Diskurs

Gegenwartslyrik IV

Die Eltern im Herbst

Dann war es Herbst geworden
und da gefiel meinem kleinen Fensterbrettvogel
das Singen nicht mehr.
Aber dafür werden immer im Herbst
die Toten so unruhig,
und da kommt an manchen Abenden
mich mein Vater besuchen
und trägt einen blauen, wollenen Schal,
von dem meine Mutter sagt,
er hätte ihn am Tag meiner Geburt
im Eisenbahnabteil verloren.
Meine Mutter aber
verschenkt in jedem November
ein Stück von meines Vaters weißen Hemden.
Und zur gleichen Zeit,
wenn die Toten in ihren Gräbern
sich umdrehn,
bitten die jungen Frauen
ihren Mann um ein Kind.

Hertha Kräftner

Mit freundlicher Genehmigung des Wieser Verlags. Das Gedicht steht in dem Band »Kühle Sterne«  (ISBN 3-85129-191-3). 

Hertha Kräftner war eine österreichische Lyrikerin und Schriftstellerin. Geboren am 26. April 1928 in Wien und gestorben ebenfalls in Wien am 13. November 1951 durch Freitod. Hans Weigel nannte sie eine »Selbstmörderin auf Urlaub«. Mit 23 Jahren beendete sie ihr Leben durch eine Überdosis Veronal.  

Auf weltpresso.de heißt es über sie: Was tun, wenn die Welt sie nicht kennt, man selbst aber um die Bedeutung dieser Frau weiß? Darüber schreiben, wann und wo immer sich der Anlaß bietet. So auch jetzt durch den Erwerb ihres Nachlasses. Um wen es geht? Um Hertha Kräftner!

Schlagwörter: ,

Paul F. Martin

Studienleitung Theologie/ Gesellschaft/ Kultur
mehr erfahren

Diskurs-Beiträge

Menü