Diskurs

Mission – und wie sie sich überlebte.

Die Geschichte der Begriffe

„Dürfen wir jetzt nicht mal mehr missionieren?“ – so eine Reaktion auf die Veranstaltung und den Titel. Und die Aussage des Referenten schien in diese Richtung zu gehen. „Ich möchte uns von dem Missionsbefehl befreien.“, sagte Ravinder Salooja, Direktor des Evang.-Luth. Missionswerkes Leipzig.

Nun ging es an dem Abend aber nicht um Fragen einer christlichen Praxis, sondern vielmehr um den Begriff „Mission“ und das Konzept, das mit Mission verbunden ist – wie sie von Europa aus im Zusammenhang mit der Kolonialisierung betrieben wurde. Dabei zeigte sich ein doch differenzierteres Bild, als es in der etwas plakativen Gegenüberstellung „Mission – Ja oder Nein“ erscheinen mag.

Eine fundamentale Frage dabei: die nach dem Zusammenhang von Macht und Glaube. Ravinder Salooja machte deutlich, dass sich in dem, was christlich zu rechtfertigen wäre, das Verhältnis von Ohnmacht und Macht umkehren müsse. Und er macht deutlich, dass der „Missionsbefehl“, wie wir ihn aus Matthäus 28, 18-20 kennen, erst im 18. und 19. Jahrhundert eine derart dominante Rolle zu spielen begann – ja, geradezu erfunden wurde von William Carey. Denn vorher gehörte der Text zwar selbstverständlich in die Taufliturgie. Aber er diente nicht zur Fundamentierung einer Weltmission. Das geschah erst im 18. Jahrhundert unter dem programmatischen Titel: „Eine Untersuchung über die Verpflichtung der Christen, Mittel einzusetzen für die Bekehrung der Heiden“.
Nicht zufällig geschah dies in England, begründete eine expansive Auslandsmission und bedeutete den Beginn der protestantischen Weltmission – auf das Engste verbunden mit der Kolonialisierung, Unterwerfung und Ausbeutung der Völker, die zu Objekten der Mission gemacht wurden.

Die Geschichte der Begriffe – wir fragen nach Begriffen und den Kontexten und den Konzepten der Weltaneingung, die damit verbunden sind. Mission – ein Begriff, der postkolonial aufgearbeitet werden muss. In diesem Diskurs sind vor allem die Stimmen derer zu hören, die historisch sprachlos gemacht wurden.

Es ist also nicht die Frage: „Dürfen wir noch missionieren?“ Vielmehr sollten wir im achtsamen Umgang mit dem Begriff kritisch auf die Geschichte der protestantischen Weltmission schauen und uns fragen, wie heute eine christliche Praxis des Zeugnis-Gebens von der bedingslosen Zuwendung Gottes aussehen könnte, die alle Macht- und Herrschaftsverhältnisse infrage stellt. Und das nicht allein in einem religiösen Sinne. Denn an die Stelle der Kolonialisierung ist heute allzu oft eine Politik der Entwicklungshilfe getreten, die unbedingt problematisiert werden muss – und zwar genau in dem zentalen Punkt, wo wir das Verhältnis von Ohnmacht und Macht kritisch in den Blick nehmen und Ohnmächtige sich ermächtigen.

Hier finden Sie den Vortrag von Ravinder Salooja zum Nachhören:

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Paul F. Martin

Studienleitung Theologie/ Gesellschaft/ Kultur
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