Diskurs

Neue Formen der Judenfeindschaft

Vortrag in Calbe beleuchtet Antisemitismus im 19. Jahrhundert

Die inzwischen dritte Veranstaltung der Vortragsreihe „Steine des Anstoßes“ in Calbe warf einen Blick auf die Transformationen der Judenfeindschaft im 19. Jahrhundert. Begrüßen durften wir an diesem Abend Dr. Andreas Stegmann, Privatdozent für Kirchengeschichte an der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin. Etwa 25 Besucherinnen und Besucher waren in die St. Stephani-Kirche gekommen, um seinem Vortrag zu folgen. In insgesamt vier Vorträgen und Gesprächsrunden möchten die Evangelische Akademie Sachsen-Anhalt und der Gemeindekirchenrat in Calbe noch bis November die Hintergründe und historischen Dynamiken von Antijudaismus und Antisemitismus erhellen und dabei sowohl theologische als auch historische Perspektiven miteinbeziehen.

Im 19. Jahrhundert wurde nicht nur die St. Stephani-Kirche in Calbe umfänglich restauriert, auch für ein Verständnis des modernen Antisemitismus ist diese Zeit enorm wichtig. Der christlich geprägte Antijudaismus erfuhr hier entscheidende Transformationen. In der heraufziehenden Moderne wurden judenfeindliche Erzählungen gesellschaftspolitisch neu eingefasst und ausgedeutet. Uralten antijüdischen Selbstverständnissen traten pseudobiologische Vorstellungen von Rasse und Volksgemeinschaft zur Seite. In welchem Verhältnis christlicher Antijudaismus und rassistischer Antisemitismus im 19. Jahrhundert standen, erhellte Herr Dr. Stegmann anhand einer Auswahl zeitgenössischer Schriften.

Mit dem preußischen Judenedikt von 1812 erhielten Juden in Preußen erste staatsbürgerliche Rechte. Wenngleich dem Edikt im Zuge der Stein-Hardenbergschen Reformen auch verwaltungstechnische Überlegungen zugrunde lagen, kann er als ein Meilenstein auf dem Weg zur gesellschaftlichen Gleichstellung im deutschsprachigen Raum gelten. Die Judenfeindschaft erledigte sich damit freilich nicht. Anhand der 1829 erschienenen Schrift „Das Leben Jesu“ zeigte Herr Stegmann auf, dass klassische Erzählungen des christlichen Antijudaismus im 19. Jahrhundert nach wie vor verbreitet waren. Stellvertretend für viele seiner Zeitgenossen hielt der Autor Karl von Hase darin am Wahrheitsanspruch des Christentums und der Notwendigkeit der Judenmission fest. In seiner Schrift artikulierte sich die christliche Abgrenzung vom Judentum über jahrhundertelang kultivierte dichotome Zuschreibungen: Auf der einen Seite das Christentum als Religion des Heils und der Gnade, auf der anderen Seite das Judentum als vermeintlich partikuläre Gesetzesreligion.

Parallel dazu entwickelte sich aber auch eine neue Form des Judenhasses: der Antisemitismus. Dieser begründete sich nicht mehr auf der Grundlage eines christlichen Selbstverständnisses, sondern auf der Basis pseudobiologischer Rassetheorien. Jüdinnen und Juden wurden feste Charaktereigenschaften und körperliche Merkmale zugeschrieben. Nicht erst durch ihren Glauben, sondern allein durch ihre bloße Existenz galten sie den modernen Antisemiten demnach als verkommen und gefährlich. Mit seiner Schrift „Das moderne Judentum“ unternahm der protestantische Prediger Alfred Stoecker 1880 den Versuch, ein konservatives gesellschaftspolitisches Programm mit antisemitischen Erzählungen anzureichern. Im selben Jahr veröffentlichte Wilhelm Marr seine Schrift Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum und trug damit maßgeblich zur Rassifizierung des Judenhasses im deutschsprachigen Raum bei.

Bereits zuvor hatten sich vielerorts antisemitische Vereine und Verbände gegründet. Der Antisemitismus war während des 19. Jahrhundert im deutschsprachigen Raum präsent und entlud sich schon 1819 während der Hep-Hep-Krawalle gewaltsam an der jüdischen Bevölkerung. Politisch massenwirksam institutionalisieren konnte sich der Antisemitismus im 19. Jahrhundert indessen nicht, führte Andreas Stegmann aus. Erst im beginnenden 20. Jahrhundert sollte sich über den modernen Antisemitismus als Welterklärungsmodell politisch breit mobilisieren lassen. Die ideologischen Grundlagen dafür waren freilich schon zuvor gelegt und popularisiert worden, weswegen ein Blick ins 19. Jahrhundert für eine Analyse der langen Geschichte der Judenfeinschaft unerlässlich ist.

Wir danken Herrn Dr. Stegmann vielmals für seinen erhellenden Vortrag.

Vincent Kleinbub

Mitarbeiter im Projekt „sus et iudaei – Schmähplastiken in Sachsen-Anhalt“
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