Diskurs

BRIEFE 3/2020

Schwerpunkt: Lernen aus der Corona-Krise
Titelbild der Zeitschrift "Briefe. Zur Orientierung im Konflikt Mensch – Erde", Nr. 136, Herbst 2020: Ultrastrukturelle Morphologie von Coronaviren © Alissa Eckert, MSMI; Dan Higgins, MAMS / Centers for Disease Control and Prevention (USA)

Im Jahr 2019 gab es mit dem Beschluss zum Kohleausstieg und dem neuen Klimaschutzgesetz kleine, aber wichtige Aufbrüche in Richtung Nachhaltigkeit. Anfang 2020 brachte die Corona-Krise diesen Prozess jäh ins Stocken. Viele internationale Umweltkonferenzen wurden verschoben. Die Natur konnte zwar etwas aufatmen, weil aus den Abgasanlagen weniger Schadstoffe quollen, aber vor allem in den Industrie- und Schwellenländern wurden und werden „Konjunkturpakete“ geschnürt, die die Wirtschaft wieder in Schwung bringen sollen.

Umso überraschender, was der Präsident des Umweltbundesamtes berichtete¹: Die meisten dieser Konjunkturpakete, so Dirk Messner, würden die Wiederbelebung der Wirtschaft mit Impulsen für mehr Nachhaltigkeit verbinden. Dies sei ein gravierender Unterschied zur Finanzkrise 2008/2009, die tatsächlich viele umweltpolitische Initiativen zum Erliegen brachte.

Kann die Corona-Krise – neben allem Leidvollen und Belastenden, das sie mit sich bringt – auch ein Weckruf sein, der Positives auslöst? Auf den Themenseiten dieser Ausgabe wird dieser Frage aus verschiedenen Perspektiven nachgegangen.

Darüber hinaus finden Sie in dieser Ausgabe Berichte über die sozialen und ökologischen Probleme bei der Schuhproduktion, den aktuellen Stand zur Initiative Lieferkettengesetz, einen Aufruf zur Energie- und Rohstoffsuffizienz sowie Einblicke in zwei interessante Bücher zum Klimaschutz bzw. zur wichtigen Rolle sozialer Verbundenheit. Zudem stellt sich die neue Umweltbeauftragte der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland vor, wir erfahren von der Arbeit auf dem Ökumenischen Weg und werden an die Enzyklika „Laudato si’“ von Papst Franziskus erinnert.

Geistlicher Impuls

Hoffnung zu Zeiten der Corona-Pandemie

von Jürgen Moltmann1


Die Corona-Katastrophe ist wie das „finstere Tal“ von Psalm 23

Niemand übersieht sie, niemand weiß, wie lange sie dauert, niemand weiß, wann sie jemanden trifft. Gott erspart uns nicht das „Tal des Todes“, aber Gott ist bei uns in unseren Ängsten. Gott geht mit uns in die Dunkelheit. Er erspart sich selbst nicht das „finstere Tal“. Gott durchleidet unsere Ängste mit uns und weiß doch den Weg für uns. Darum fürchte ich kein Unglück, denn das treue Du ist da in meinem Unglück. „Nah ist und schwer zu fassen der Gott“, dichtete Hölderlin. Gott ist uns näher, als wir wissen können. Gott ist uns näher, als wir uns selbst sein können. Darum ist er schwer zu fassen, aber man kann auf seine Nähe vertrauen. Gottvertrauen trägt das Selbstvertrauen, wenn es angegriffen wird. Alle Zukunftsprognosen sind unsicher geworden und die Zukunftsgewissheit der modernen Welt ist gebrochen, jetzt kommt es auf die Hoffnung an. 

Christliche Hoffnung ist Reich-Gottes-Hoffnung für die Zukunft der Welt wie im Himmel so auf Erden, und wir erwarten die Auferstehung der Toten und das Leben der kommenden Welt. Lange Zeit hat die Ewigkeitshoffnung in den Kirchen die Vorwärtshoffnung auf das Reich Gottes verdrängt. In der modernen Welt hat der Fortschrittsglaube die Ewigkeitshoffnung als „Opium des Volkes“ verdrängt. Beides ist falsch: Jesu Botschaft vom „nahen Reich“ für die Armen, Kranken und Kinder wird von seiner Auferstehung getragen und vergegenwärtigt. Die Auferstehungshoffnung gegen den Tod und die Mächte der Vernichtung wird zum Beweggrund für die geschichtliche Hoffnung auf das Reich Gottes.

Im Ende – der neue Anfang: Das ist christliche Hoffnung. Sie gründet in der Erinnerung an das Ende Christi – es war sein wahrer Anfang – und richtet sich auf was immer wir als „Ende“ erfahren. Der Gott der Hoffnung schafft immer neu einen Anfang: Im Leben und im Tode weckt er uns auf zum neuen Leben in seiner kommenden Welt.

Warum lässt Gott das zu?

Das ist eine nachträgliche Frage oder eine Zuschauerfrage, nicht die Frage der unmittelbar Betroffenen.

Sie fragen nach Heilung und Trost. Sie wollen, dass ihre Leiden aufhören, nicht dass sie erklärt werden. Jene alte Warum-Frage ist damit nicht abgetan. Sie sucht nach einer Rechtfertigung Gottes angesichts des Leidens ohne Ende. Entweder ist Gott allmächtig oder gut: Gott kann nicht beides zugleich sein. Eine andere Möglichkeit aber ist: „Nur der leidende Gott kann helfen“, wie Dietrich Bonhoeffer in seiner Gefängniszelle geschrieben hat. Im gekreuzigten Christus erleidet Gott auch unsere Leiden und nimmt auf sich unsere Schmerzen, um bei uns zu sein in unserer Angst. Der gekreuzigte Christus ist der göttliche Trost im Leiden und der göttliche Protest gegen das Leiden, denn Christus ist auferstanden. Übrigens: Wir leben nicht in einer „heilen Welt“. Die Schöpfung ist erlösungsbedürftig. Die Natur kann grausam sein. 

Ist die Corona-Pandemie eine Strafe Gottes für die Menschheit? 

Manche amerikanische Evangelikale behaupten das. Die alten heidnischen Opferkulte wollten den Zorn der Götter besänftigen: Die Götter segnen das Wohlverhalten der Menschen und bestrafen das Fehlverhalten. Die alte Werkgerechtigkeit sollte die Strafe Gottes abwenden und den Himmel verdienen. Die „Strafe“ Gottes mit dem Corona-Virus ist die Kehrseite des evangelikalen „Gospel of Prosperity“. „Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt“ (Jes 53,5). Die frühe Christenheit hat den „leidenden Gottesknecht“ von Jesaja auf das stellvertretende Leiden Christi am Kreuz bezogen. Wer nach dem Kreuzestod Christi noch von „Strafen Gottes“ in der Menschheitsgeschichte spricht, kennt Christus nicht und macht aus der Frohbotschaft der Vergebung der Sünden eine Drohbotschaft vom „strafenden Gott“. 

Wer gewinnt in diesen Zeiten der Corona-Pandemie? 

Die Menschen: Der tägliche Konkurrenzkampf ist stillgelegt. Da alle betroffen sind, lernen sie jetzt, was Solidarität ist. Solidarität gegen einen gemeinsamen Feind wie das Corona-Virus ist gut, Solidarität aus Freude an der gemeinsamen Menschlichkeit – ohne einen Feind – ist besser.

Die Natur: Die Natur der Erde durchlebt eine „Verschnaufpause“ von der menschengemachten Umweltkatastrophe. Die naturgemachte Corona-Katastrophe hat die Menschenwelt zu Solidarität und einschneidenden Maßnahmen geführt. Die Umweltkatastrophe sollte eine ähnliche Solidarität und ähnliche Maßnahmen der Staatengemeinschaft hervorrufen. 

Wer verliert in der Corona-Katastrophe?

Das Selbstbewusstsein der modernen Menschen: Wir haben die Krise nicht „im Griff“. Die Covid-Viren stellen unsere „Machbarkeit aller Dinge“ durch Wissenschaft und Technik in Frage. Wir kommen an unsere Grenze. Das Virus wird zum „Feind“ erklärt und seine Bekämpfung wird als „Krieg“ gewertet. Ist die Natur wieder der Feind des Menschen?

Die Sterbenden werden nur in Zahlen erwähnt. Sie sterben aber auf den Intensivstationen in äußerster Isolation und ohne menschliche Nähe. Um die Gesunden zu retten, lassen wir sie allein. Keiner kann sagen, ihn oder sie betrifft solches Sterben nicht. Der modern verdrängte Tod ist wieder ins Zentrum getreten. Das ist für das moderne Selbstbewusstsein schlecht. Statt Arroganz ist Demut gefragt.

Prof. em. Dr. theol. Jürgen Moltmann
Riesingerstr. 25 | 72070 Tübingen


1 Wir danken Herrn Professor Moltmann für die Genehmigung, seinen Text, der im März 2020 entstanden ist, an dieser Stelle wiederzugeben. Prof. em. Dr. theol. Jürgen Moltmann war von 1967 bis zu seiner Emeritierung 1994 Professor für Systematische Theologie an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen.

Nachhaltige entwicklung

Schuhe sollten sauber sein

von Jiska Gojowczyk


Wenn ich Schuhe kaufe, sollen sie sauber sein. Leider ist das kaum mit Gewissheit zu schaffen. Bei der Herstellung von Schuhen sind die sozialen und ökologischen Missstände so häufig, vielfältig und schwerwiegend, dass das Endprodukt mitnichten als „sauber“ bezeichnet werden kann, auch wenn es im Schaufenster noch so hell blinkt und glänzt. Dagegen wären Matsch am Absatz und Ketchup am Schnürsenkel ein sehr viel geringeres Übel.

Durchschnittlich etwa 120 Euro im Jahr geben Verbraucher*innen in Deutschland für Schuhe aus. Etwa fünf Paar werden von diesem Geld im Schnitt gekauft. Damit konsumiert die deutsche Bevölkerung 2 Prozent aller Schuhe weltweit, bei einem Anteil von 1 Prozent an der Weltbevölkerung. Auch im internationalen Handel ist Deutschland als zweitgrößter Importeur und viertgrößter Exporteur von Schuhen von großer Bedeutung (APICCAPS: World Footwear Yearbook 2019). Daraus ergibt sich eine große Verantwortung für die Mitgestaltung internationaler Wertschöpfungsketten.

Missstände in den Wertschöpfungsketten von Schuhen

Die Probleme in den Wertschöpfungsketten von Schuhen beginnen schon beim Material. Egal ob Baumwolle, Gummi oder Leder – jeder Rohstoff ist mit ökologischen und sozialen Problemen bei der Gewinnung und Aufbereitung verbunden (vgl. Ferenschild 2018 und Knoke 2018). Um aus Rohhäuten Leder herzustellen, werden beispielsweise giftige Chemikalien, insbesondere Chrom, und sehr viel Wasser eingesetzt. Dokumentiert ist, dass (Ab-)Wasser- und Feststoffabfallmanagement in den größten Produktionsregionen schlecht geregelt sind oder bestehende Regeln nicht befolgt und von staatlicher Seite unzureichend kontrolliert werden. Großflächige Verschmutzung von Gewässern und Böden ist die Folge. So haben Gerbereien in Indien maßgeblich zur Verschmutzung des heiligen Flusses Ganges beigetragen. Die Kapazitäten von Kläranlagen wie der abgebildeten sind zu gering, um die Abwässer der Betriebe vor Ort zu bewältigen. Mehrfach hat die indische Regierung deshalb schon vorübergehende Betriebsverbote an Gerbereien ausgesprochen. Die lokale Bevölkerung bezahlt den Preis der Produktion unter anderem durch verseuchtes Grundwasser.

Bild der Zeitschrift "Briefe. Zur Orientierung im Konflikt Mensch – Erde", Nr. 136, Herbst 2020: 
Zu kleine und technisch schlecht ausgestattete Kläranlage in einer Gerbereiregion in Indien. © SÜDWIND e. V.
Zu kleine und technisch schlecht ausgestattete Kläranlage in einer Gerbereiregion in Indien.
© SÜDWIND e. V.

Aber auch die Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten einschließlich Gesundheits- und Arbeitsschutz sind zumeist sehr schlecht. Arbeiter*innen von Gerbereien berichten, bei Betriebsunfällen entweder zu gering oder gar nicht entschädigt worden zu sein. In Gerbereien wie auch Schuhfabriken müssen Arbeiter*innen, die versuchen, gegen ihre sehr niedrigen Löhne zu protestieren, mit Repressionen rechnen. Arbeitszeiten sind zu lang und Überstunden werden nicht ausreichend bezahlt. Weil die Beschäftigungsverhältnisse in vielen Fällen nicht vertraglich abgesichert sind, können Arbeiter*innen ihre Rechte nicht einklagen und staatliche Sozialleistungen nicht in Anspruch nehmen. Prekär beschäftigt sind auch die meisten Heimarbeiter*innen – sehr oft Frauen – die zum Teil bis ins hohe Alter jede Möglichkeit nutzen, um für schlechte Preise Schuhe zu nähen (Pieper 2019; aus eigenen Feldnotizen zu Augenzeugenberichten im Januar 2020 in Indien). 

Sieben Prozent der indischen Schuhproduktion gingen 2018 nach Deutschland und damit der drittgrößte Schuhexportanteil Indiens. Aber auch aus weiteren wichtigen Produktionsländern wie China oder Indonesien werden ähnliche Missstände berichtet. Deutsche Unternehmen verweisen auf Nachfrage in der Regel auf Audits, also Berichte, welche die Einhaltung von Sozial- und Umweltstandards in Zulieferfabriken bestätigen sollen. Gleichzeitig ist international schon fast als Allgemeinwissen zu bezeichnen, dass diese Audits „unsauber“ erstellt und korrupt erkauft werden können.

Bild der Zeitschrift "Briefe. Zur Orientierung im Konflikt Mensch – Erde", Nr. 136, Herbst 2020:
Lederschuhproduktion in Indien in Heimarbeit. © SÜDWIND e. V.
Lederschuhproduktion in Indien in Heimarbeit.
© SÜDWIND e. V.

Anstrengungen der Unternehmen zur Stärkung von Versammlungs-, Vereinigungs- und Gewerkschaftsfreiheit an den Produktionsstandorten sind dringend nötig. Diese Anstrengungen sollten durch gute Beschwerdemechanismen flankiert werden, anhand derer Arbeiter*innen in lokaler Sprache Missstände melden können, ohne Angst vor negativen Konsequenzen haben zu müssen.

Im Zuge der COVID-19-Pandemie hat sich die Situation für viele Wertschaffende in der Schuhindustrie drastisch verschlimmert. Zulieferbetriebe hatten schon zuvor mit schlechten Preisen und herausfordernden Einkaufspraktiken durch internationale Markenunternehmen zu kämpfen, etwa plötzlichen Änderungen der Bestellungen und sehr engen Zeitspannen für die Produktion. Für den Textilsektor belegen Studien, dass der entsprechende Druck an die Arbeiter*innen weitergegeben wird (Anner 2019). Auch wenn dies für die Schuhbranche bisher weniger gut dokumentiert ist, kann davon ausgegangen werden, dass auch hier durch die Pandemie das Machtungleichgewicht zwischen produzierenden und kaufenden Unternehmen zu noch ungerechteren Praktiken geführt hat. Für die Textilindustrie ist inzwischen umfangreich dokumentiert, dass Markenunternehmen Aufträge kurzfristig stornierten und bestellte Ware nicht abnahmen. In der internationalen Zivilgesellschaft entstand deshalb der Aufruf „#PayUp“, also: „Bezahlen!“ Aus der deutschen Schuhindustrie ist zu dieser Fragestellung bisher öffentlich nahezu nichts Konkretes zu hören. 

Der Einbruch internationaler Aufträge im Frühjahr hat in Indien neben logistischen Herausforderungen zum Beispiel durch erschwerte Materialbeschaffung auch zu Fabrikstilllegungen und schlechter Auslastung geführt. In vielen Regionen des Landes wurden Arbeitsrechte massiv beschnitten, Arbeitszeiten auf bis zu 12 Stunden am Tag und 72 Stunden in der Woche erhöht – gerechtfertigt mit der Krisensituation. Nicht zuletzt der plötzliche Lockdown im Land hat viele in dramatische Lebenslagen gestürzt, da ohne Arbeit oft auch kein Lohn gezahlt wurde. Von den niedrigen Einkommen konnte zuvor kaum etwas für Krisenzeiten zurückgelegt werden. So bedeutet, kein Einkommen verdienen zu können, für große Teile der Arbeitnehmer*innen Not und Hunger. Humanitäre Hilfe kann nur einen kleinen Teil der Bevölkerung unterstützen.

Akteure in Deutschland müssen sich ihrer Verantwortung stellen, gerade in der weltweiten Krisensituation

Verschiedenste Akteure in Deutschland sind an der Wertschöpfungskette von Schuhen beteiligt. 2019 arbeiteten etwa 16.500 Menschen in Deutschland in Firmen, die Schuhe herstellen, der Großteil davon mittelständisch organisiert. Die arbeitsaufwändige Produktion wie das Vernähen der Schuhoberteile findet in der Regel im Ausland statt. 63 Prozent des Verkaufs von Schuhen in Deutschland erfolgte bis vor den Änderungen durch die Corona-Pandemie im Fachhandel. Der Anteil von Internethändlern am Verkauf lag bei 22 Prozent und auch Mode- und Sportartikelgeschäfte verkaufen Schuhe (VR 2020). Dass das Interesse an nachhaltiger Produktion steigt, wird von vielen Akteuren im Sektor wahrgenommen. Ansätze, Verbesserungen umzusetzen, haben jedoch bisher oft nur marketingorientierten Projektcharakter und beziehen sich auf einzelne Produkte, Produktlinien oder Problembereiche (etwa die CO2-Bilanz eines einzigen Schuhmodells), weniger auf die gesamte Unternehmenspraxis. Genau das wäre aber erforderlich, um gegen die sozialen Missstände in den Wertschöpfungsketten vorzugehen.

Die COVID-19-Pandemie hat auch die Schuhindustrie in Deutschland hart getroffen. Insbesondere die zur Eindämmung notwendigen Geschäftsschließungen haben im Einzelhandel zu Einbußen bei weiterlaufenden Kosten geführt. Hersteller konnten produzierte Ware nicht verkaufen und nur schlecht planen. Einige Unternehmen gingen zur Kurzarbeit über oder mussten Konkurs anmelden; manche ringen noch um die Existenz. 

