Diskurs

Junge Menschen haben (k)eine Wahl

Engagiert von FFF über Diskursbothe bis U18
U18-Bundestagswahl jetzt!!! - Quelle: U18.org
U18-Bundestagswahl jetzt!!! - Quelle: U18.org

Junge Menschen sind bei der Bundestagswahl hilflos unterrepräsentiert. Diejenigen, die 60 Jahre und älter sind, stellen fast 40 Prozent aller Wahlberechtigten. Mehr als zwei Drittel aller zur Bundestagswahl eingeladenen sind älter als 40. Unter 30-Jährige stellen weniger als 15 Prozent der Wählerschaft (Vgl. Bundeswahlleiter). Diskutiert – und bei vielen Kommunalwahlen und manchen Landtagswahlen umgesetzt – wird ein Wahlalter ab 16 Jahren. Das wäre sehr gut, gerasde weil es damit bisher keine negativen Erfahrungen gibt, würde aber demografisch kaum noch etwas ändern. Eine wirkliche Repräsentation junger Interessen wäre nur mit einem Wahlrecht ab Geburt bzw. ein Familienwahlrecht möglich. Trotzdem oder gerade deswegen gibt es viele Angebote und Aktivitäten von und für junge Menschen. Sie sind nicht per se unpolitisch, sondern es gibt tolle Beispiele zivilgesellschaftlich aktiver junger Menschen.

Die größte Aufmerksamkeit bekommt dabei Fridays for Future. Die Ankündigung, dass die weltweite Klimaerwärmung um 1.5 Grad (Zielmarke des Pariser Klimaabkommens) schon 2030 erreicht wird und eeine Steigerung um 2,7 Grad bis Ende des Jahrhunderts kaum noch zu verhindern ist (vgl. tagesschau.de), bedroht insbesondere diejenigen, die diesen Zeitpunkt noch erleben könnten. Und obwohl sich in einer Kleinstadt wie Wittenberg im eher ländlich geprägten Raum Jugendliche schwerer mobilisieren lassen, gingen auch hier am 24.9.21 ca. 200 überwiegend junge Menschen auf die Straße. Aus Sich der politischen Jugendbildung aber fast noch interessanter war, dass sie ein Podiumsgespräch mit offenen Mikrofon mit Politiker:innen organisiert und moderiert haben. Als Junge Akademie konnten wir die Öffentlichkeitsarbeit dieses jugendlichen Engagements aus Mitteln des Jugendfond der Partnerschaft für Demokratie unterstützen. Und ich frage mich, ob die Unterstützung politischen Engagements junger Menschen nicht noch viel mehr Teil politischer Jugendbildung sein sollte. Die WIR-Studie kommt zum Ergebnis, dass sich junge Menschen nicht nur die Inhalte, sondern auch die Art ihrer Freizeitgestaltung und ihrer Beteiligung selbst wählen wollen und dass sie den institutionellen Formaten eher misstrauen und insbesondere Schule als nicht-partizipativ wahrnehmen (vgl. jugendgerecht.de).

Fridays for Future sind nur der sichtbare Teil des Engagements junger Menschen. So hat z.B. Nico Bothe, ein in Wittenberg lebender Student, in seinem Blog „Diskursbothe – Aktuelle Diskussionen im Blick“ die Direktkandidierenden relevanter Parteien seines Bundestagswahlkreises befragt und lädt nun dazu, sich vor der Bundestagswahl eine eigene Meinung zu bilden. Also für alle, die in Wittenberg wählen und noch mehr zur Kandidatin und den Kandidaten wissen wollen, lohnt sich das Nachlesen.

Last, but not least, will ich auf die U-18-Wahlen verweisen. Eine Symbolwahl für alle jungen Menschen, die noch nicht wählen dürfen. Dabei scheinen junge Menschen kleinere Parteien, die Opposition, aber auch Kleinst- und Themenparteien im Vergleich zu den Erwachsenen zu bevorzugen (vgl. Wahlergebnisse). Bundesweit wurde deutlich, dass der Klimawandel für junge Menschen wichtig ist. Insbesondere in den ostdeutschen Bundesländern kann man aber auch die Spaltung der Gesellschaft und das fehlende Vertrauen in das politische System auch schon bei Kindern und Jugendlichen nachvollziehen. Meine Kollegin Julia Wunderlich aus der Ev. Akademie in Tutzing hat einen längeren Artikel dazu geschrieben.

Problematisch bleibt, dass die U-18-Wahl lokal organisiert wird. Die Wahlen werden in ausgewählten Schulen, Jugendeinrichtungen und Rathäusern durchgeführt und sind dadurch auch für die Mobilisierung einzelner Gruppen und Parteien anfällig. Dennoch scheint U-18 Trends abzubilden und bleibt – solange es kein Wahlrecht für Kinder und Jugendliche gibt – ein wichtiges Instrument der Meinungsäußerung für diese Altersgruppen und auch der politischen Bildung.

Anm. 1: Für alle älteren Lesenden dieses Beitrag bleibt noch die Option, die Positionen und die Zukunftsperspektiven junger Menschen bei ihrer Wahlentscheidung besonders zu berücksichtigen (vgl. z.B. „Für unsere Enkel“ oder „Omas for Future„).

Anm. 2: Noch kritischer, allgemeiner und unabhängig vom Alter hinterfragt übrigens mein Kollege Paul F. Martin das Repräsentationsdefizit in seinen Beiträgen zu den Demokratiewochen der Ev. Akademie Sachsen-Anhalt.

Anm. 3: Und alle, die bis hierher gelesen haben, bitten wir dringlichst uns zu diesem und anderen Beiträgen und Veranstaltungen ein Feedback zu geben, weil das in diesem Jahr eine Förderbedingung für das Erstellen solcher Artikel ist.

Tobias Thiel

Studienleiter für gesellschaftspolitische Jugendbildung
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