukturschwache ländliche Regionen Ostdeutschlands weisen die Direktoren zudem auf eine langfristige Herausforderung hin: In den kommenden Jahren sei mit einem erheblichen Leerstand von Ein- und Zweifamilienhäusern zu rechnen, da nachfolgende Generationen diese Immobilien häufig nicht übernehmen. Diese bislang wenig beachtete Entwicklung werfe Fragen von Nachhaltigkeit und Wohngerechtigkeit neu auf.
„Dass Menschen angemessenen Wohnraum finden, ist nicht nur eine politische Aufgabe, sondern betrifft auch die Kirchen“, so Christian Kurzke, kommissarischer Leiter der Evangelischen Akademie Sachsen. „Die Kirchen haben eine Chance, aktiv zur Ethik des Zusammenlebens in der Stadt und auf dem Land beizutragen.“
„Wohnen ist seit der Weihnachtsgeschichte und dem Stall von Bethlehem eine Herausforderung für den christlichen Glauben“, so Kurzke weiter. „Wenn bei der Verpachtung von kirchlichem Land ethische Kriterien selbstverständlich sind, sollte dies auch für die Vergabe kirchlicher Wohnungen gelten. Nicht der Mietpreis allein ist entscheidend, sondern der Mensch.“ Besonders Menschen mit geringen Chancen auf dem regulären Wohnungsmarkt könnten von einem bewusst sozial ausgerichteten kirchlichen Engagement profitieren. Eine zielgruppenorientierte Vergabe kirchlicher Wohnungen, zum Beispiel als Schutzwohnung für Gefährdete, könne dazu beitragen, soziale Teilhabe zu stärken und zugleich neue ethische Diskursräume zu eröffnen.
Die Direktoren und Direktorin der Evangelischen Akademien in Ostdeutschland debattieren seit Anfang 2024 regelmäßig in einem Fachgespräch mit Wissenschaftlerinnen, Medienvertretern und Theologen. Mit einem Fokus auf Ostdeutschland sprechen sie dabei über den Druck, der derzeit auf der liberalen Demokratie lastet, und über den Umgang mit rechtsradikalen Parteien. Die Essenz dieser Gespräche veröffentlichen die Akademien als gemeinsame Stellungnahmen zur Demokratie.
Dr. Sebastian Kranich, Direktor der Evangelischen Akademie Thüringen
Dr. Friederike Krippner, Direktorin der Evangelischen Akademie zu Berlin
Christian Kurzke, Vertreter der Akademiedirektion der Evangelischen Akademie Sachsen
Christoph Maier, Direktor der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt
Prof. Dr. Henning Theißen, Direktor der Evangelischen Akademie der Nordkirche