Herausgefordert durch die Krise stellt die Schuhbranche in Deutschland diverse Abläufe und Praktiken infrage. Dabei nutzt sie jedoch die Gelegenheit nicht, sich nun endlich den schon lange drängendsten Problemen zu stellen: den menschenrechtlichen Sorgfaltspflichten und den ökologischen Übeln in ihren Wertschöpfungsketten. Bisher ist nicht erkennbar, dass die Branche die oben beschriebenen Missstände als Teil ihrer Verantwortung und die eigenen Einkaufspraktiken als Teil des Problems versteht und in der Krise diesbezüglich kooperierend und transparent voranschreiten würde.

Im Gegenteil: Die Ankündigung der Bundesregierung, ein Gesetz auf den Weg zu bringen, welches menschenrechtliche Sorgfalt von Unternehmen einfordert und reguliert, wurde vom Verband der Schuh- und Lederwarenindustrie (HDSL) strikt abgelehnt und vor allem als großer Wettbewerbsnachteil kritisiert. Dabei könnte ein solches Gesetz helfen sicherzustellen, dass Unternehmen, die sich nachhaltig und transparent um Verbesserungen in ihren Wertschöpfungsketten bemühen, keine Wettbewerbsnachteile erleiden. Unternehmen könnten zu koordiniertem Handeln für Verbesserungen angeregt werden. Auch der Mittelstand, der aufgrund seiner Größe vorerst nicht unter das Gesetz fiele, erhielte eine Orientierung und rechtliche Sicherheit.

Nur wenn sich auch die Branche in Deutschland bewegt können unsere Schuhe wirklich „sauberer“ werden

Zwar gibt es inzwischen eine Reihe von Unternehmen besonders im Sneaker-Bereich, die ökofaire Produktion tief in ihrer Unternehmensphilosophie verankert haben, doch darüber hinaus ist es für Konsument*innen in Deutschland bisher schwer, über die Kaufentscheidung Einfluss auf den Markt bis hin zu seiner Veränderung zu nehmen. Eine Möglichkeit, die sozialen wie ökologischen Probleme im Sektor mit etwas mehr Kaufkraft und Nachdruck zu adressieren, ist die nachhaltige Beschaffung in Kirchengemeinden sowie die nachhaltige öffentliche Beschaffung. Wenn Kommunen den Kauf von Schuhen ausschreiben, können sie Sozial- und Umweltstandards als Bewertungskriterien einbeziehen. In Kommunen sind besonders Sicherheitsschuhe relevant, beispielsweise für die Feuerwehr oder die Abfallbetriebe. Sicherheitsschuhe machen etwa 16 Prozent der deutschen Gesamtschuhproduktion aus und sind folglich eine bedeutende und bis vor der Pandemie wachsende Sparte (vgl. Maurer Fachmedien 2019). Auch in dieser Sparte werden die Schuhoberteile im Ausland gefertigt. Auch das Leder stammt meist nicht aus Deutschland, sondern beispielsweise aus Brasilien. 2018 wurden sieben Millionen Paar Sicherheitsschuhe mit Lederoberteil von in Deutschland ansässigen Firmen produziert, ein Anstieg von knapp 14 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Wird kirchlich oder kommunal die ökosoziale Beschaffung von Schuhen angestrebt, ist es sinnvoll, die Produktion des Leders und der Schuhoberteile (der Schäfte) als Risikobereiche in den Wertschöpfungsketten besonders in den Blick zu nehmen. Für die Unternehmen stellt es allerdings nach wie vor eine Herausforderung dar, nachzuweisen, dass sie soziale und ökologische Probleme in ihren Wertschöpfungsketten versuchen auszuschließen. Neben den oben genannten Problemen bei den Audits ist die Nachweisführung insofern erschwert, als sich noch nicht ausreichend Gütezeichen, Siegel oder Multi-Stakeholder-Initiativen etabliert haben, die herangezogen werden können. In dieser Situation können Kirchengemeinden und kirchliche Einkaufsgemeinschaften Schuhhersteller direkt mit Fragen konfrontieren und dazu auf die Arbeitshilfen zurückgreifen, die von der „Servicestelle Kommunen in der Einen Welt“1 und von SÜDWIND e. V. bereitgestellt werden. SÜDWIND steht auch gerne beratend zur Verfügung. Und der „Kompass Nachhaltigkeit“2 enthält Lösungswege anderer Kommunen. 

Referenzen

Jiska Gojowczyk
Wissenschaftliche Mitarbeiterin/Researcher
SÜDWIND e. V. –- Institut für Ökonomie und Ökumene
Kaiserstraße 201 | 53113 Bonn
Tel.: 0228 763698-18
| www.suedwind-institut.de


1 https://skew.engagement-global.de
2  www.kompass-nachhaltigkeit.de

Menschenwürdiges Wirtschaften

Die Diskussion um ein Lieferkettengesetz nimmt Fahrt auf

von Eva-Maria Reinwald

Bild der Zeitschrift "Briefe. Zur Orientierung im Konflikt Mensch – Erde", Nr. 136, Herbst 2020:
Aktionspostkarten der Initiative Lieferkettengesetz an Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier. © Initiative Lieferkettengesetz
Aktionspostkarten der Initiative Lieferkettengesetz an Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier.
© Initiative Lieferkettengesetz

Die Ergebnisse waren eindeutig: Eine zweite und abschließende Befragung großer Unternehmen im Auftrag der Bundesregierung in diesem Jahr ergab, dass nur 13 bis 17 Prozent von ihnen den Anforderungen zur Achtung von Menschenrechten in ihren Lieferketten nachkommen.1 Mit dem Ergebnis der Umfrage war nach einer vorangegangenen Befragung 2019 und Ergebnissen externer Studien nun auch der letzte Beweis erbracht: Freiwillig unternehmen Firmen nicht genug, um menschenrechtlichen Problemen wie Kinderarbeit auf Plantagen, Gesundheitsgefahren und Zwangsarbeit in Fabriken oder der Zerstörung von Lebensgrundlagen im Bergbau zu begegnen.

Der Koalitionsvertrag der Bundesregierung sieht für diesen Fall ein Lieferkettengesetz vor, das Unternehmen gesetzlich verpflichtet, Risiken für Menschenrechte in ihren Auslandsgeschäften zu ermitteln, Maßnahmen zur Vorsorge und Behebung von Missständen zu ergreifen, darüber zu berichten und Beschwerdemöglichkeiten für Betroffene einzurichten. 

Entwicklungsminister Gerd Müller und Arbeitsminister Hubertus Heil, die in der Bundesregierung für eine solche Regelung eintreten, verkündeten nach Bekanntgabe der Umfrageergebnisse im Juli 2020, dass sie nun Eckpunkte für ein solches Gesetz mit dem Bundeskabinett abstimmen und anschließend einen Gesetzesentwurf vorlegen wollen. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, die bislang auf das Prinzip freiwilliger Unternehmensverantwortung setzte, stellte sich hinter diese Ankündigung. – Ein großer Erfolg für die Initiative Lieferkettengesetz, einem Bündnis von mehr als 100 Organisationen aus umwelt- und entwicklungspolitischer Zivilgesellschaft, aus Kirchen und Gewerkschaften, das seit einem Jahr für einen gesetzlichen Rahmen streitet. Mehr als 222.222 Menschen haben die an Angela Merkel gerichtete Petition des Bündnisses unterzeichnet, in der ein starkes Lieferkettengesetz noch in dieser Legislaturperiode gefordert wird. 

Auch wenn eine gesetzliche Regelung nun in greifbarere Nähe rückt, bleibt unsicher, ob diese kommt und, falls ja, ob ihre Inhalte stark genug sein werden, tatsächlich Wirkung zu entfalten. Denn das Wirtschaftsministerium als starker Gegner des Gesetzes wird alles daransetzen, das Gesetz zu verhindern bzw. seine Inhalte abzuschwächen. Ab welcher Größe werden Unternehmen zum Handeln verpflichtet? Wird das Gesetz Menschenrechte und Umweltbelange gleichermaßen berücksichtigen? Werden Betroffene, die z. B. Angehörige bei einem Fabrikbrand verloren haben oder Gesundheitsschäden durch mangelnden Arbeitsschutz erleiden, die Möglichkeit haben, gegen ein Unternehmen in Deutschland zu klagen, wenn der Schaden durch angemessene Vorsorgemaßnahmen hätte verhindert werden können?

Es wird ein „heißer Herbst“ in der politischen Debatte um ein Lieferkettengesetz. Und die Corona-Pandemie zeigt einmal mehr, wie wichtig Transparenz und vertrauensvolle Lieferbeziehungen sind. Deshalb: Der Einsatz für einen gesetzlichen Rahmen ist wichtiger denn je! 

Neue Angebote zum Mitmachen 

  • E-Mail- und Postkartenaktion an Minister Peter Altmaier:
    Fordern Sie Minister Altmaier mit einer E-Mail auf, seine Blockadehaltung aufzugeben (Mitmachen auf „lierferkettengesetz.de“). Auch Aktionspostkarten mit derselben Botschaft sind bestellbar.
  • Aktiv mit Abstand:
    Die Corona-Pandemie und die mit ihr verbundenen Kontaktbeschränkungen stellen das Engagement für ein Lieferkettengesetz vor Herausforderungen. Möglichkeiten des Aktivwerdens stellt ein neues Info-Papier von SÜDWIND vor. Das Papier kann von der Internetseite www.suedwind-institut.de/recht-und-gerechtigkeit.html heruntergeladen werden. So gibt es z. B. neue Schablonen für Sprühkreideaktionen zum Lieferkettengesetz.
  • Ausstellung „Schafft Recht und Gerechtigkeit“ – jetzt mit Bildungs-App:
    Eine Ausstellung zum Lieferkettengesetz ist als Plakatausstellung bestellbar, aber auch als Roll-Up-Ausstellung entleihbar, z. B. beim Mauritiushaus Niederndodeleben (https://tinyurl.com/AusstellungLKG). Ein neues digitales Quiz mit Hintergrundinformationen zu den Themen der Ausstellung gibt es über die App Actionbound (verlinkt auf der eben genannten Seite). 

Eva-Maria Reinwald
Wissenschaftliche Mitarbeiterin
SÜDWIND e. V. – Institut für Ökonomie und Ökumene
Kaiserstraße 201 | 53113 Bonn
Tel.: 0228 763698-21
| www.suedwind-institut.de


1 Die angegebene Spannbreite resultiert aus Unsicherheiten bei der Zuordnung von Unternehmen in die Kategorie „vollständige Erfüller“ der Anforderungen.

Aufruf

Hinweis der Redaktion

Der folgende Aufruf entstand in Folge des vom Bundesamt für Naturschutz betreuten Forschungs- und Entwicklungsvorhabens „Naturverträgliche Ausgestaltung der Energiewende“, ist jedoch von diesem gänzlich unabhängig. Er ist das Ergebnis eines mehrstufigen inter- und transdisziplinären Beratungsprozesses unter Federführung von Prof. Dr. Stefan Heiland und Dr. Bernd Demuth vom Fachgebiet Landschaftsplanung und Landschaftsentwicklung der TU Berlin.

Der Aufruf wurde am 31. August 2020 mit der Liste der 191 Erstunterzeichnerinnen und -unterzeichner an die Vorsitzende des Umweltausschusses des Deutschen Bundestages, Sylvia Kotting-Uhl, übergeben.

Möglichkeit zur Mitunterzeichnung

Der Aufruf kann bis Ende November 2020 auf der folgenden Internetseite mit unterzeichnet werden: www.bereit-zum-wandel.de
Dort befinden sich auch weitere Informationen zum Aufruf und zu seinen wissenschaftlichen Hintergründen.

Energie- und Ressourcenverbrauch drastisch reduzieren!

Für eine klima- und naturverträgliche, sozial gerechte Lebens- und Wirtschaftsweise

Ein gutes Leben und eine sichere Zukunft sind grundlegende Rechte aller Menschen. Unsere Lebens- und Wirtschaftsweise hat das für viele Menschen, insbesondere in den reichen Ländern des globalen Nordens, bislang ermöglicht. Ihr immenser Ressourcen- und Energiebedarf ging und geht jedoch zu Lasten anderer Menschen, v. a. in Asien, Afrika und Lateinamerika, führt zu Umweltzerstörung, Artensterben und Klimawandel und gefährdet damit unsere Lebensgrundlagen.

Veränderter Umgang mit Energie und Ressourcen – gleich Verzicht? …

Daher müssen wir unseren Material- und Energiekonsum drastisch verringern. Nur so können wir unserer globalen Verantwortung für eine menschenwürdige Zukunft gerecht werden. Damit verbundene Veränderungen werden oft mit Verzicht gleichgesetzt, einem Tabubegriff unserer Gesellschaft. Aber: Aufgrund unserer Lebensweise verzichten wir bereits heute auf vieles, etwa

  • auf ein Klima, in dem sintflutartige Regenfälle, zerstörerische Stürme,
    Dürre- und Hitzeperioden, Überschwemmungen und Erdrutsche die
    Ausnahme sind, nicht die Regel
  • auf soziale Gerechtigkeit auf lokaler, nationaler und globaler Ebene
  • auf saubere Luft, Artenvielfalt und Naturerleben
  • auf Sicherheit der Nahrungs- und Wasserversorgung vieler Menschen
  • auf öffentliche Räume in unseren Städten, die lärmfrei, vielfältig nutzbar und verkehrssicher sind
  • und durch all das auf ein gutes Leben und eine sichere Zukunft vieler Menschen.

Wir, als Unterzeichner*innen dieses Papiers, sind nicht bereit, diesen Verzicht länger zu akzeptieren und die Verschlechterung der jetzt schon bedrohlichen Situation hinzunehmen.

… Oder Einstieg in die notwendige gesellschaftliche Transformation?

Eine zentrale Rolle kommt hierbei der Frage von Energieversorgung und Energieverbrauch zu. Denn Energie benötigen wir nicht nur für Strom, Wärme und Kraftstoffe; Energie steckt in allen Produkten, die wir konsumieren. Art und Umfang von Energieproduktion und Energiekonsum haben entscheidend zum Klimawandel und zur Gefährdung der Lebensgrundlagen beigetragen, die bisherigen Bemühungen zum Klimaschutz und zur Energiewende reichen dagegen bei weitem nicht aus. Denn sie werden ausschließlich als technologische Herausforderungen betrachtet. Dies greift jedoch zu kurz – ohne Reduktion unseres Energie- und Ressourcenverbrauchs und ohne eine Änderung unserer Lebens- und Wirtschaftsweise werden Klimaschutz sowie eine sozial- und naturverträgliche Energiewende nicht möglich sein. Wir stehen in erster Linie vor einer sozialen und kulturellen Herausforderung.

Jetzt beginnen!

Daher fordern wir von allen gesellschaftlich relevanten Entscheidungsträger*innen, besonders von der Bundesregierung und den Landesregierungen, ihrer Verantwortung gerecht zu werden, endlich wirksame Maßnahmen gegen die Bedrohung der Lebensgrundlagen zu ergreifen – und damit die eingegangenen internationalen Verpflichtungen zum Schutz von Klima und biologischer Vielfalt zu erfüllen. Konkret erwarten wir:

1. Ehrlichkeit

Der Ausstieg aus fossilen Energien und Atomkraft, die Erhaltung des gewohnten Landschaftsbilds, ein gleichbleibend hoher Energieverbrauch sowie unveränderte Konsumgewohnheiten sind nicht gleichzeitig zu haben.

Wir fordern: Bekennen Sie sich zur Notwendigkeit von Ressourcen- und Energieeinsparungen und den damit verbundenen Konsequenzen für unsere Lebensweise und Wirtschaftsform. Fördern Sie die Debatte darüber, wie Klimaschutz, Naturschutz und soziale Belange in Einklang zu bringen sind. Ohne eine ehrliche Auseinandersetzung hierüber sind zukunftstaugliche Lösungen nicht möglich. 

2. Geeignete Rahmenbedingungen für eine klima- und naturverträgliche Lebensweise 

Einem energiebewussten und nachhaltigen Verhalten stehen zu viele Hindernisse entgegen.

Wir fordern: Beseitigen Sie diese Hindernisse. Schaffen Sie Rahmenbedingungen und Strukturen für eine klima- und umweltgerechte Lebensweise und ein Wirtschaftssystem, das diese fördert. Setzen Sie sich dafür ein, dass der Konsum von Energie, Rohstoffen und Gütern in allen gesellschaftlichen Bereichen deutlich sinkt. Dazu gehören:

  • die Reduzierung des Autoverkehrs bei gleichzeitiger Förderung anderer Verkehrsträger,
  • die Beseitigung klima- und naturschädigender Subventionen,
  • die Schaffung einer Kreislaufwirtschaft,
  • die Sicherstellung kurzer Wege mit Mitteln der Raumordnung und
    Bauleitplanung,
  • ein Verbot von Produkten, die unter sozial und ökologisch nicht vertret-baren Bedingungen hergestellt werden sowie die Einführung verbindlicher, leicht verständlicher Produktinformationen mit Angaben zum Energie- und Ressourcenverbrauch über den gesamten Lebenszyklus,
  • die Berücksichtigung der legitimen Interessen der Menschen in Deutschland, insbesondere der sozial schwächeren, aber ebenso der Menschen
    in anderen Regionen der Welt, denen wir viele negative Folgen unserer
    Lebensweise aufbürden.

3. Nutzung aller Potenziale zur Verringerung des Energieverbrauchs

Viele Potenziale zur Verringerung des Energieverbrauchs bleiben bisher ungenutzt.

Wir fordern: Erlassen Sie verbindliche Vorgaben zur Einsparung von Energie und Ressourcen und zielen Sie dabei zunächst vor allem auf solche Strukturen und Verhaltensweisen, die 1) einen überdurchschnittlich hohen Ressourcen- und Energieverbrauch aufweisen und sich besonders negativ auf das Klima und die natürliche Umwelt auswirken und/oder 2) einfach änderbar sind.

4. Vorbildfunktion staatlicher Stellen und öffentlicher Einrichtungen

Staatlichen Stellen und öffentlichen Einrichtungen kommt eine besondere Verantwortung für die Vermittlung der erforderlichen Änderungen zu.

Wir fordern: Unterstützen Sie die Vorbildfunktion dieser Einrichtungen durch geeignete rechtliche Vorgaben und Förderungen. Dies reicht von der Energieversorgung über Beschaffung, Vergaberecht, Fuhrpark, Kantinen und Mensen bis hin zu Dienstreisevorschriften.

