Diskurs

Vortragsabend in Calbe

Antijüdische Schmähplastiken an deutschen Kirchen. Zur Entstehung und Verbreitung des sog. „Judensau“-Motivs

Am Mittwoch startete in Calbe die Vortragsreihe „Steine des Anstoßes“. In insgesamt vier Vorträgen und Gesprächsrunden möchten die Evangelische Akademie Sachsen-Anhalt und der Gemeindekirchenrat in Calbe noch bis November die Hintergründe und historischen Dynamiken von Antijudaismus und Antisemitismus erhellen. Dazu haben wir Referentinnen und Referenten aus der Wissenschaft und dem christlich-jüdischen Dialog eingeladen. Den Anfang machte am Dienstag die Historikerin und Judaistin PD Dr. Birgit Wiedl aus St. Pölten. Etwa 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmer folgten ihrem Vortrag in der St. Stephani-Kirche.

In ihrem Vortrag über die Entstehung und Verbreitung sogenannter „Judensau“-Darstellungen im deutschsprachigen Raum gab Frau Wiedl einen detaillierten Überblick über die Geschichte antijüdischer Schmähbilder und dem zugrunde liegenden Motiv, das Schweine in Verbindung mit Juden zeigt. Von frühen Darstellungen wie in Brandenburg bis hin zu jüngeren Exemplaren aus Regensburg und Frankfurt spannt sich eine jahrhundertelange Geschichte, in der sich das Bildprogramm immer wieder fortgeschrieben, aber auch entscheidende Transformationen erfahren hat. Während frühe Plastiken und Reliefs noch in größere Bildzyklen und einen voraussetzungsreichen theologischen Diskurs eingebettet waren, nahmen spätere Schmähbilder eine immer prominentere Rolle im öffentlichen Raum ein. In der Frühen Neuzeit schließlich verbreitete sich das judenfeindliche Motiv rasant und sickerte über Druckgrafiken, Holzschnitte, Schriften oder Theaterinszenierungen in die Alltagssphäre ein, wo es Jüdinnen und Juden für alle sichtbar verhöhnte und herabsetzte.

Zu kontextualisieren ohne zu relativieren – das war Anspruch und Programm des Abends. Frau Wiedl präsentierte dazu zahlreiche Details, etwa zur Relevanz von Tiersymboliken in der mittelalterlichen Bildsprache oder den Ambivalenzen in der Interaktion zwischen Christen und Juden. Gegen Ende machte sie noch einmal deutlich, dass Juden und Christen im Mittelalter Tür an Tür lebten – nicht segregiert, sondern oft in relativer Koexistenz. Das wiederum schmälert den Charakter der Gewalt gegen Jüdinnen und Juden nicht, im Gegenteil, es macht ihn sogar schlimmer: Nicht abstrakte Feinde oder fanatisierte Einzelne wendeten sich im Zuge mittelalterlicher Hostienschändungsvorwürfe oder Pestpogrome gegen die jüdische Bevölkerung, sondern oftmals ihre Nachbarn und Bekannten.

Nicht zuletzt zeigte Frau Wiedl auch auf, dass Jüdinnen und Juden in der Geschichte des Mittelalters nicht nur als passive Betroffene, sondern eben als Akteure vorkommen. Gerade im Kontext von judenfeindlichen Schmähbildern und -schriften leisteten Juden aktiv Widerstand. Sie legten gegen ihre Anbringung und Verbreitung Einspruch ein, schrieben Briefe an Herrscher und administrative Stellen, versuchten sich zu organisieren und schöpften dazu auch Rechtsmittel aus – meist leider ohne Erfolg. Bei aller Notwendigkeit der Thematisierung und Erforschung der christlich geprägten Judenfeindschaft, so die Referentin, sollten diese Perspektiven auf die Geschichte, die jüdischen Perspektiven, nicht zu kurz kommen. Diesem Plädoyer lässt sich an dieser Stelle nur beipflichten. Wir bedanken uns bei Frau Wiedl für Ihren sehr informativen und erhellenden Vortrag.

Vincent Kleinbub

Mitarbeiter im Projekt „sus et iudaei – Schmähplastiken in Sachsen-Anhalt“
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