Der Zeitpunkt für Veränderungen ist günstig

Die Corona-Krise zeigt, wie verwundbar Gesellschaften weltweit sind. Diese Verwundbarkeit wird mit ungebremst fortschreitender Umweltzerstörung, mit zunehmendem Artensterben und Klimawandel steigen und uns vor immer schwerer zu bewältigende, zeitlich nicht begrenzte Probleme stellen. Aus diesem Grund dürfen staatliche Konjunkturprogramme, Subventionen etc. nicht in ein einfaches „Weiter so“ investiert werden, sondern müssen auch der Schaffung der oben geforderten Rahmenbedingungen für eine klima- und naturverträgliche Lebensweise dienen. Je früher und effektiver Politik und Gesellschaft wirksame Maßnahmen zum Schutz von Umwelt, Natur und Klima ergreifen und umsteuern, umso weniger schmerzhaft wird es in Zukunft werden.

Wir sind bereit!

Ein zukunftsgerechter und naturverträglicher Umgang mit Energie und Ressourcen erfordert erhebliche Veränderungen, die manche auch als Verlust oder Belastung wahrnehmen werden. Wir sind jedoch überzeugt, dass wir hierdurch insgesamt an Lebensqualität gewinnen. Denn die mit Klimawandel und Biodiversitätsverlust verbundenen Lasten und Kosten werden deutlich höher sein als die eines vorbeugenden Klima- und Naturschutzes. Wir sind daher bereit, die Konsequenzen unserer Forderungen zu tragen und die angestrebten Ziele und Maßnahmen aktiv zu unterstützen.

Konkret werden wir

  • die Zielkonflikte zwischen verschiedenen gesellschaftlichen und individuellen Interessen sowie die Widersprüche zwischen Reden und Handeln offen ansprechen und diskutieren,
  • aktiv für eine naturverträgliche Energiewende und einen naturverträglichen Klimaschutz werben,
  • alle energie-, klima-, wirtschafts- und naturschutzpolitischen Entscheidungen aktiv unterstützen, die sozial gerechte und effektive energiesparende Produktions- und Konsumstile fördern, auch wo sie mit Veränderungen oder Mehrkosten verbunden sind,
  • die zwingend notwendigen politischen Veränderungen rechtlicher, institutioneller und ökonomischer Rahmenbedingungen unterstützen
  • und all dies durch unser persönliches Verhalten unterstützen; etwa indem wir wo immer möglich umweltfreundliche Verkehrsmittel wählen, auf Kurzstreckenflüge verzichten, unseren Fleischkonsum reduzieren und in unserem Kaufverhalten Produkte bevorzugen, die eine möglichst geringe ökologische Belastung über den gesamten Produktzyklus hinweg aufweisen.

Initiator*innen (alphabetische Reihenfolge)

  • Dr. Lars Berger, Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bundesamt für Naturschutz, Abteilung für Grundsatzangelegenheiten, integrativer Naturschutz und nachhaltige Nutzung, Bonn 
  • Anja Bierwirth, Wissenschaftlerin im Bereich Klimaschutz, Köln
  • Dr. Lars-Arvid Brischke, ifeu – Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg gGmbH, Büro Berlin 
  • Dr. Bernd Demuth, TU Berlin, Fachgebiet Landschaftsplanung und Landschaftsentwicklung 
  • Dr. Dennis Eversberg, Nachwuchsgruppenleiter, Friedrich-Schiller-Universität Jena, Institut für Soziologie 
  • Dr. Corinna Fischer, Frankfurt, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Öko-Institut 
  • Dipl.-Ing. Jörg Göpfert, Studienleiter Umwelt und Soziales, Evangelische Akademie Sachsen-Anhalt e. V., Lutherstadt Wittenberg
  • Dr. Gregor Hagedorn, Initiator Scientists for Future, Berlin
  • Prof. Dr. Dieter Haselbach, Zentrum für Kulturforschung, Berlin
  • Prof. Dr. Stefan Heiland, TU Berlin, Fachgebiet Landschaftsplanung und Landschaftsentwicklung
  • Leon Leuser, adelphi, Berlin
  • Danny Püschel, NABU, Berlin
  • Dr. Corinna Vosse, Akademie für Suffizienz, Reckenthin

Ansprechpartner:
Prof. Dr. Stefan Heiland
Dr. Bernd Demuth
TU Berlin | Institut für Landschaftsarchitektur und Umweltplanung
Fachgebiet Landschaftsplanung und Landschaftsentwicklung
Straße des 17. Juni 145 | 10623 Berlin
Tel.: 030 314-21388
| www.landschaft.tu-berlin.de


Rezension

Stephan Buhofer: „Der Klimawandel und die internationale Klimapolitik in Zahlen“

von Peter Müller1


Für ein wirkliches Verständnis der Prozesse in der uns umgebenden Natur und für die Weitergabe wissenschaftlicher Erkenntnisse ist die zahlenmäßig genaue Angabe von Messgrößen und von sicher errechenbaren Werten unabdingbar. Daher sind insbesondere auch bei der Beschreibung des Klimas auf der Erde und dessen künftiger Veränderungen präzise Daten entsprechender chemischer und physikalischer Größen von außerordentlicher Bedeutung.

Der Schweizer Autor Stephan Buhofer widmet sich in seinem Buch der Vermittlung des globalen Klimageschehens auf Basis allgemein anerkannter Zahlenwerte. Durch seine frühere Mitarbeit in verschiedenen internationalen Organisationen und dabei insbesondere bei der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen (UNFCCC, United Nations Framework Convention on Climate Change) verfügt er über ein breites Wissen bezüglich der in den vergangenen Jahren in internationaler Zusammenarbeit verfassten Studien und Publikationen auf diesem Gebiet. Zur Übersicht über die Klimaforschung gibt es daher in dem Buch 495 Fußnoten mit Hinweisen und Erläuterungen sowie 167 Quellenangaben im Literaturverzeichnis. Es kann daher auch sehr gut als Nachschlagewerk dienen. Hervorzuheben ist, dass in dem Text die jeweiligen Stichworte fett gedruckt sind und dass in Klammern die jeweiligen englischsprachigen Fachbegriffe genannt werden, was es erleichtert, auch andere wissenschaftliche Publikationen zum Thema zur Hand zu nehmen, die weltweit nahezu ausschließlich in englischer Sprache verfasst werden.

Der Text beginnt mit einer knappen, aber präzisen Darstellung der Gesetze, die das Verhalten der Solarstrahlung beschreiben, sowie deren Wechselwirkung mit Materie, d. h. mit Gasen (Lufthülle), Flüssigkeiten (Tröpfchen oder Gewässer) sowie Festkörpern (Erdoberfläche). Danach folgt die Erklärung des für das Leben auf der Erde wichtigen natürlichen Treibhauseffekts. Die Erde befindet sich in einem Strahlungsgleichgewicht, bei dem die von der Sonne empfangene Strahlungsenergie im gleichen Betrag von der gesamten Erdoberfläche in Form von langwelliger Infrarotstrahlung in alle Richtungen in den kalten Weltraum abgestrahlt wird. Bei Fehlen einer Lufthülle oder bei einer, die ausschließlich aus zweiatomigen Gasmolekülen wie Stickstoff oder Sauerstoff besteht, stellte sich das Gleichgewicht zwischen Einstrahlung von der Sonne und Abstrahlung in den kalten Weltraum bei einer mittleren Temperatur der Erdoberfläche von -18 °C ein. Die Anwesenheit von Wasserdampf (H2O), Kohlendioxid (CO2) und anderen drei- und mehratomigen Spurengasen (sogenannten Treibhausgasen) in der Atmosphäre bewirkt jedoch durch eine teilweise Rückstreuung der langwelligen infraroten Strahlung zur Erdoberfläche einen Treibhauseffekt, der zu einer stabilen und für die Entwicklung der menschlichen Zivilisation günstigen Temperatur auf der Erde von im Mittel +15 °C geführt hat. Die Rückstreuung erfolgt durch die Anregung von Schwingungszuständen in den drei- und mehratomigen Molekülen der Treibhausgase durch die von der Erdoberfläche ausgehende Infrarotstrahlung sowie die anschließende Emission dieser absorbierten Energie in alle Richtungen, d. h. damit auch zum Teil zurück zur Erde.

Die durch menschliche Aktivitäten inzwischen erhöhte Konzentration von Treibhausgasen verursacht einen zusätzlichen Treibhauseffekt, der mit einem globalen Anstieg der Erdtemperatur verbunden ist. Denn erst die mit steigender Temperatur zunehmende Strahlungsleistung der Erde ermöglicht es, dass diese trotz des verstärkten Treibhauseffektes weiterhin die von der Sonne empfangene Energie durch Abstrahlung in den kalten Weltraum loswerden kann.

Buhofer beschreibt die Herkunft der wichtigsten in die Atmosphäre entsendeten Spurengase: Kohlendioxid CO2 (Verbrennung fossiler Treib- und Brennstoffe, Zementproduktion, Zerstörung von Wald- und Moorflächen), Methan CH4 (Viehhaltung, Reisanbau, Abfallentsorgung, Lecks bei Förderung und Transport von Erdgas), Distickstoffmonoxid N2O (Zersetzung von Düngemitteln, Verbrennungsprozesse, Abfall- und Abwasserentsorgung) und industriell produzierte halogenierte Gase, wie z. B. Fluorkohlenwasserstoffe FKW (Kältemittel, Treibgas zum Schäumen, Feuerlöschmittel, Ätz- und Reinigungsmittel). Danach wird ausführlich über die Wirksamkeit der einzelnen Treibhausgase informiert, die von der jeweiligen Konzentration, von den speziellen Moleküleigenschaften (Treibhauspotenzial) und von der Verweilzeit der Gase in der Atmosphäre abhängt. Von großem Einfluss sind Rückkopplungsprozesse, wie z. B. die durch den Temperaturanstieg verursachte erhöhte Wasserdampfkonzentration in der Atmosphäre und damit verbundene Änderungen der Niederschläge sowie die durch den Rückgang der Eisbedeckung verstärkte Erwärmung der Erde.

In einem weiteren Abschnitt werden die vergangene Entwicklung und die gegenwärtige Situation verdeutlicht durch die Angabe der Pro-Kopf-Emissionen von Treibhausgasen in den verschiedenen Kontinenten und Ländern sowie durch die Angabe der globalen Zunahme, die auf das hohe Bevölkerungswachstum (von 3,6 Milliarden in 1970 auf 7,8 Milliarden derzeit) und die Veränderung der Konsumgewohnheiten zurückzuführen ist. Allein im Falle von CO2 hat die Konzentration in der Atmosphäre von 280 ppm (parts per million, 0,028 Prozent) in vorindustrieller Zeit auf gegenwärtig 414 ppm (0,0414 Prozent) zugenommen, mit einer Verdoppelung des Werts zwischen 1970 und 2012. Für den Erhalt stabiler Klimabedingungen ergibt sich in immer stärkerem Maße die Notwendigkeit der Begrenzung der Treibhausgasemissionen, gefolgt von einer schnellen Reduzierung bis hin zur völligen Vermeidung. Entsprechend dieser Aufgabe enthält die Publikation ein Kapitel über die internationalen Klimakonferenzen, beginnend mit dem Kyoto-Protokoll von 1997 (Protokoll von Kyoto zum Rahmenübereinkommen der Vereinten Nationen über Klimaänderungen) bis zur Pariser Klimaschutzkonferenz 2015, an deren Vorbereitungen der Autor beteiligt war.

Das Buch liefert überzeugende Argumente gegen die unseriöse, pauschale und ohne Bezug auf anerkannte wissenschaftliche Erkenntnisse häufig gezielt verbreite Leugnung einer Klimaänderung durch menschliche Aktivitäten. Es ist daher einem breiten, an detaillierten Kenntnissen der gegenwärtigen und zukünftigen Lebensbedingungen auf der Erde interessierten Leserkreis zu empfehlen. In seinem Epilog gibt Stephan Buhofer eine persönliche Einschätzung über die Rollenverteilung zwischen Wissenschaft, Staat und dem Individuum bei der Emissionsreduktion wieder. Die darin geäußerten Gedanken bezüglich der Notwendigkeit einer Brücke zwischen Wissenschaft und Gesellschaft sowie bezüglich der Handlungsmöglichkeiten des Staates und der einzelnen Bürger bieten eine gute Basis für aktuell wünschenswerte Diskussionen.

Von Nachteil sind bei dem Buch die kleine Schrift des Textes und der einfache Softcover-Einband, durch den zum Lesen die Seiten ständig auseinandergedrückt werden müssen. Bei künftigen Auflagen sollten die in den Bildunterschriften als unterschiedlich farbig bezeichneten Kurven in den Graphiken auch farbig dargestellt werden. Ferner sollten ein Stichwortverzeichnis und eine Liste der verwendeten Abkürzungen hinzugefügt werden.

Dr. Peter Müller
Kniebuschweg 23 | 04936 Schlieben
Tel.: 035361 89638





Stephan Buhofer:

Der Klimawandel und die
internationale Klimapolitik in Zahlen
Eine Übersicht

2., überarbeitete Auflage
oekom-Verlag, 2018
154 Seiten, 25,00 €
ISBN 978-3-96238-097-7

1 Dr. Peter Müller hat von 1960 bis 1990 als Festkörperphysiker in einem Forschungsinstitut der Akademie der Wissenschaften der DDR in Berlin-Adlershof gearbeitet. Von 1990 bis 2000 war er in dem am gleichen Ort eingerichteten Ostberliner Institutsteil des Hahn-Meitner-Instituts an Arbeiten zur Entwicklung kostengünstiger Silizium-Solarzellen beteiligt. Dr. Peter Müller ist Mitglied der Vereinigung Eurosolar, der Deutschen Gesellschaft für Sonnenenergie und des Solarenergie-Fördervereins Deutschland.

Buchvorstellung

Soziale Verbundenheit

Vom Verlust, Wandel und Neugewinn einer (Über-)Lebensressource

von Frank Vogelsang1

„Denn das Werden von Persönlichkeits- und Gesellschaftsstrukturen 
vollzieht sich im unlösbaren Zusammenhang beider miteinander.“
Norbert Elias

Die Corona Krise lässt viele scheinbar bekannte und vertraute gesellschaftliche Verhältnisse neu sehen. Es ist ein oft gebrauchtes, aber auch sehr treffendes Bild, diese Krise als Vergrößerungsglas zu beschreiben, das viele soziale Aspekte deutlicher hervorhebt. Der europäische Zusammenhalt erwies sich schon in den ersten Tagen der Krise als brüchig. Im Positiven ist die umfangreiche Kapazität des Gesundheitssystems in Deutschland deutlich geworden. Wie ist es in Deutschland um den gesellschaftlichen Zusammenhalt bestellt? Hier gibt es widersprüchliche Signale.

Auf der einen Seite hat es gerade in den ersten Wochen viele Zeichen der Solidarität gegeben, die Angehörigen bestimmter Berufe erhielten mehr Aufmerksamkeit, in der Nachbarschaft kümmerte man sich umeinander. Auf der anderen Seite ist schon jetzt absehbar, dass sich die gesellschaftlichen Unterschiede vergrößern werden, dass die Vermögensspreizung, die in Deutschland schon sehr groß ist, noch größer werden wird. Von dem künftigen Abbau der Arbeitsplätze werden vor allem die gering Qualifizierten besonders betroffen sein. Man muss offenkundig kurzfristige Reaktionen von langfristigen Trends unterscheiden.

Das Buch „Soziale Verbundenheit. Das Ringen um Gemeinschaft und Solidarität in der Spätmoderne“ zeichnet die längerfristigen Entwicklungstendenzen der Gesellschaft nach. In einer längerfristigen Perspektive wird eine zunehmende Individualisierung der Gesellschaft und eine Betonung der Steuerung gegenwärtiger gesellschaftlicher Systeme, vor allem der Wirtschaftsmärkte, deutlich. Die Tendenz hin zu einer individualisierten Gesellschaft ist schon von Beginn der Moderne, also seit der frühen Industrialisierung angelegt, sie ist aber in den letzten 50 Jahren deutlich beschleunigt worden. Es gab bis in die 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts eine Auseinandersetzung unterschiedlicher gesellschaftlicher Diskurse: Ein konservativer Diskurs, getragen durch kirchliche und ländliche Milieus, rang mit einem progressiven Diskurs, getragen von städtischen Milieus und einer gut organisierten Arbeiterschaft, und einem liberalen Diskurs, getragen durch das Milieu des Bürgertums. Letzterer ist dann in den vergangenen 50 Jahren dominant geworden, die beiden anderen Diskurse haben stark an gesellschaftlichem Einfluss verloren. Die Ursachen dafür sind vielfältig. Neben der zentralen Ursache einer Hinwendung zu einer neoliberalen, globalisierten Wirtschaftspolitik sind auch die Entwicklung digitaler Medien, die Authentizitätskultur von 1968 und der Niedergang der kommunistisch or-ganisierten Staaten zu nennen. In der Folge dieser Entwicklung verlieren in der gegenwärtigen Gesellschaft alle großen Formen der Verbundenheit – Gewerkschaften, Parteien, Kirchen, aber auch Vereine und Verbände – an Bedeutung. Die erhebliche Gefahr, die mit diesem Zustand einhergeht, ist eine hohe Instabilität der Gesellschaft. Die Ressource „Vertrauen“, von der viele gesellschaftliche Aushandlungsprozesse leben, wird nicht mehr durch die Kontinuität größerer Formen der Verbundenheit gewährleistet. Das Misstrauen aber, das überall aufflammen kann, begünstigt populistische Bewegungen und krude Verschwörungstheorien. In der bislang noch nicht lange wirkenden Corona-Krise ist davon schon vieles offenkundig geworden.

Ein entscheidender Faktor des dominanten Diskurses der Spätmoderne ist ein bestimmtes Menschenbild, das von einem sich selbst verwirklichenden Individuum ausgeht. Im Buch wird dagegen für eine Sicht des Menschen argumentiert, die seine Verbundenheit mit anderen Menschen in den Vordergrund stellt. Die Fähigkeit zur Individualisierung ist eine große kulturelle Errungenschaft, sie geht mit der Stärkung der Autonomie, einer zentralen Forderung der Aufklärung, einher. Doch darf sie nicht zu einer Verkürzung des Menschenbildes führen, die die unumgängliche Verbundenheit mit anderen Menschen ausspart.

Die Analyse der leiblichen Existenz des politischen Philosophen Maurice Merleau-Ponty2 zeigt, dass Menschen immer schon miteinander verbundene Wesen sind und nur durch diese Verbundenheit erst in die Lage versetzt werden, sich zu individualisieren. Deshalb ist es wichtig, die soziale Verbundenheit und die Formen der Verbundenheit wieder stärker in den Mittelpunkt zu rücken. Die menschliche Geschichte wurde immer wieder durch sich verändernde Formen der Verbundenheit geprägt. Auch die Zukunft wird nicht aus einer Gesellschaft von Individuen bestehen, neue Formen werden sich bilden. Wie und unter welchen Bedingungen sind aber heute längerfristige Gemeinschaften und Formen der Solidarität möglich?

Konservative Vorstellungen von Gemeinschaft spielen auch heute noch in der Gestalt der Familie und im Bezug auf die Nation eine Rolle. Zwar haben sich die Verhältnisse deutlich differenziert, es gibt heute sehr viele unterschiedliche Familienformen, aber dennoch bietet den meisten Menschen auch heute die Familie einen wichtigen Zusammenhalt. Auch sind die nationalen Bezüge in ihrer Bedeutung nicht zu unterschätzen. Gerade in der Corona-Krise wird deutlich, wie schnell politische Reflexe darauf zielen. Progressive Formen der Verbundenheit, die Solidarität der Benachteiligten können jederzeit wieder wachsen, wenn gesellschaftliche Konflikte deutlicher werden. Dabei ist es wichtig, dass die gesellschaftlichen Konflikte klare Konturen gewinnen, etwa die ökonomischen Konflikte, die zurzeit durch die begünstigte Wirtschaftslage der vergangenen Jahre verdeckt sind, und dass die unterschiedlichen Interessen in einer Gesellschaft nicht in scheinbar notwendigen Systemerfordernissen vernebelt werden. Auch christliche Formen der Verbundenheit werden wieder an Bedeutung gewinnen. Das mag unter anderen Verhältnissen möglich sein als der verfassten Kirche, wie wir sie jetzt kennen. Christliche Gemeinschaften haben sich in den letzten 2000 Jahren aber immer wieder stark verändert.

Das Buch ist schließlich ein Plädoyer für neue Formen der Verbundenheit, die sich als Netzwerke ausbilden und die sowohl durch digitale Technologien wie auch durch lokale Bindungen geprägt sind. Mit Netzwerken sind aber Strukturen von einigen Hundert Menschen gemeint, nicht die weltweiten technologischen Plattformen. Eine klare räumliche Verortung ist schon deshalb wichtig, weil längerfristige Formen der Verbundenheit auch von Narrativen leben, von gemeinsamen Erinnerungen, die Personen und wiedererkennbare Orte brauchen. Andererseits wird die Bedeutung der Kommunikation mit digitalen Medien zunehmen.

Dr. Frank Vogelsang
Akademiedirektor
Evangelische Akademie im Rheinland
Friedrich-Breuer-Str. 86 | 53225 Bonn
Tel.: 0228 479898-51
| www.ev-akademie-rheinland.de



Frank Vogelsang:

Soziale Verbundenheit.
Das Ringen um Gemeinschaft und
Solidarität in der Spätmoderne

Verlag Karl Alber, 1. Auflage 2020
240 Seiten, 32,00 €
ISBN 978-3-495-49148-5

Link zum Blog:
https://frank-vogelsang.de/soziale-verbundenheit/

1 Frank Vogelsang, Ingenieur und Theologe, ist Direktor der Evangelischen Akademie im Rheinland. Seit einigen Jahren beschäftigt er sich mit der Philosophie des französischen Denkers Maurice Merleau-Ponty und hat mehrere Veröffentlichungen zur Deutung seiner Leibphilosophie verfasst.

2 Siehe auch: Maurice Merleau-Ponty: Die Abenteuer der Dialektik (übers. von A. Schmidt,
H. Schmitt), Frankfurt am Main 1974.

Aus den Landeskirchen

Vieles ist erprobt, einiges Praxis, mehr ist noch möglich

Die neue Umweltbeauftragte der EKM stellt sich vor

von Kathrin Natho

Bild der Zeitschrift "Briefe. Zur Orientierung im Konflikt Mensch – Erde", Nr. 136, Herbst 2020:
Kathrin Natho © Viktoria Kühne / LKÖZ
Kathrin Natho
© Viktoria Kühne / LKÖZ


Die Wildbienen im Garten, die Elektro-Ladesäule neben der Kirche, die Solarmodule auf dem Gemeindedach oder die blütenreichen Wiesen auf dem Friedhof: Vieles ist inzwischen erprobt, einiges sogar schon gängige Praxis – aber noch viel mehr ist möglich! 

Seit dem 1. September 2020 vertrete ich als Referentin für Umwelt und kirchlichen Entwicklungsdienst den Fachbereich Umwelt und Entwicklung im Lothar-Kreyssig-Ökumene-Zentrum (LKÖZ) der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Der Fachbereich berät Christinnen und Christen bei ihrem Engagement, unterstützt Gemeinden und Initiativen, vermittelt Referentinnen und Referenten an Gruppen und Einrichtungen, bietet Informationsmaterialien, fördert den gesellschaftlichen Dialog und verwaltet die Mittel aus dem 2-%-Appell für ökumenische Solidarität/Diakonie. Mit diesen Mitteln unterstützen unsere Landeskirche und viele Gemeinden Projekte in den ärmsten Ländern unserer Einen Welt: Frauen bringen ihre Kinder sicher zur Welt, Kinder werden angemessen medizinisch versorgt, Flüchtlinge im Nordirak und Syrien erhalten die notwendigste Hilfe. Zudem gibt es Projekte mit Roma in Osteuropa, zur ökologisch nachhaltigen Landwirtschaft in Guatemala oder zur Flüchtlingshilfe in unserer Landeskirche. Auf diese Weise leisten wir einen kleinen Beitrag zu mehr „Klimagerechtigkeit“, aber noch viel mehr ist möglich – und nötig! Denn „wir hier“ sind (mit)verantwortlich für ein sich rasant veränderndes Klima, dessen Folgen vor allem Menschen im globalen Süden spüren. Das ist ungerecht! 

Viele persönliche Begegnungen und zum Teil längere Aufenthalte im Ausland, ob in Südafrika, Sambia oder der Türkei, sensibilisierten mich früh für Themen der weltweiten Gerechtigkeit. Der kirchliche Entwicklungsdienst mit dem Ziel, die Themen des konziliaren Prozesses „Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“ in Kirche und Öffentlichkeit zu verankern, braucht mehr denn je lokale Verfechterinnen und Verfechter für eine weltweite Solidarität. Ich freue mich, die Aufgaben einer solchen im Dienst der Landeskirche zu übernehmen. Das jahrelange Engagement vieler Kirchengemeinden und Kirchenkreise, das sich in vielen besonderen Umwelt- oder entwicklungspolitischen Projekten und (ökumenischen) Partnerschaften manifestiert, muss wachgehalten, unterstützt und gestärkt werden. Die globalen Herausforderungen wie Armuts- und Hungerbekämpfung, Klimawandel und Umweltzerstörung, Krankheiten und Epidemien müssen auch wir hier anpacken. Die Sorge um das „gemeinsame Haus“ lähmt nicht, sondern motiviert uns zum Handeln. Ich freue mich besonders, diese zu entdecken und Projekte hier und in der Einen Welt in der Landeskirche zu unterstützen und mit sichtbar zu machen. 

2016 schloss ich das Studium der Friedens- und Konfliktforschung mit einer Abschlussarbeit über das Pariser Klimaabkommen ab, welches auf Aspekte globaler Gerechtigkeit untersucht wurde. Nachdem ich in der Integrationshilfe Sachsen-Anhalt e. V. ein Projekt mit Familienpatenschaften betreute, bin ich nun seit zwei Jahren überwiegend in den Bereichen Mobilität und Klimaschutz im LKÖZ tätig. Ehrenamtlich engagiere ich mich sowohl in der Kommune als auch in meiner Heimatgemeinde für Umweltbelange und sozialen Frieden. Meine Freizeit verbringe ich, wenn nicht gerade mit meinen wunderbaren Kindern und meinem Ehemann, gerne lesend in der Hängematte unterm Aprikosenbaum, oder ich bestaune, mit einem warmen Neoprenanzug ausgestattet, mit Freuden die wundergeschöpfte Unterwasserwelt.

Kathrin Natho
Beauftragte für Umwelt und Entwicklung
der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland
Lothar-Kreyssig – Ökumene-Zentrum
Am Dom 2 | 39104 Magdeburg
Tel.: 0391 5346-395


Ökumenischer Weg

Bild der Zeitschrift "Briefe. Zur Orientierung im Konflikt Mensch – Erde", Nr. 136, Herbst 2020:
Logo "Ökumenischer Weg"

Eine Initiative in Sachsen für Gerechtigkeit,
Frieden und Bewahrung der Schöpfung

von Kerstin Göpfert


Im Januar 2015 beriet der Sozial-Ethische Ausschuss der 27. Landessynode der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens (EVLKS) in einer Sondersitzung über die strategische Ausrichtung seiner Arbeit. Man wolle nicht nur auf Eingaben reagieren, sondern selbst etwas bewirken. Die Idee, die in dieser Zeit entstand, knüpfte unmittelbar an die Erfahrungen bei der Ökumenischen Versammlung in der DDR 1988 bis 1989 an: Es sollte zu einem „Ökumenischen Weg für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“ aufgerufen werden, auf dem sich die (Kirch-)Gemeinden und Gruppen zu einem intensiven Dialog und gemeinsamen Lernprozessen zusammenfinden sollten. Am Ende des Prozesses sollte eine erneute Ökumenische Versammlung in Dresden stehen. 

Für ihre Idee suchten die Mitglieder des Sozial-Ethischen Ausschusses Mitstreiter. Ein Wunschpartner war das Landesjugendpfarramt. Man wollte im Dialog mit einer neuen Generation die Thematik Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung mit ihren Themen, Vorstellungen und Wünschen bearbeiten. Der damalige Landesjugendpfarrer Tobias Bilz – heute Landesbischof der EVLKS – schlug den Landesjugendkonvent, also die Ehrenamtlichenvertretung der Evangelischen Jugend in Sachsen, als Partner vor und bemühte sich darum, dass die Jugendlichen aus den verschiedenen Kirchenbezirken als „Partner auf Augenhöhe“ angesehen wurden.

Und so begannen gemeinsame Beratungen von Vertretern beider Ausschüsse, es gab eine Umfrage unter den sächsischen Gemeinden und Jugendgruppen und einen gemeinsamen Thementag der beiden Gremien unter dem Motto „Gemeinsam für den Rest der Welt“. Am Ende dieses Tages kam es zu einer Willenserklärung des Landesjugendkonventes zur weiteren Zusammenarbeit. Damit war die Partnerschaft beschlossen und später ist die „AG Ökumenischer Weg“ auf der Frühjahressynode 2017 offiziell zu einem Projekt der Landeskirche ernannt worden. „Ziel sei es, die Kirchen und Gemeinden, insbesondere die Jugend, für diesen Weg und diese Themen zu motivieren und konkrete Schritte anzuregen“, heißt es in der Berichterstattung über die Synode. Dabei seien die Themen mit den grundlegenden Aufgaben der Mission und des Gemeindeaufbaus zu verbinden.

In der Folge gab es vierteljährliche Treffen der AG. Es entstanden Untergruppen mit Aufgabenschwerpunkten, es wurden ökumenische Partner und andere Mitstreiter gesucht, die Beauftragten der Landeskirche für Frieden, Gerechtigkeit und Umwelt eingebunden, ein Logo entworfen und verschiedene Konzeptideen entwickelt und teilweise wieder verworfen. Es gab Zeiten, da war die Arbeit der Arbeitsgemeinschaft ein wenig zäh. Wegbegleiter kamen abhanden, die Prioritäten einzelner haben sich verschoben. Vernetzungsarbeit erfordert Zeit und Kraft – und die war nicht immer ausreichend bei den Beteiligten vorhanden. Eine Landeskirche und eine ökumenische Gemeinschaft lassen sich eben nicht mühelos in Bewegung setzen, und die Ziele des Ökumenischen Weges stießen bisweilen auch auf Skepsis. Der Weg erwies sich als mühsamer als erwartet. Durch die Einrichtung einer von Brot für die Welt mitfinanzierten Projektstelle und das Anpassen der eigenen Ziele war es jedoch möglich, ihn weiter zu beschreiten.

Seit Anfang 2019 gibt es die Internetseite www.oekumenischerweg.de. Sie stellt eine Plattform dar, auf der gelungene Projekte aus Sachsen vorgestellt werden. Da ist z. B. ein engagierter Jugendkreis, der sich bereits seit Jahren um ein Freizeit- und Begegnungsangebot für Bewohner eines Kinder- und Jugendheimes sowie Jugendliche in der näheren Umgebung kümmert. Dabei entstanden verschiedene wöchentliche Formate für Kinder und Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund. In Dresden gibt es die Initiative „NaGel“, ein Netz-werktreffen, das sich mit nachhaltigem Gemeindeleben auseinandersetzt. In Klingental entstand mit dem Café B eine Anlaufstelle für alle Menschen in schwierigen Lebenssituationen. Bei einer Tasse Kaffee finden sie hier Menschen, die zuhören und beraten. Wöchentlich gibt es eine Lebensmittelausgabe, aber auch Bastelangebote, Kindernachmittage und einen Bibelgesprächskreis. Und in Radeberg werden in einem ökumenisch getragenen Projekt gebrauchte Fahrräder repariert, angesprüht und zur kostenfreien Ausleihe in der Stadt bereitgestellt. Die Darstellung der Projekte soll das bereits vorhandene Engagement würdigen und gleichzeitig Anregung für eigenes Handeln sein. Auf der Internetseite des Ökumenischen Wegs lassen sich auch Referentinnen und Referenten finden, die sich mit Vorträgen zu bestimmen Themen auf Abruf zur Verfügung stellen. Und im Kalender wird für verschiedenste Veranstaltungen geworben. Ein monatlicher Impuls, der ebenso als Newsletter verschickt wird, rückt einzelne Projekte oder Themenfelder in den Mittelpunkt und geht auf aktuelle Entwicklungen ein. Als echte Fundgrube entwickelte sich die Seite „Materialien für die Gemeindearbeit“ mit Anregungen für Fastenaktionen über Predigtideen, Checklisten bis zu Materialien für Gruppen- und Schulstunden. Hier finden nicht nur Sachsen hilfreiche Links und Impulse.

Bei Veranstaltungen der Evangelischen Jugend oder auch in den Kirchenbezirken kann die Initiative Ökumenischer Weg mitwirken und thematische Impulse einbringen. So wurde z. B. ein fließender Raum beim Ehrenamtlichentag der Evangelischen Jugend in Sachsen gestaltet. 100 Bilder aus Instagram aus den vergangenen Wochen bildeten 100 Denkanstöße, wo und wie Christen aktiv werden sollten. Zudem gab es die Möglichkeit, mit dem „Foot-o-maten“ den eigenen ökologischen Fußabdruck zu messen.

Am Buß- und Bettag 2019 wurde in der Kreuzkirche in Dresden zwar keine zweite Ökumenische Versammlung abgehalten, aber dennoch würdig in einem ökumenischen Gottesdienst der Ereignisse vor 30 Jahren gedacht und eine Verbindung zur Situation heute hergestellt. Der anschließende Ökumenische Thementag enthielt Raum für Begegnung, ökofaire Verpflegung, thematische Gastgebertische, Workshops und ein Referat „Seid laut! Für ein politisch engagiertes Christentum“ mit dem Würzburger Hochschulpfarrer Burkard Hose.

Bild der Zeitschrift "Briefe. Zur Orientierung im Konflikt Mensch – Erde", Nr. 136, Herbst 2020:
Ehrenamtlichentag zum Thema „FRIEDEN SUCHEN FINDEN“ der Evangelischen Jugend in Sachsen im Oktober 2019 in Dresden © Kerstin Göpfert
Ehrenamtlichentag zum Thema „FRIEDEN SUCHEN FINDEN“ der Evangelischen Jugend in Sachsen im Oktober 2019 in Dresden © Kerstin Göpfert
Bild der Zeitschrift "Briefe. Zur Orientierung im Konflikt Mensch – Erde", Nr. 136, Herbst 2020:
Ökumenischer Gottesdienst in der Kreuzkirche am 20. November 2019 zur Erinnerung an die Ökumenische Versammlung 1989 und zur Stärkung des Ökumenischen Weges. © Kerstin Göpfert
Ökumenischer Gottesdienst in der Kreuzkirche am 20. November 2019 zur Erinnerung an die Ökumenische Versammlung 1989 und zur Stärkung des Ökumenischen Weges. © Kerstin Göpfert

Die Veranstaltung diente dem Wiedersehen und der Motivation vieler Akteure, die sich seit Jahren in ganz Sachsen für die Veränderung der Gesellschaft einsetzen. Aber nicht zuletzt diente sie auch den Projektmitgliedern als Motivation zum Weitermachen. 

In den kommenden Jahren soll es zum Buß- und Bettag Ökumenische Thementage geben und dazwischen die Unterstützung bei Veranstaltungen in den Gemeinden, die Mitwirkung bei Großveranstaltungen und weitere Impulse zum Nach- und Umdenken. Ein landesweites Netzwerk von Engagierten mit regionalen Thementagen wäre wünschenswert, aber das muss noch wachsen.

Kerstin Göpfert
Referentin für den Ökumenischen Weg
Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens
Landesjugendpfarramt
Caspar-David-Friedrich-Straße 5 | 01219 Dresden
Tel.: 0351 64756483 | Mobil: 0151 65120190
| www.oekumenischerweg.de


Aus der Ökumene

Fünf Jahre „Laudato si’“1

Vor fünf Jahren veröffentlichte Papst Franziskus seine Enzyklika „Laudato si’ – Über die Sorge für das gemeinsame Haus“. Ihr wurde mit großen Erwartungen begegnet, die in keiner Weise enttäuscht wurden. Im weltkirchlichen Kontext – und nicht nur dort – ist dieses Schreiben mit großer Anerkennung aufgenommen worden.

Im Gegensatz dazu war die Aufnahme in Deutschland und Europa sehr verhalten. Man hat den Eindruck, dass die katholische Kirche in den Industriestaaten wenig mit dem Text anfangen kann, obwohl er mit aller Deutlichkeit auch gerade die Rolle des reichen Westens anprangert. Aber wahrscheinlich ist der Text einfach unbequem, denn er mahnt zum Handeln, nicht aus einer negativen Sichtweise auf die Welt, sondern indem er das Handeln für die Schöpfung und die Ökologie des Menschen gedanklich zusammenbringt; dies auch vor dem Hintergrund unseres christlichen Glaubens und in einem tiefen Wissen darum, dass wir letztlich alle von Gott geschaffen wurden und Gottes Schöpfung gut und vor allem wertvoll ist. Allerdings muss diese Schöpfung auch gewürdigt und gepflegt werden und darf nicht dem Raubbau, der in seiner Folge auch zu global-gesellschaftlichen Ungleichheiten führt, geopfert werden. Die einerseits geistliche Tiefe und andererseits gnadenlose Abrechnung und Handlungsaufforderung macht aus meiner Sicht die Besonderheit dieses Textes aus.

Mittlerweile hat sich auch die deutsche Bischofskonferenz des Themas angenommen, und es gibt Handlungsempfehlungen2, die auch über die Verantwortlichen in den Bistümern bezogen werden können. In diese Handlungsempfehlungen sind die Erfahrungen von 40 Jahren Umweltinitiativen in der katholischen Kirche aufgenommen worden. Ja, Schöpfungsbewahrung ist ein Ur-Glaubensthema, zu dem auch die katholische Kirche etwas zu sagen hat. Jeder und jede und jede Gemeinde kann vor und hinter seiner/ihrer Haustüre mit kleinen Schritten anfangen, auch immer in dem Bewusstsein, dass Bewahrung der Schöpfung auch Gottesdienst und Ehrfurcht vor unserem Herrn bedeutet.

In der Corona-Krise haben sich viele Menschen, auch mit persönlichen Einschränkungen, an der Eindämmung der Krise beteiligt. Doch wie sieht es mit der Klimakrise aus, die uns die nächsten Jahre weiterhin beschäftigen wird? Neben vielen, manchmal auch abstrakten wissenschaftlichen Daten, gibt es mittlerweile viele Dinge, die direkt unseren Alltag und unser Umfeld betreffen. Das Markanteste ist sicher die deutlich zunehmende Trockenheit in unserer Region oder auch der mangelnde Schnee im Harz oder die nicht mehr richtig kalten Winter. Alle diese Dinge verändern unser Leben und unsere Umwelt mehr, als wir es wahrhaben wollen.

Und was können wir – auch und gerade als Katholiken im Bistum Magdeburg, in einem Diaspora-Bistum – konkret tun, um unser „gemeinsames Haus“ gut zu pflegen oder wieder instand zu setzen? Auch wenn es nur etwa drei Prozent Katholiken in Sachsen-Anhalt gibt, so gibt es doch einen erheblichen Gebäudebestand, auch in zur Kirche gehörenden Einrichtungen der Caritas oder der Verbände. Hier können Energie-Einsparmaßnahmen und Modernisierungen auch über die gesetzlichen Vorgaben hinaus vorgenommen werden. Die Dachflächen könnten zur Solarstromerzeugung verwendet werden. Wenn man es nicht selbst machen will, kann man dazu sicher regional gute Partner finden. Auf Außenflächen können Blühwiesen (da reichen schon 30 m²) angelegt, Bienen gehalten oder Nistkästen und andere Unterschlupfmöglichkeiten für Tiere geschaffen werden. Und nicht zuletzt ist die Auswirkung der Beschaffung von Lebensmitteln, von Büromaterial und anderen Dingen wie Kerzen nicht zu unterschätzen. Hier gibt es mittlerweile gute Möglichkeiten, nachhaltige Produkte zu beziehen, ohne dass dafür der finanzielle Rahmen gesprengt werden muss.

Wichtig ist aber auch die Vernetzung mit „den Menschen guten Willens“, wie es Papst Franziskus in „Laudato si’“ beschreibt. Mit den ökologischen Fragen und ihrer Lösung stehen wir als Kirche auf keinen Fall alleine da, ganz im Gegenteil. Es gibt viele gesellschaftliche Gruppen, die endlich auf ein klares Signal, auch unseres kleinen Bistums, warten. Vielleicht ist das gerade die Aufgabe der Zukunft, die Berührungsängste zu anderen Umweltgruppen abzubauen, die leider immer noch oft zu spüren sind. Wenn sich daraus ein guter und konstruktiver Dialog entspinnt, können wir als Christen auch wieder als Sauerteig in der Gesellschaft wirken, und wir wären vollkommen eins mit Papst Franziskus und seiner Enzyklika „Laudato si’“.

Dr. Wendelin Bücking
Umweltbeauftragter des Bistums Magdeburg

www.bistum-magdeburg.de/gremien-kommissionen/gerechtigkeit-frieden-schoepfung


1 Dieser Artikel erschien in ähnlicher Form zuerst in der katholischen Wochenzeitung TAG DES HERRN.

2 Anm. d. Red.: s. „Briefe“, Ausgabe 2019-1, S. 11–12

themenseiten: Lernen aus der Corona-Krise

Kairos Corona?

Lernen aus der Krise

von Jörg Göpfert


Auch wenn sich andeutet, dass SARS-CoV-2 die Menschheit nicht auslöschen wird, war es richtig, „Alarmstufe Rot“ auszulösen. Millionen Menschen erkrankten und werden erkranken, viele werden nie wieder gesund. Tausende starben und werden sterben.

Kairos ist ein Begriff aus der griechischen Mythologie, der den günstigen Zeitpunkt für eine Entscheidung bezeichnet, dessen ungenutztes Verstreichen fatal sein könnte. Ist die Corona-Krise ein solcher Kairos? Es spricht manches dafür und vieles dagegen. Fatal aber wäre, wenn die Völker die Signale nicht hörten, sondern die Ohren verstopften und zur Tagesordnung übergingen, sobald die Munition für die „Bazookas“ verschossen wäre. Und fatal wäre es, die Signale nicht genau zu analysieren oder nicht zu fragen: Was können wir aus dieser Krise lernen, damit sie ihrem Namen gerecht wird und zu einem Wendepunkt wird?

Die Beiträge auf den folgenden Seiten wurden im Dienst dieser Aufgabe geschrieben. Mit wachem Gespür hat der Schriftsteller Christoph Kuhn das plötzlich ganz Andere wahrgenommen und es in den Fluss seiner Erfahrungen und Erinnerungen eingeordnet, um – teils beruhigt, teils beunruhigt – weiterzugehen. Der Zoonoseforscher Dirk Pfeiffer versucht, sich und uns zu erklären, was wohl die Ursache der Corona-Pandemie war und welcher Kurswechsel – jetzt – nötig wäre. Die Präsidentin von „Brot für die Welt“ blickt über den europäischen Tellerrand hinaus und gibt uns harte Brocken zu kauen. Volker Teichert, Hans Diefenbacher und Oliver Foltin von der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft analysieren sehr sorgfältig die Zusammenhänge zwischen der Corona- und der Klima-Krise und machen konkrete Vorschläge, wie mit beiden umzugehen wäre. Studienleiterin Miriam Meir ist nicht etwa blind für die Gefahren, aber sie sieht auch die Chancen, die der Krise innewohnen, ohne sie für das „Rettende“ zu halten. Und auch der Diözesanrat der Katholiken der Erzdiözese München und Freising betont, es sei jetzt nicht die Zeit, den Kopf in den Sand zu stecken – oder laut pfeifend, aber orientierungslos im dunklen Wald umherzuschwadronieren –, sondern mutig voranzuschreiten, und zwar jetzt. Kairos Corona? – Es hängt von uns ab.

Bedrohungsgefühle und Gestaltungszuversicht1

Ein Essay

von Christoph Kuhn2


Es ist April. Neulich dachte ich an einen Winter meiner Kindheit in den sechziger Jahren in Dresden, als die Familie zu fünft nur eins der beheizbaren Zimmer bewohnen konnte. Für uns Kinder spannend, für die Eltern beängstigend: Es würde wohl noch längere Zeit kalt bleiben, und die Kohlen gingen zur Neige. Vielleicht war der Ausnahmezustand nur regional begrenzt, offiziell gab es darüber keine Informationen. In der DDR ist immer irgendetwas knapp gewesen, aber existenziell wichtige Dinge waren meist bald wieder vorhanden, auch weil sie aus einheimischer Produktion stammten. Kommt es heutzutage zu Engpässen bei Medikamenten oder anderen täglich benötigten Dingen, liegt das an „ausgelagerter“ Produktion, an Lieferketten, die bis in fernöstliche Regionen reichen und instabil werden können – was besonders in Krisenzeiten prekär ist. 

Vergleiche mit vergangenen Zeiten und anderen politischen Systemen sind natürlich gewagt. Doch wenn aktuell vom „Herunterfahren des gesellschaftlichen Lebens“ die Rede ist, zeigt sich, wie viel komplexer und damit fragiler, abhängiger und verwundbarer unsere Gesellschaft geworden ist.

Die Corona-Krise ruft – mehr als die Euro- oder die Klimakrise – Gefühle der Bedrohung und Angst hervor, die sich in der Gesellschaft „ansteckend“ ausbreiten. Sie rückt uns direkt auf den Leib. Jeder will sich und seinen Angehörigen die neue, unbekannte Krankheit ersparen. „Hauptsache Gesundheit!“, lautet schon immer der häufigste Wunsch. 

Das Interesse an Informationen über Covid-19 ist groß und wird auf allen Kanälen bedient. Stündlich verändern sich die wissenschaftlichen Erkenntnisse und die daraus entstehenden Konsequenzen. Gleichzeitig verstärken die Nachrichten auch die Ängste, wenn die rasch um sich greifende Pandemie, als Seuche, größte Gefahr seit Jahrzehnten für die Gesellschaft, die Menschheit, eingeordnet, wenn sie mit SARS, Ebola und der Spanischen Grippe verglichen wird und Anlass gibt, an die Pest zu erinnern; wenn die Bundeskanzlerin in ihrer ersten Sonderansprache von einer schweren Prüfung spricht, von der größten Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg, die unsere Vorstellung von Normalität infrage stellt; wenn wir Begriffe hören wie Bewährungs- und Belastungsprobe, heilsamer Schock, Stresstest für die Gesellschaft, absolutes Novum, historischer Markstein.

Verglichen mit der Klimakrise hört die Politik der meisten Staaten jetzt besser auf Expertenmeinungen, auf Forschungsergebnisse, und die Verantwortlichen reagieren vielgestaltig und relativ schnell: Dann muss es ja wirklich schlimm sein, sagen wir uns.

Einerseits beruhigen nicht-pharmazeutische Interventionen, also eilige drastische Schutzvorkehrungen zur Verlangsamung der Virusausbreitung: Grenzkontrolle, Streichung von Flügen, Verbot öffentlicher Veranstaltungen, Schließung von Schulen und Freizeiteinrichtungen, Einschränkung der Bewegungsfreiheit, Ausgangssperre, Ausrufung des Katastrophenfalls, des Ausnahme-, Alarm- oder Notstandsfalls, Mundschutzpflicht … Andererseits wächst die Befürchtung, selber diese Krankheit zu kriegen – oder eine andere schwere, bei der einem dann nicht genug Hilfe zuteilwird, wenn sogar das Krankenhauswesen überfordert sein könnte. 

Bedrohlich sind zudem die Epiphänomene: fehlende Schutzkleidung und -masken, der Mangel an Lebensmitteln wegen Hamsterkäufen. Und immer noch kursierende Verschwörungstheorien: Das Virus wurde in amerikanischen, chinesischen oder russischen Biowaffenlabors erzeugt; es dient als Brandbeschleuniger einer baldigen Revolution, die Maßregeln sollen das Volk auf einen Systemwechsel vorbereiten usw. – apokalyptische Fakenews, welche Menschen, die sich unkritisch informieren, zu falschem Verhalten verleiten und bei ihnen zusätzlich Angst schüren. Voraussetzung für richtige Information ist die Wahl seriöser Medien, geprüfter Quellen. Faktencheck. 

An manchem Morgen wache ich mit dem Gedanken an Corona auf. Die Nachrichten beginnen mit dem Top-Thema, die Zeitungen sind davon voll, das Internet auch; in die Suchmaschine gebe ich nur „Co“ ein, und es wird (gleich nach „Commerzbank“ und „Kohlenstoffmonoxid“) zu „Coronavirus“ ergänzt; seit Wochen enthält jede dritte E-Mail die Absage eines Projekts, einer Veranstaltung oder Zusammenkunft … 

Unser Blick droht sich zu verengen. Fehlt uns nicht jetzt besonders in der „globalisierten Welt“ der Weitblick, der uns bescheidener, geduldiger, dankbarer machen könnte, der uns aber auch überfordert? Welche Probleme, Konflikte und Katastrophen finden außer SARS-CoV-2 noch ausreichend Beachtung? Die Not, der Hunger in vielen afrikanischen Ländern, z. B. in Burkina Faso, oder in Südamerika, z. B. in Venezuela; das Flüchtlingselend auf Lesbos; der Krieg in Syrien; die Zerstörung des Regenwalds, überhaupt die ökologische Krise und die der wachsenden ökonomischen Ungleichheit. 

Doch die ökologische Krise ist für die meisten Menschen der nördlichen Hemisphäre ein noch viel zu abstraktes, noch zu wenig erkennbares Phänomen – die Auswirkungen liegen für uns hier noch zu sehr in der Zukunft. Voraussagen der Wissenschaft sind das eine, sie zu verinnerlichen und in Maßnahmen bzw. Gewohnheiten umzusetzen, etwas anderes. Der April mag noch so sommerlich, das Missverhältnis zwischen Sonnenschein und Regen noch so groß sein – ohne Arg wird von schönem Wetter geredet. Solange Tempolimits nicht gesetzt sind, wird gerast; solange benzinbetriebene Laubgebläse nicht verboten sind, wird mit ihnen umhergelaufen; solange Heizpilze nicht verpönt sind, sitzen Menschen unter ihnen; solange Plastikverpackungen nicht unzulässig sind, werden sie mitgekauft – die Liste ließe sich lange fortsetzen. 

Unser damaliges Wohnen in einem Zimmer war nicht nur kuschelig, brachte uns nicht nur einander näher, wir gingen uns auch auf die Nerven, der Rückzug war nicht nur Besinnung auf das Wesentliche. Aber das Ende der Ausnahmesituation war ja absehbar: Sobald es wärmer würde, müssten wir nicht mehr heizen, es wäre wieder mehr Platz für jedes Familienmitglied in anderen Zimmern, Freundinnen und Freunde dürften wieder eingeladen werden; und der Ausweg ins Freie lockte zunehmend. 

Auch jetzt erwacht die Natur zu neuem Leben, während das „öffentliche Leben“ fast erstirbt. Was passiert inzwischen? Wie stehen wir die epochale Katastrophe durch? Begreifen wir sie als Weckruf? Setzt sie Innovationen in Gang? Lernen wir in und durch die Krise etwas? Können wir aushalten, nicht zu wissen, wie lange sie dauert? 

Privat muss sie mit den Gefühlen der Beklemmung, der Einsamkeit durch Isolation, der Furcht vor Existenzverlust ausgehalten und irgendwie gestaltet werden. Eine Gefühlslage zwischen Verharmlosung und Hysterie ist anzustreben; die Erkenntnis vom Ende der Unbeschwertheit. Individuell verschieden sind die Herausforderungen an die Psyche, an Eigenschaften wie Geduld, Besinnung auf sich selbst und den engsten Familien- und Freundeskreis. (Es klingt widersprüchlich, dass wir trotz Kontaktsperre und vorgeschriebener Distanzwahrung aufgefordert sind, stärker zusammenzuhalten, weil wir alle doch „in einem Boot“ sitzen.)

Jede Krise hat ihre Chancen. „Krise ist ein produktiver Zustand. Man muss ihm nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen“, sagt Max Frisch. Eine völlig neuartige Situation eröffnet auch ungeahnte Möglichkeiten. Notgedrungen durch die Reduzierung des öffentlichen Lebens kann der Einzelne sich mehr mit Dingen beschäftigen, zu denen er sonst kaum gekommen wäre: Neubesinnung auf Muße, Kreativität, Fantasie und Träume. Neue Bezüge zur Welt zu entdecken, zur Natur, zu den Dingen, zur Wissenschaft, zur Kunst, zur Religion. Zu erkennen, mit wie viel weniger Konsumgütern, mit wie viel weniger Reisen – vorausgesetzt, wir konnten sie uns bislang leisten – wir eigentlich auskommen. Dafür in neue Beziehung treten zu sich selbst und zu anderen Menschen; Empathie und Gemeinwohlorientierung entwickeln, Sensibilität für das Wesentliche. Nimmt gar Zuversicht in der Not zu; Zuversicht, die Informations- und Problembewusstsein nicht ausschließt? Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch, sagt der zuversichtliche Friedrich Hölderlin.

Analog zur individuellen Krisen- und Nachkrisengestaltung sind jetzt auch die Gesellschaft insgesamt, die Wissenschaft, besonders die Politik und der Staat angehalten, auszuhalten und zu gestalten. Jetzt könnte getan werden, was längst als überfällig notwendig erkannt ist. Zum Beispiel sollte Hilfe für Betriebe mit der Auflage verbunden sein, ressourcenschonend und nachhaltig zu produzieren. 

Welche Systemfehler aus der Vorkrisenzeit sind in der Krise zu analysieren? Nicht allein die, die zur Krise geführt haben, sondern auch die, welche die nachfolgende ökonomische Krise schwer überwindbar erscheinen lassen – in erster Linie die imperiale Art des Wirtschaftens mit dem Wachstumszwang des Höher, Weiter, Schneller und der Maxime von Profit und Rendite.

In der Demokratie gibt es neben den moralischen Appellen an die Bevölkerung natürlich Streit unter den Expertinnen über die Gefährlichkeit der Pandemie oder über die wirkungsvollsten Schutzmaßnahmen oder ihre Dauer; und unter den Politikern z. B. über die Höhe finanzieller Hilfe für nicht systemrelevante Unternehmen. Wie erwähnt, ist man sich überwiegend erstaunlich einig wie sonst selten, man hört aufeinander; in den Talkshows werden Meinungen sachlich ausgetauscht, das sonst dort übliche Parteiengezänk unterbleibt. 

In autokratisch regierten Ländern wird weniger diskutiert. Gefahren können als Fakenews verworfen werden, bis sie nicht mehr zu bestreiten sind, woraufhin reflexhaft Dekrete und Notstandsgesetze erlassen werden, die die Demokratie aushöhlen oder zum Erliegen bringen. Mit ignoranten, inkompetenten und nationalistisch gesinnten Staatslenkern ist das zurzeit dringende Zusammenwirken nur eingeschränkt möglich. Bekommen die Globalisierungsgegner und Rechtspopulisten Auftrieb, oder geht die Demokratie gestärkt aus dem Stresstest hervor? Das hängt maßgeblich davon ab, wie sich die demokratischen Regierungen in der Krise bewähren und profilieren. Auch davon, ob über die aktuelle Krise hinaus konstruktiv geplant und gehandelt wird – präventiv im Hinblick auf neue Epidemien und schadensbegrenzend in Hinsicht auf die menschengemachte Klimakrise. Das hieße Reformen in der Bildung, der Agrarwirtschaft, des Gesundheitswesens, des Wirtschaftssystems – eine neue Arbeits- und Produktionsethik. Ein bequemes, bedenkenloses Back-to-Business-as-usual darf es deshalb nicht geben. 

In diesen Tagen und Wochen erleben wir eine Entlastung der Biosphäre – unbeabsichtigt und gewissermaßen als Kollateral-Erfolg der Corona-Krise. Weltweit brechen Produktionszweige ein, der Energieverbrauch geht zurück. Die globale Mobilität, die die Pandemie erst mit möglich gemacht hat, verringert sich, durch jeden nicht geflogenen Kilometer, jede unterlassene Kreuz- und Autofahrt. Die Luft ist besser, die Gewässer klarer, der städtische Lärmpegel niedriger. Viele Länder werden dieses Jahr wohl ihre Klimaziele erreichen. Die Erde atmet auf.

Was Proteste nicht erreichten, gelang dem Virus: Das provokative Militärmanöver „Defender Europe 20“ in Richtung russischer Grenze wurde „kontrolliert beendet“, eingestellt. Dafür sollten 20.000 Soldaten der US-Streitkräfte über den Atlantik geschickt werden. Das Manöver ist als größte „Verlegeübung“ von US-Militär seit 25 Jahren konzipiert gewesen, zusammen mit 18 NATO-Ländern. Auch Truppenübungen in Deutschland wurden abgesagt.  

Die Welt wird nach der Krise eine andere sein; sie sollte sich jetzt als Schicksalsgemeinschaft verstehen, schrieb kürzlich ein Zeitungskommentator. Jetzt und bald, und von jetzt an immer! 

Andere sagen, der Mensch ist nicht geneigt, sich zu verändern. Alles wird wieder wie zuvor. Eine kathartische Wirkung der erzwungenen Nachhaltigkeit bleibt aus. Von Dankbarkeit, dass die Krise überstanden ist, nicht zu reden. Steigerungszwang, Wachstumswahn und Hektik kehren bald zurück nach dieser schnellsten Entschleunigung der Moderne. 

Vielleicht erleben wir, über den Pausenmodus hinaus, doch einen Paradigmenwechsel – „den“ Wendepunkt: „Vor und nach Corona“, werden wir sagen. Und die Einsicht breitet sich aus, dass eine Veränderung des westlichen Lebensstils sowieso fällig war und dass mancher Verzicht auf Gewohntes auch ein Verlust von Entbehrlichem ist und durchaus ein Gewinn an Lebensqualität sein kann, an körperlicher und seelischer Gesundheit. Und vielleicht werden viele von der Lust ergriffen, die Zivilisation neu zu beleben. Und um zum Schluss noch einmal Hölderlin reden zu lassen: „Ich glaube an eine künftige Revolution der Gesinnungen und Vorstellungsarten, die alles Bisherige schamrot machen wird. Und dazu kann Deutschland vielleicht sehr viel beitragen.“

Christoph Kuhn
Advokatenweg 3A | 06114 Halle (Saale)
Tel.: 0345 2026073


1 Dieser Text ist die gekürzte Fassung des Beitrags „Panzer zu Krankenwagen. Bedrohungsgefühle und Gestaltungszuversicht – Ein Essay“ von Christoph Kuhn zu den Seiten „kunst+kultur“ auf der Internetseite von ver.di: http://kuk.verdi.de/literatur/panzer-zu-krankenwagen-6769/

2 Christoph Kuhn, 1951 in Dresden geboren, lebt als Schriftsteller und Journalist in Halle. Mitglied des VS in ver.di und des PEN. Zuletzt veröffentlicht: Kein Weg zurück, Erzählungen, 2018. Poesiealbum 348, Gedichte, 2019.

Die wichtigste Lehre aus der Corona-Krise lautet: Prävention!

Aber diese beginnt weit vor der Haustür

Bild der Zeitschrift "Briefe. Zur Orientierung im Konflikt Mensch – Erde", Nr. 136, Herbst 2020:
Prof. Dr. Dirk Pfeiffer © City University of Hong Kong
Prof. Dr. Dirk Pfeiffer
© City University of Hong Kong


Der international renommierte Veterinärmediziner und Epidemiologe Dirk Pfeiffer ist seit 2016 Professor an der City University of Hong Kong. Seit 1999 ist er außerdem Professor für Veterinärepidemiologie am Royal Veterinary College, London, Großbritannien. Ein Schwerpunkt seiner Forschungsarbeit ist die Entwicklung von Informationssystemen über Tiererkrankungen, von Computermodellen zur Simulation von Tierkrankheiten und von ökologischen Feldforschungsmethoden. Seine Forschungsergebnisse dienen der räumlichen und zeitlichen Analyse von Epidemiologien und der Politikberatung. Im Interview mit Jörg Göpfert erläutert er, was über die Ursachen der Corona-Pandemie bekannt ist und welche Lehren daraus gezogen werden sollten.

Jörg Göpfert: Herr Professor Pfeiffer, über die Herkunft des Corona-Virus SARS-CoV-2 wurde in den vergangenen Monaten viel berichtet und auch viel spekuliert. Ist die Herkunft inzwischen geklärt?

Dirk Pfeiffer: Nein, wir wissen nicht, woher das Virus kommt. Und das ist sehr problematisch, denn wir können dadurch weniger aus der aktuellen Pandemie lernen. Dadurch wird es auch schwieriger sein, ein derartiges Ereignis in Zukunft zu verhindern. 

Woran liegt das?

Man muss leider sagen, dass die epidemiologische Untersuchung der ersten Fälle suboptimal verlaufen ist. Es hat den Anschein, dass die staatlichen Behörden in der Stadt Wuhan die Situation falsch eingeschätzt hatten und es dort wahrscheinlich auch an der Kompetenz für epidemiologische Untersuchungen von Krankheitsausbrüchen gefehlt hat. Inzwischen wird auch vermutet, dass es im Huanan Seafood Wholesale Market in Wuhan gar nicht zur Erstinfektion eines Menschen mit dem Virus gekommen ist, sondern lediglich zur weiteren Verbreitung des Virus. Das würde bedeuten, dass das Virus von bereits infizierten Personen in den Markt eingetragen worden wäre, die dann die Umgebung kontaminierten. In Peking hat es ja inzwischen auch einen Ausbruch in einem derartigen Markt gegeben. Soweit bisher bekannt, wurde das Virus dort auf Schneidbrettern gefunden, auf denen Lachs verarbeitet worden sein soll. Da bisher nicht davon auszugehen ist, dass lebende Lachse mit Corona-Viren infiziert werden können, wird die Infektionskette vermutlich eher so ausgesehen haben, dass das Virus vom Menschen über Schmierinfektion oder Husten bzw. Niesen auf das Lachsfleisch übertragen wurde und – eventuell konserviert durch die Kühlung sogar erst einige Zeit später – durch Schmierinfektion vom Fleisch auf den Menschen. Aber all das sind bisher Vermutungen, keine gesicherten Erkenntnisse.

Was den Ursprung des Corona-Virus betrifft, sind wir also weiter auf Mutmaßungen angewiesen. Welche Entstehungs- und Übertragungsprozesse werden derzeit in der Wissenschaft ernsthaft diskutiert? Und welchen halten Sie für am wahrscheinlichsten?

Die gängige Hypothese ist, dass das Virus ursprünglich von Fledermäusen stammt. Und die Frage ist, ob es einen Zwischenwirt bei anderen Wild- oder domestizierten Tieren gegeben hat oder ob es direkt von Fledermäusen auf den Menschen übertragen wurde. Ich denke schon, dass es einen Zwischenwirt gegeben hat, und könnte mir auch vorstellen, dass es eine Wildtierspezies gewesen ist. Aber das ist leider Spekulation. 

Auf alle Fälle sollten wir uns daran erinnern, dass sich Wildtiere, domestizierte Tiere, Menschen und Mikroben diesen Planeten teilen und dass die Lebensräume der verschiedenen Spezies aus natürlichen Gründen überlappen und auch schon immer überlappt haben. Was sich geändert hat, ist, dass die Frequenz dieser Kontakte zugenommen hat, und zwar extrem in den letzten 20 bis 50 Jahren durch die gewaltige Zunahme der menschlichen Population und die Verdichtung von Siedlungsräumen. Hinzu kommt die globale Mobilität, durch die Menschen wesentlich mehr miteinander in Kontakt kommen. Das heißt, ein neues Virus kann sich, wie es in China im Zusammenhang mit den Neujahrsfeiertagen geschehen ist, blitzschnell über große Distanzen verbreiten. Hinzu kommt noch der vermehrte Kontakt mit Naturräumen, von denen wir eigentlich weit entfernt leben.

Unter den Mikroben hat es immer solche gegeben, die für Mensch und Tier nützlich oder zumindest unschädlich sind, aber auch immer solche, die schädlich sind. Aber die Geschwindigkeit und das Ausmaß der Verbreitung von schädlichen Mikroben hat sich gewaltig geändert. Dazu trägt bei, dass es bei der Vermehrung der Mikroben in infizierten Individuen zu Mutationen, also genetischen Veränderungen kommen kann. Und diese können dazu führen, dass sich die Mikroben an einen anderen Wirt anpassen. Bei SARS-CoV-2 hat dies wahrscheinlich stattgefunden. Auf jeden Fall sind dies natürliche Prozesse, die fast immer keine für uns feststellbaren negativen Konsequenzen haben. Aber je öfter diese Prozesse ablaufen, desto wahrscheinlicher ist es, dass irgendwann so etwas wie SARS-CoV-2 entsteht, das an den Menschen extrem gut angepasst zu sein scheint. Und die hohe Weltbevölkerungs- und Kontaktdichte zwischen Mensch, Tier und Mikroben bedeutet, dass es dann sehr, sehr schnell zu einer Ausbreitung kommen kann.

Was für Untersuchungen sind nötig, um die Herkunft von SARS-CoV-2 eindeutig zu klären?

Am sinnvollsten wäre eine detaillierte epidemiologische Untersuchung ganz am Anfang der Epidemie gewesen, und zwar im Dezember 2019 bzw. Anfang Januar 2020. Es ist leider immer noch unklar, was genau unternommen wurde. Im Grunde gilt dasselbe wie bei einer Kriminaluntersuchung: Es müssen so schnell wie möglich alle noch vorhandenen Beweise gesammelt werden, bevor sie nicht mehr gesammelt werden können. Man muss also schnellstmöglich alle relevanten Proben nehmen, etwa von den auf dem Markt gehandelten Produkten, von den Menschen, die dort tätig waren oder eingekauft haben. Aber es geht auch um das Sammeln von Informationen: Was wurde wo verkauft und wo kam es her? Welche Kunden besuchten den Markt, wo kamen sie her, wo gingen sie hin? Das verlangt natürlich erhebliche Personalressourcen. Aber erschwerend war, dass man Anfang Januar ja noch gar nicht wusste, um welchen Erreger es sich handelte, der die Krankheitssymptome ausgelöst hatte. Es ist deshalb bemerkenswert, dass die Ursache des Ausbruchs in Peking im Juni 2020 auch nicht herausgefunden worden ist, obwohl die chinesischen Behörden methodisch mit anzunehmender Sicherheit dieses Mal alles richtig gemacht haben, den Erreger kannten und die nötigen Personal- und Materialressourcen zur Verfügung hatten.

Was schließen Sie daraus?

Diese Tatsache ist für mich höchst beunruhigend, denn sie bedeutet, dass es schwierig ist, eine Einbringung oder Verbreitung dieses Virus zu verhindern. Inzwischen hat es ja vermehrt Andeutungen gegeben, dass Lebensmittelmärkte oder Schlachthöfe eine Rolle bei der Verbreitung spielen, und dies könnte mit der Kühlung von Frischfleisch und frischem Fisch zu tun haben, die die Überlebensfähigkeit des Virus auf kontaminierten Produkten erhöht.

Sehen Sie noch Chancen, den Ursprung des Corona-Virus SARS-CoV-2 und seine ersten Übertragungswege aufzuklären?

Chinesische Behörden und chinesische Wissenschaftler arbeiten mit Wissenschaftlern aus anderen Ländern zusammen, um die Ursache herauszufinden. Die WHO hat im Moment ein Team in China, das dort an diesen Untersuchungen teilnimmt. Ich möchte betonen, dass die chinesischen Kollegen selbst die entsprechende wissenschaftliche Kompetenz haben, um derartige Untersuchungen durchzuführen. Ich halte den Aufenthalt des WHO-Teams in China aber trotzdem für nützlich, da ein derartiger Austausch unter Wissenschaftlern das Vertrauen der Weltgemeinschaft in die Untersuchungen und deshalb auch die etwaigen Ergebnisse verbessern wird. Allerdings halte ich es für fraglich, ob wir den Weg der Corona-Pandemie vom Menschen über eventuelle Zwischenwirte bis zum ursächlichen Wildtier werden rekonstruieren können. Ich glaube aber, dass es diese Untersuchungen ermöglichen werden, die Plausibilität und Wahrscheinlichkeit der verschiedenen Hypothesen besser zu definieren. Und das würde ich schon als Erfolg ansehen, da es uns erlauben würde, Prioritäten für Prävention und Forschung zu setzen. 

Welche Lehren sollten aus all dem gezogen werden?

Die wichtigste Lehre ist aus meiner Sicht Prävention, und zwar in dem Sinne, dass wir die Übertragungen von Viren zwischen wilden und domestizierten Tieren verringern und von dort zum Menschen. Denn selbst wenn wir Zoonosen, also die Tier-Mensch-Übertragung von Krankheitserregern, frühzeitig entdecken, lässt sich dadurch – bei den heutigen Lebensverhältnissen – eine Ausbreitung nicht verhindern. Das heißt, wir müssen die Epidemiologie der Übertragungen besser verstehen und dann die erwähnten Kontaktfrequenzen reduzieren.

Was meinen Sie damit konkret?

Zum Beispiel sollte die Abholzung von Urwäldern oder die Vernichtung von anderen Naturräumen oder naturnahen Gebieten beendet werden. Auch der Handel mit Wildtieren wäre weiter einzuschränken. Auf jeden Fall sollten auf Märkten lebende Wildtiere – wenn überhaupt – nicht gemeinsam mit Nutztieren angeboten werden. Auch die Verarbeitung ihres Fleisches sollte getrennt erfolgen. Darüber hinaus müssen wir die Hygiene auf den Märkten wesentlich verbessern. Aber wir müssen uns im Klaren sein, dass solche Verhaltensänderungen in kulturell tief verwurzelte Gewohnheiten eingreifen würden. Und das kann sehr schwierig sein und lange dauern, und zwar auch deshalb, weil die immer noch vorhandene Nachfrage nach Wildtieren und deren Produkten dafür sorgt, dass es auch illegale Angebote für solche Waren gibt. Letzteres sollte auf jeden Fall möglichst schnell beendet werden. 

Lassen Sie es mich ganz klar sagen: Das Covid-19-Virus ist eigentlich ein recht „zahmes“ Virus. Es verbreitet sich zwar sehr effizient, führt aber zu einer vergleichsweise geringen Mortalität beim Menschen. Wenn wir das Zustandekommen von Zoonosen nicht – wieder – deutlich erschweren, müssen wir über kurz oder lang mit dem Entstehen von Viren rechnen, die beides sind: effizient und tödlich. Und das kann niemand wollen.

Auch in Europa wurden viele Wildtiere in Nischen oder ganz verdrängt. Auch bei uns leben Fledermäuse in der Nähe von Menschen – z. B. in Kirchtürmen. Kann es auch hier zur Entstehung und Verbreitung von Pandemien durch die Übertragung von Viren auf den Menschen kommen? Was wäre der Unterschied zum asiatischen Raum?

Grundsätzlich laufen in allen Regionen der Erde dieselben biologischen Mechanismen ab. Auch in Europa wurden Naturräume verändert, vernichtet oder verkleinert, als die Bevölkerung wuchs. Folglich wurde auch hier die Zahl der wildlebenden Tiere dezimiert, manche Art wurde sogar völlig vernichtet oder ist abgewandert, andere haben sich in Nischen zurückgezogen. Während dieser Entwicklung kam es auch in Europa zwangsläufig zu einer Zunahme der Kontakte zwischen Menschen, Nutztieren und Wildtieren. Und diese Kontakte führten über kurz oder lang zur Übertragung verschiedener Krankheitserreger von Wildtieren auf Nutztiere und Menschen. Dazu gehört z. B. die Brucellose, ausgelöst durch Bakterien, die vom Tier auf den Menschen übertragen werden können. In schweren Fällen kann sie zu unterschiedlichsten Symptomen wie Fieber, Kopfschmerzen oder Organschäden führen. Und zu den bekannten übertragbaren Viruserkrankungen gehört in Europa die Tollwut. In Europa erstreckte sich die Zunahme der Kontaktfrequenz zwischen Mensch und Tier über einen vergleichsweise langen Zeitraum. Dabei kam es relativ selten zur Entstehung von neuen Zoonosen. Und die zunehmende Effizienz der Gesundheitssysteme für Tier und Mensch war in der Lage, mit dem zunehmenden Risikopotential Schritt zu halten. Nach langer Zeit stellt sich dann ein Zustand ein, in dem die in einem bestimmten Gebiet für den Menschen problematischen Krankheitserreger zum Vorschein gekommen und daher bekannt sind. Nun besteht auch die Möglichkeit, sie zu bekämpfen oder ihre Übertragung zu vermeiden. Es ist daher kaum anzunehmen, dass in irgendeiner der von Ihnen genannten Fledermäuse in einem Kirchturm Mitteldeutschlands Krankheitserreger schlummern, die für den Menschen ganz neu gefährlich werden könnten. In Asien dagegen gibt es Regionen, in denen sich bis heute kaum Menschen aufhalten. Durch das rasante Bevölkerungswachstum dort sind jedoch in den vergangenen 20 bis 50 Jahren immer mehr Menschen in solche Regionen vorgedrungen. Die Kontaktfrequenz zwischen Menschen und Wildtieren hat sich enorm erhöht. Und dieser Trend ist ungebrochen. Darin besteht die Gefahr. 

Gilt das auch für Afrika? 

Das Risiko schätze ich für sehr hoch ein. Der Ebola-Ausbruch hat ja gezeigt, dass dieses Risiko real ist. Und es wird mit der ökonomischen Entwicklung und der zunehmenden Urbanisation wesentlich steigen. Dabei wird auch die Zunahme des Fleischkonsums eine Rolle spielen, und es wird zu ähnlichen Ökosystemveränderungen wie in China kommen. Im Gegensatz zu China gibt es aber in Afrika kaum Kapazitäten der staatlichen Systeme für eine hinreichende Surveillance, Prävention und Behandlung von Zoonosen, geschweige denn das Verhindern eventueller Pandemien.

Nochmal zurück nach Europa. Hier siedeln sich wieder Wildtiere an, die hier lange Zeit nicht lebten, etwa Wölfe, Bären und Luchse. Sie vermehren und verbreiten sich. Wächst dadurch die Gefahr für ein Aufflammen von Zoonosen?

Durchaus, allerdings sehe ich hier das Risiko eher darin, dass wir Menschen oder unsere domestizierten Tiere die Wildtiere infizieren, wie es ja auch bei der Rindertuberkulose schon geschehen ist. Sie wurde vom Rind auf den Dachs und auf Rotwild übertragen. Und dazu gehört auch das Risiko der Übertragung von antibiotikaresistenten Bakterien von Menschen und Haustieren auf Wildtiere.

Damit aus einer Zoonose eine Pandemie beim Menschen wird, müssen die Krankheitserreger ja nicht nur vom Tier auf den Menschen, sondern anschließend auch schnell von Mensch zu Mensch übertragen werden können. Welche Lehren sollten diesbezüglich aus der Corona-Pandemie gezogen werden?

Wie wir gegenwärtig mit COVID-19 erleben, sind extreme Maßnahmen notwendig, um eine Ausbreitung von derart hochinfektiösen Krankheitserregern wenigstens zu verlangsamen, wenn sie sich schon nicht unterbinden lässt. Und das bedeutet, dass die direkte und indirekte zwischenmenschliche Übertragung extrem verringert werden muss. Und das kann nur gelingen, wenn wir viele Dinge, die wir gewöhnt sind, ändern. Und dazu gehört bessere Hygiene, etwa durch gründlicheres und häufigeres Händewaschen – auch mit Desinfektionsmitteln –, das Tragen von Gesichtsmasken, Verringerung von zwischenmenschlichen Kontakten im direkten sozialen Umfeld, aber auch durch verringerte Fernreisen. Und zusätzlich müssen im Falle von Ausbrüchen diagnostische Untersuchungen unter Kontaktpersonen durchgeführt werden, um infizierte Personen frühzeitig zu identifizieren. Dazu wäre auch zu erwähnen, dass das altbekannte Masernvirus um einen Faktor 3 bis 4 infektiöser als SARS-CoV-2 ist. Aber zum Glück haben wir diese Infektionskrankheit seit 1963 durch eine sehr effektive Impfung unter Kontrolle bringen können – jedenfalls solange die Mehrheit der Bevölkerung als Kleinkinder geimpft worden ist. Leider weigern sich inzwischen viele Eltern, ihre Kinder impfen zu lassen, und seitdem kommt es wieder zu Masernepidemien, bei denen es auch zu lebensbedrohenden Erkrankungen kommen kann.

Zusammengefasst: Ein Kern der Problematik ist, dass Menschen, Haus- und Wildtiere in den vergangenen 50 Jahren immer enger aneinandergerückt sind. Das hat vor allem mit der starken Zunahme der Zahl an Menschen zu tun. Dieser Trend ist ungebrochen. Was bedeutet das für die künftige Entstehung und Ausbreitung von Pandemien – und mögliche Gegenstrategien?

Wir müssen wesentlich mehr Respekt für das globale Ökosystem entwickeln, das wir schon seit Jahrzehnten oder Jahrhunderten ausbeuten. Wir müssen eine nachhaltige Balance zwischen Mensch, Tier und Umwelt finden. Genau darauf zielt der One Health Ansatz. Dieser passt auch sehr gut zu den Sus-tainable Development Goals1 der Vereinten Nationen.

One Health – also eine ganzheitliche Sicht auf die Gesundheit von Menschen und Tieren – wurde schon vor etwa zehn Jahren propagiert. Trotzdem ist es zur Corona-Pandemie gekommen. Dringt dieser Ansatz politisch nicht durch – oder lassen sich die Probleme auch mit ihm nicht lösen?

Es wird viel über One Health geredet, aber viel zu wenig getan. COVID-19 hat deutlich gemacht, dass eine Umsetzung von One Health in entsprechende Politiken im Großen und Ganzen nicht stattgefunden hat. Eines der Probleme dabei ist, dass in der Wissenschaft vor allem auf Exzellenz innerhalb der verschiedenen Disziplinen hingearbeitet wird. One Health dagegen ist im Grunde nur ein anderer Ausdruck für Interdisziplinarität oder integrierte Wissenschaft mit einem Fokus auf Mensch, Tier und Umwelt als Ganzheit. Aber das ist schwierig für uns Wissenschaftler umzusetzen, weil wir die „Sprache“ der anderen Wissenschaften oft nicht verstehen oder sie nicht respektieren. Letzteres ist ein großes Hindernis zwischen den Natur- und Sozialwissenschaften. Aber ein One Health Ansatz kann nur funktionieren, wenn er den Sozialwissenschaften eine zentrale Rolle einräumt, denn die Mehrzahl der Probleme entsteht durch menschliches Verhalten.

Lassen Sie mich das kurz erläutern: Die globale wirtschaftliche Entwicklung hat in vielen Ländern zu einer wesentlichen Verringerung der Armut geführt. In China etwa ist eine große Zahl von Menschen in die sogenannte Mittelklasse aufgestiegen und konsumiert jetzt deutlich mehr als zuvor, unter anderem Fleisch. Die Intensivierung der Tierproduktion führt aber direkt oder indirekt zu einer zunehmenden Umweltzerstörung und erhöht das Risiko der Entstehung von zoonotischen Infektionskrankheiten und von antibiotikaresistenten Bakterien. Wenn diese Ursache-Wirkungs-Ketten nicht im Zusammenhang bearbeitet werden, stehen wir bei der Bekämpfung von Pandemien auf verlorenem Posten.

Ein weiterer Schwachpunkt ist die mangelnde Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse in politische Entscheidungen. Im Allgemeinen werden diese innerhalb von Ministerien getroffen, also getrennt nach Ressorts wie „menschliche Gesundheit“, „Landwirtschaft“ oder „Umwelt“. Ein Problem wie die COVID-19-Pandemie müsste aber mit einem integrierten Ansatz bearbeitet werden, der die gesamten Ursache-Wirkungs-Ketten gemeinsam in den Blick nimmt. Politische Entscheidungsträgerinnen und -träger müssten in der Lage sein, diese verschiedenen Effekte rational abzuwägen, unter Kenntnisnahme der interdisziplinär erarbeiteten wissenschaftlichen Erkenntnisse. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass eine derartige Kompetenz oder Erfahrung weltweit sehr selten ist und – zugegebenermaßen – auch eine gewaltige Herausforderung darstellt.

Was wäre zu tun?

Was wir bräuchten, wäre eine globale One Health Risk Governance. Wie kann es sein, dass wir einen UN-Sicherheitsrat haben, aber kein entsprechendes Gremium, das bei einer alle Länder betreffenden Katastrophe eine gemeinsame, global abgestimmte Position herausgeben kann? Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat viel zu wenig Entscheidungsbefugnis und ist außerdem inzwischen zu einem politischen Spielball geworden. Die globale politische Fragmentierung, bei der jedes Land seine eigene Kontrollstrategie verfolgt, ergibt in dieser Situation überhaupt keinen Sinn. Sie kommt nur einem zugute: dem Virus und seiner Verbreitung.

Vielen Dank, Herr Professor Pfeiffer, für dieses Interview!


1 Anm. d. Red.: Die Sustainable Development Goals, SDGs, sind 17 politische Zielsetzungen der Vereinten Nationen, welche weltweit der nachhaltigen Entwicklung auf ökonomischer, sozialer sowie ökologischer Ebene dienen sollen. Sie wurden im Gefolge der Millenniums-Entwicklungsziele (MDGs) vereinbart und traten am 1. Januar 2016 mit einer Laufzeit bis 2030 in Kraft. Im Unterschied zu den MDGs, die für die Entwicklungsländer galten, gelten die SDGs für alle Staaten (s. https://unric.org/de/17ziele/).

Ein globales Desaster, dem abzuhelfen wäre

von Cornelia Füllkrug-Weitzel1


Die Covid-19-Pandemie hat die Welt in die größte gesundheitliche, soziale
und wirtschaftliche Krise seit dem Zweiten Weltkrieg gestürzt. Die Auswirkungen werden vor allem arme Länder um viele Jahre in ihrer Entwicklung zurückwerfen. Was muss geschehen? 

Die Infektionszahlen steigen weiter. Die Lockdowns dauern an oder kommen zurück. Die Einschränkungen des öffentlichen Lebens und der Reisefreiheit wie auch die Auswirkungen auf die Wirtschaft übertreffen längst die Wucht der ökonomischen und politischen Schocks, die die Terroranschläge vom 11. September 2001 und die Finanzkrise 2007/2008 ausgelöst hatten. Und wieder einmal trifft es die Ärmsten am härtesten. Der stellvertretende Direktor und Regionalverantwortliche der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) für Lateinamerika und die Karibik, Julio Berdegué, geht davon aus, dass durch die Corona-Pandemie in Lateinamerika ein historischer Rückschritt im Kampf gegen den Hunger droht. Innerhalb weniger Monate könnten die Erfolge von 15 Jahren zunichtegemacht werden. Unsere Partner berichten, dass die Verzweiflung wächst.

Auch Afrika läuft Gefahr, dass Entwicklungsfortschritte der letzten Jahre zunichtegemacht werden. Nach einem Bericht des afrikanischen Institute for Security Studies wird sich der Kontinent im besten Fall erst wieder 2024 vom dramatischen Einbruch der Wirtschaftsleistung erholen. Für dieses Jahr wird befürchtet, dass weitere 14 Millionen Menschen in Afrika in extreme Armut stürzen werden. 

Wodurch kommt das zustande?

Bei Ausbruch der Pandemie konnten die Industrienationen mit Maßnahmen reagieren, die die Lebensbedingungen großer Bevölkerungsteile in armen Ländern nicht zulassen: Stetes Händewaschen? Laut den Vereinten Nationen hat etwa ein Viertel der Weltbevölkerung kaum Zugang zu sauberem Wasser. Und jene, die wenigstens eine Pumpe im Dorf haben oder Regenwasser sammeln, benötigen das rare Gut, um den Durst von Mensch und Tier und Pflanzen zu stillen. Abstand halten? In den ungezählten Slums am Rande der Megastädte – undenkbar, auch in Flüchtlingslagern oder informellen Unterkünften der Abermillionen Flüchtlinge. Testmöglichkeiten und Schutzkleidung? Für Regierungen armer Staaten angesichts des massiven Wettbewerbs auf dem Weltmarkt bisher unerreichbar. Und als die EU ihr Hilfspaket in Höhe von 7,4 Milliarden Euro zur Erforschung und Entwicklung von Impfstoffen und Medikamenten weltweit geschnürt hat, da hat sie keineswegs sichergestellt, dass diese hinterher auch allen zugutekommen und für alle erschwinglich sein werden. Medizinische Behandlung? Für die Armen schon vor Corona kaum erreichbar: In vielen Gegenden der Welt gibt es keine Hospitäler, keine Krankenstationen, kein medizinisches Personal. In ganz Somalia gibt es ein einziges Beatmungsgerät. Kaum jemand besitzt eine Krankenversicherung, die Preise für Behandlungen sind horrend. Und wenn sich dem medizinischen Personal in vielen Teilen der Welt seit Ausbruch der Pandemie unabweisbar die Frage stellt, ob die wenigen Ressourcen in die Bekämpfung der Covid-19-Krankheit oder in die Erste Hilfe oder in die Entbindung gesteckt werden sollen – was dann? Wenn die Gelder aus den Dialyse-Zentren und den Polio- und TBC-Impfkampagnen abgezogen würden – wem wäre damit gedient? 

Schwache Gesundheitssysteme

In den vergangenen Jahren haben reiche Länder wie die USA ihre Beiträge für UN-Organisationen, und somit auch für deren Gesundheitsorganisation WHO, drastisch gekürzt. Private Stiftungen haben diese Leerstelle gefüllt. Auch das hat zur Überzeugung beigetragen, dass Impfkampagnen und massenhafte Einzelinterventionen globaler privater Geldgeber effektiver seien als die staatliche Sicherung der medizinischen Grundversorgung. Entwicklungsministerien – auch unseres – haben entsprechend die Prioritäten verändert. Doch welcher private Geldgeber investiert in ländliche Regionen wie dem Tschad oder Ost-Kongo? Und wer soll die Impfkampagnen durchführen, wenn es keine flächendeckenden Gesundheitsstrukturen gibt?

Covid-19 oder Hunger

Viele Maßnahmen, die reiche Staaten nun gegen die Ausbreitung von Corona ergreifen, stellen die Regierungen und die Menschen in den armen Regionen vor die Wahl zwischen „Pest und Cholera“ – zwischen Covid-19 und schlimmster Armut sowie extremem Hunger. Viele Länder des Südens, speziell in Afrika, haben sich in Erinnerung an die Dramatik der Ebola-Krise für die „Pest“ entschieden: harte Lockdowns mit den erwartbaren Folgen von Armut und Hunger. Übrigens haben sie damit die Option gewählt, die ganz und gar im Sinne der globalen Solidarität ist und uns entschieden helfen wird, denn ohne dass die Verbreitung des Virus im Süden gestoppt werden kann, wird es auch bei uns nicht einzudämmen sein. Eine globale Krise kann nur global bewältigt werden. 

Wieso hat die Pandemie Armut und Hunger im Gefolge?

Wer sein Geld täglich neu im informellen Sektor verdienen muss und weder Arbeitslosenversicherung noch Rücklagen hat, der kann nicht zu Hause bleiben. Haushaltshilfen, Tagelöhner, Verkäuferinnen am Straßenrand oder Rikschafahrer müssen ohne ihre täglichen Einnahmen verhungern. Die UN-Arbeitsorganisation ILO hat im Frühjahr prognostiziert, dass infolge von
Covid-19 international weit mehr als 25 Millionen Menschen ihren Arbeitsplatz verlieren werden. Zum Beispiel Textilarbeiter*innen in Bangladesch, weil Unternehmen in Europa, die dort produzieren, ihre Aufträge storniert und z. T. sogar bestellte und schon produzierte Ware nicht abgenommen und bezahlt haben. Die Arbeiterinnen standen entschädigungslos und ohne Arbeitslosenversicherung auf der Straße. Corona hat einmal mehr gezeigt, wie dringend ein Lieferkettengesetz ist! 

Auch Schulschließungen treffen arme Familien besonders hart – nicht wegen des Betreuungsproblems, sondern wegen der Ernährung! Viele Familien sind auf die kostenlose Schulspeisung der Kinder angewiesen – häufig ist das deren einzige Mahlzeit am Tag. Und: Die Gefahr, dass Kinder, besonders Mädchen, nach Aufhebung der Schulschließung nicht zurück zur Schule kommen, wird von Experten als hoch eingeschätzt. Sie müssen dann erst einmal helfen, Geld zu verdienen. Auch Straßenmärkte zu schließen hat dramatische Konsequenzen: Für Millionen Menschen sind die Märkte und Straßenstände die einzige Möglichkeit, sich billig und mit frischen, regionalen Produkten zu versorgen. Sie werden – sofern vorhanden – in Supermärkten oder kleinen Läden einkaufen müssen, die teure Importware anbieten. Ausgangssperren führen außerdem dazu, dass Millionen Kleinbauern weder die Saat ausbringen oder die Felder bestellen noch die Früchte ernten und verkaufen können. Dabei werden 70 Prozent der Nahrung weltweit von Kleinbauernfamilien erzeugt. Die zurückgehende landwirtschaftliche Produktion und Exportrestriktionen könnten die Spekulation auf Agrarprodukte anheizen.

Hungerkrise erwartet

Die FAO, die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UN, geht davon aus, dass durch die Corona-Pandemie sich in diesem Jahr die Zahl der Menschen, die an chronischem Hunger leiden, um bis zu 132 Millionen erhöhen wird. Speziell in Ostafrika droht eine gewaltige Hungerkrise, weil Corona auf Länder trifft, die schon aufgrund von Dürren und Überschwemmungen infolge des Klimawandels, Kriegen und einer gewaltigen Heuschreckenplage dem Hunger ausgesetzt sind. Hier müssten die weltweiten Geber sofort reagieren und dem entgegenwirken. 

Zudem gibt es in armen Ländern kaum staatliche Sozialleistungen. Mehr als die Hälfte der Menschen weltweit leben ohne jede Form der sozialen Absicherung. Wo Rudimente davon einst existierten, haben Weltbank und IWF häufig verlangt, sie – als Bedingung für frisches Geld – zurückzuschneiden. Und jetzt, in dieser schweren Krise, sind die ohnehin schon überschuldeten Länder nicht in der Lage, Rettungsschirme für die Ärmsten ihrer Gesellschaften zu spannen.

Die Corona-Krise könnte also noch mehr Menschen weltweit in die Abhängigkeit von humanitärer Hilfe treiben. Die Zahl jener, die nur durch humanitäre Unterstützung – Nahrungsmittel, aber auch medizinische Hilfe – überleben können, ist in den vergangenen Jahren unablässig gestiegen. Flucht, Vertreibung und vor allem die Folgen des Klimawandels tragen wesentlich dazu bei. International wird seit langem diskutiert, ob es nicht Formen der sozialen Grundabsicherung geben könnte und müsste. Modelle dafür, sogenannte „Social Protection Floors“, hat die ILO bereits entwickelt und erprobt. Aber auch ihrer Einführung steht die weltweit verbreitete neoliberale Haltung entgegen, staatliche Leistungen der Daseinsvorsorge nicht zu befördern, sondern auf die Initiative der Einzelnen und der Privatwirtschaft zu setzen. Doch wie soll das gehen? Für Menschen, die nicht genug zu essen haben? In Gegenden, wo für Privatinvestoren „nichts zu holen“ ist? Jetzt hat die UN-Entwicklungsorganisation vorgeschlagen, für einen begrenzten Zeitraum und nur für den Kreis sehr armer Bevölkerungsgruppen in 132 Ländern ein befristetes Grundeinkommen einzuführen, um die dramatische Abwärtsspirale in die Armut, die Covid-19 unglaublich antreibt, abzubremsen und so den Absturz von Abermillionen Menschen in dauerhafte Abhängigkeit von humanitärer Hilfe zu verhindern. Tatsächlich wäre das nicht nur die würdigere, nachhaltigere und zukunftsweisendere Option, sondern für die internationalen Geber vielleicht sogar die billigere.

Was zu tun ist

In den kommenden Monaten wird es bei der Bewältigung der Corona-Pandemie weiter darum gehen, Entwicklungs- und Schwellenländern bei der Eindämmung der Infektionen zu helfen. Dabei müssen vor allem auch die öffentlichen Gesundheitssysteme massiv ausgebaut und gestärkt werden, nicht nur wegen Corona, sondern auch, damit andere lebensbedrohliche Krankheiten weiter behandelt werden können.

Gleichzeitig muss der Kampf gegen die langfristigen Folgen verstärkt werden. Die wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Krise müssen abgemildert werden. Langfristig angelegte Wirtschaftshilfe und Konjunkturprogramme müssen auf eine global nachhaltige Entwicklung ausgerichtet werden. Sie müssen einer gerechten, klimafreundlichen und nachhaltigen Ökonomie dienen und sicherstellen, dass die gesellschaftlichen Strukturen, insbesondere die sozialen Sicherungssysteme, krisenfest aufgestellt sind. Der Bedarf an Unterstützung ist größer denn je. 

Prof. Dr. h. c. Cornelia Füllkrug-Weitzel
Präsidentin
Brot für die Welt
Evangelisches Werk für Diakonie und Entwicklung e. V.
Caroline-Michaelis-Str.1 | 10115 Berlin

Ansprechpartnerin:
Kristina Schoger
Persönliche Referentin der Präsidentin
Telefon: 030 65211-1847
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Bild der Zeitschrift "Briefe. Zur Orientierung im Konflikt Mensch – Erde", Nr. 136, Herbst 2020:
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1 Pfarrerin Prof. Dr. h. c. Cornelia Füllkrug-Weitzel (MA) ist Präsidentin von Brot für die Welt im Evangelischen Werk für Diakonie und Entwicklung e. V. in Berlin.

Corona-Pandemie und Klimaschutz1

Anregungen zur Diskussion

von Volker Teichert2, Hans Diefenbacher3, Oliver Foltin4


1. Einleitung

Bereits heute ist absehbar, dass Covid-19 die Welt verändert hat und noch weiter verändern wird. Die Konsequenzen einer ungezähmten Ausbreitung des Virus sind so dramatisch, dass viele Gesellschaften zunächst einmal bislang nicht für möglich gehaltene Veränderungen und Einschränkungen ihres alltäglichen Lebens hinnehmen. Finanzminister sind ihrerseits bereit, Milliardensummen für die Dämpfung der Folgen für die Wirtschaft und für die Konsumentinnen und Konsumenten bereitzustellen, mit noch nicht absehbaren Folgen, die vor allem in mittel- und langfristiger Perspektive überhaupt nicht zu prognostizieren sind. Ob daraus eine gemeinsame Aktion wenigstens in Europa werden kann, wo es sich doch in Wirklichkeit um eine globale Pandemie handelt, ist bislang noch nicht gewiss.

Es ist auch noch viel zu früh, um alle diese Maßnahmen zu bewerten. Viele Menschen haben aber mittlerweile begonnen, über Wege aus der Krise nachzudenken. Wer durch die Krise nicht ganz die Hoffnung auf eine lebenswerte Zukunft verliert, der muss das auch tun. Und es ist auch verständlich, dass jede und jeder zuallererst in der Perspektive seiner Welt, in der Perspektive der Themen, die sie oder ihn bislang umgetrieben haben, versucht zu begreifen, was die Corona-Krise dafür bedeutet und wie sie zu den Problemen ins Verhältnis zu setzen ist, die uns seit vielen Jahren beschäftigen. Wir machen im folgenden Text im Grunde auch nichts anderes: Wir versuchen, die Klimakrise und die Corona-Pandemie in Beziehung zu bringen und mögliche Kriterien zu nennen, aus denen sich vorsichtig Schlussfolgerungen für weiteres Handeln ableiten und zur Diskussion stellen lassen. Im Angesicht des Ausmaßes der Corona-Krise erscheinen Fragen des Klimaschutzes zunächst zu Recht von zweitrangiger Bedeutung. Die Versuche, diese Krise zu bewältigen, haben zu einem Bruch der hergebrachten wirtschaftlichen Entwicklung geführt, zu einer Unterbrechung vieler Gewohnheiten. Aber das nun begonnene vorsichtige Wiederaufnehmen der wirtschaftlichen Aktivitäten könnte verbunden werden mit einer neuen „Nachdenklichkeit“ – in Anlehnung an den Philosophen Hans Blumenberg5 –, in der auch die Strukturen der bislang unmäßigen Vernutzung der Welt nicht mehr als Selbstverständlichkeit gelten.

2. Corona-Pandemie und Klimakrise als globale Phänomene

Immerhin fast 60 Prozent aller Bundesbürger sind der Meinung, dass die langfristigen Auswirkungen der Klimakrise gravierender sind als die der Corona-Pandemie (siehe Abb. 1). Interviewt wurden in einer repräsentativen Befragung der forsa – Gesellschaft für Sozialforschung und statistische Analysen mbH, Berlin rund 1.000 Bundesbürgerinnen und -bürger ab 14 Jahren.6

Bild der Zeitschrift "Briefe. Zur Orientierung im Konflikt Mensch – Erde", Nr. 136, Herbst 2020:
Abb. 1: Welche Krise hat langfristig gesehen die größeren Auswirkungen? DBU-Umweltmonitor Corona-Folgen, Deutsche Bundesstiftung Umwelt 2020 © DBU/forsa
Abb. 1: Welche Krise hat langfristig gesehen die größeren Auswirkungen? DBU-Umweltmonitor Corona-Folgen, Deutsche Bundesstiftung Umwelt 2020 © DBU/forsa

Die in der Umfrage deutlich gewordenen Befürchtungen hinsichtlich der Bewältigung der Klimakrise teilen wir, denn während sich die Corona-Pandemie durch ein national verändertes politisches, medizinisches und Verhaltens-Szenario kontrollieren und eindämmen lässt, sind in der Klimakrise weltweite Vereinbarungen notwendig. An dieser Stelle seien nur das Abholzen des Regenwaldes in Brasilien, die Erwärmung der Weltmeere, der Anstieg des Meeresspiegels und der tauende Permafrostboden in Sibirien erwähnt. Wir setzen also den vorsichtigen Optimismus voraus, dass sich die Corona-Krise bewältigen lassen wird, wenn auch mit sehr großen Belastungen und Opfern. Freilich wird es eine „Welt nach Corona“ geben, in der sich herausstellen wird, dass alle Probleme, die wir „vor“ Corona hatten, noch immer in mehr oder minder unveränderter Form da sein werden. Corona hat die Sichtweisen auf bestimmte Perspektiven teilweise gestärkt, teilweise aber deutlich verändert:7

  • Sowohl die Corona- als auch die Klima-Krise sind globale Phänomene, von denen die ärmsten Länder und vor allem die ärmsten Bevölkerungsschichten am stärksten betroffen sind. 
  • Klimaschutz und ein gutes Gesundheitswesen laufen immer Gefahr, auf freien Märkten „zu teuer“ zu erscheinen und deswegen fast automatisch zu wenig Ressourcen zu bekommen.
  • Die Corona-Pandemie hat eine Neubewertung von Arbeitsplätzen und
    -verhältnissen zur Folge, die sich jetzt in der begleitenden Wirtschaftskrise als besonders kritisch erweisen.
  • Betriebswirtschaftliche Einsparungen und der Abbau von „Über“-Kapazitäten mögen die Wettbewerbsposition einzelner Akteure kurzfristig verbessern, bergen jedoch ganz erhebliche volkswirtschaftliche Gefahren. 
  • Lieferketten können umso leichter reißen, je länger und je komplizierter sie aufgebaut sind.
  • Auch im Blick auf Globalisierung kann es ein „Zuviel“ geben, das wichtige Funktionszusammenhänge gefährden kann.

3. Reduktion der wirtschaftlichen Aktivitäten

Wir haben oben bereits angedeutet, dass die meisten Menschen im Zuge der Gestaltung von Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie zu noch nie dagewesenen wirtschaftlichen Einschränkungen bereit waren. Hier endet aber auch schon die Parallelität der Betrachtung, denn wir könnten als Gedankenexperiment kaum annehmen, wegen des Klimaschutzes würden weltweit wirtschaftliche Aktivitäten heruntergefahren – so wie wir das als Folge des Coronavirus erlebten und immer noch erleben. Allerdings sehen wir auf einmal, was alles möglich wäre. Nicht, dass wir meinen, diese Maßnahmen müssten auch alle für den Klimaschutz eingesetzt werden. Nur zeigt es uns, dass sich die Staatengemeinschaft, wie auf der UN-Klimakonferenz von Paris 2015 (COP21) begonnen, energische Ziele setzen könnte, um die CO2-Emissionen rasch zu reduzieren. Seit Ende Februar 2020 sind vor allem die direkten CO2-Emissionen als Folge der Schließung beziehungsweise des Herunterfahrens der wirtschaftlichen Produktion dramatisch gesunken. Der private Verkehr hat in Deutschland um mindestens ein Drittel abgenommen. Parallel sank die Schadstoffbelastung auch durch den drastisch reduzierten Flugverkehr, ebenso brach der Kohleverbrauch von Kraftwerken ein, und die Nachfrage nach Öl sank trotz eines beginnenden Preiskrieges zwischen der Organisation Erdöl exportierender Länder (OPEC), Russland und den USA Anfang April 2020 um rund ein Drittel.

Diese Folgen der Corona-Pandemie werden natürlich nicht von Dauer sein. Wir sehen jetzt, dass die Regierungen nach der ersten Überwindung weltweit die Wirtschaft ankurbeln, um den Verlust durch die Krise wettzumachen. Das wird sich auch für die bundesdeutsche Situation bemerkbar machen. Generell sind zwei Wege denkbar: 

  • eine nahezu bedingungslose Wachstumsorientierung zum Ausgleich der mit Sicherheit nun eintretenden Rezession oder
  • ein Umsetzen der oben genannten Erkenntnisse beim Wiederaufnehmen wirtschaftlicher Aktivitäten, das heißt, Vorrang für Gesundheitswesen und Klimaschutz, Rückbau der Globalisierung durch bewussten Erhalt und Wiederaufbau nationaler und regionaler Produktionskapazitäten.

Die Kernfrage ist also, ob die milliardenschweren Rettungspakete für die Wirtschaft ausschließlich zur Rettung einer im Grunde überholten und äußerst verletzbaren Wirtschaftsstruktur eingesetzt werden oder ob sie, statt die althergebrachten Ideen lediglich zu wiederholen, als Prüfstein für die Gewährung von Förderungen eines zukunftsfähigen Umbaus der Wirtschaft dienen.

4. Ansätze für den Umwelt- und Klimaschutz

Genauso wie das Coronavirus sind die Treibhausgasemissionen für das bloße Auge unsichtbar. Auch die Auswirkungen des damit verbundenen Klimawandels sind bislang nur indirekt sichtbar und teilweise erscheinen sie bislang geradezu abstrakt. Den Klimawandel erlebt die hiesige Bevölkerung weniger als Bedrohung, zeigen sich die direkten Konsequenzen zu einem großen Teil doch erst in Jahrzehnten und sind für uns gegenwärtig Lebende, vor allem in den Industrieländern, bislang keine existenzielle Bedrohung wie in den Ländern des Südens oder in einigen pazifischen Inselstaaten. Doch wir müssen den Klimawandel genauso ernst nehmen wie das Virus, auch wenn die Klimafolgen erst künftige Generationen mit voller Härte treffen werden. 

Was sind daraus für Schlussfolgerungen für den Umwelt- und Klimaschutz zu ziehen?

  • Erstens sollte uns allen deutlich geworden sein, dass wir auch den Klimaschutz nicht umsonst bekommen werden, sondern dass es Einschränkungen nach sich ziehen wird, wenn wir die Klimaschutzziele – eine Reduzierung der Treibhausgase um 95 Prozent bis 2050 – erreichen wollen. Es wird nicht ausreichen, lediglich mit ein paar technischen Effizienzmaßnahmen die CO2-Emissionen zu verringern. Denn angesichts des heutigen, über den gesamten Globus verteilten Produzierens und Konsumierens kann es nicht nur zu Versorgungsengpässen kommen, sondern es ist dafür auch ein gewaltiger Transportaufwand notwendig. Begründung für solche Transportwege ist dann oftmals der Hinweis, dass das Produkt auf diese Weise ein paar Cent billiger wäre. Die sozialen oder ökologischen Folgekosten werden dabei allerdings zum großen Teil nicht mit einberechnet. Wenn wir also aus der Corona-Krise etwas lernen wollen, ist es, die Produktion wieder stärker zu regionalisieren und die Globalisierung zu begrenzen. Welche Bedürfnisse gibt es in einer bestimmten Region? Lassen sich diese Bedürfnisse mit regional vorhandenen Ressourcen befriedigen? Wie geht die Politik mit diesen Fragen um? Ist sie bereit, lokale und regionale Strukturen zu fördern?
  • Es sollte, zweitens, darauf geachtet werden, dass die bereits beschlossenen Maßnahmen zum Klimaschutz aus dem Klimapaket von Dezember 2019 angesichts der Corona-Krise weiter umgesetzt werden. Für viele der beschlossenen Instrumente, die schon bei ihrer Verabschiedung nicht unumstrittenen waren, wird in der gegenwärtigen Corona-Krise gefordert, sie wieder rückgängig zu machen. Doch gerade die im vergangenen Jahr beschlossenen Maßnahmen dienen dazu, bis 2030 die CO2-Emissionen um 55 Prozent zu reduzieren. Als Maßnahmen werden ab 2021 Benzin, Diesel, Heizöl und Erdgas mit 25 Euro je freigesetzter Tonne CO2 belastet, bis 2025 wird der Preis schrittweise auf 55 Euro angehoben. Parallel werden die Kosten von Strom leicht sinken. Gefördert wird auch der Austausch von Ölheizungen gegen klimafreundlichere Heizsysteme. Wenn wir die Klimaziele 2020 kurzfristig nun wahrscheinlich dennoch erreichen, so liegt es ausschließlich an dem durch Corona bedingten Rückgang von Produktion und Konsum und nicht an der Umsetzung von klimapolitischen Maßnahmen. 
  • Drittens beinhaltet zwar das Anfang Juni 2020 verabschiedete Konjunkturprogramm, das zur Sicherung und Wiederbelebung der Wirtschaft verabschiedet wurde, in einzelnen Punkten durchaus Aspekte zum Klimaschutz.8 Aber man merkt diesem Programm an, dass es nicht langfristig durchdacht ist, sondern kurzfristig quasi aus der Not geboren wurde. Es fehlen etwa finanzielle Mittel für die energetische Gebäudesanierung. Aber insbesondere hier sollten vor allem verstärkt Effizienzmaßnahmen in Bestandsgebäuden, die 20 Jahre und älter sind, realisiert werden. Bislang liegt die Sanierungsquote bei nur etwa einem Prozent pro Jahr. Notwendig ist daher ein radikaler Wandel, um einen klimaneutralen Gebäudebestand bis zum Jahr 2050 zu erreichen, also Gebäude, die nicht mehr Energie verbrauchen, als sie durch erneuerbare Energien selbst erzeugen. Das im Konjunkturpaket verabschiedete CO2-Gebäudesanierungsprogramm dient vorrangig zur energetischen Sanierung kommunaler Gebäude und zur Förderung von Klimaanpassungsmaßnahmen in sozialen Einrichtungen, was auf jeden Fall zu begrüßen ist. Für den privaten Bereich scheinen indes keine zusätzlichen Finanzmittel vorgesehen zu sein. Ähnlich im Mobilitätsbereich: Auch wenn im Konjunkturprogramm von der Mobilitätswende gesprochen wird, konzentrieren sich die Maßnahmen überwiegend auf die Förderung der Elektromobilität und der Automobilindustrie (Bus- und Lkw-Flotten-Modernisierungsprogramm). Doch die Mobilität muss deutlich klimafreundlicher gestaltet werden. Dazu sollte der öffentlichen Personennahverkehr in Stadt und Land drastisch ausgebaut und mit entsprechenden flankierenden Strukturen und Maßnahmen unterstützt werden: etwa durch die Aufnahme entsprechender Sharing-Angebote, den großzügigen Ausbau von Fuß- und Radwegen und den Rückbau von Wegen für den motorisierten Individualverkehr. Darüber hinaus sollten verschiedene Arten von Verkehrsdienstleistungen in einem einzigen Mobilitätsdienst vereinigt werden. Mit rund 130 Milliarden Euro wurde das teuerste Konjunkturpaket aller Zeiten auf den Weg gebracht, doch die Frage bleibt, was passiert, wenn es im Winter 2020/21 nochmals zu einem „Shutdown“ kommen sollte. Danach könnte es wohl kaum erneut ein Programm in dieser Dimension geben. Die große Koalition hat mit diesem Konjunkturpaket bereits weitgehend ihr wirtschaftliches Potenzial verausgabt. Ein zweites Mal wird angesichts der ökonomischen Belastungen, die wir bereits mit diesem Programm den nächsten Generationen übereignen, kaum möglich sein.
  • Viertens müssen wir es uns zur Aufgabe machen, die vielen kirchlichen und kommunalen Klimaschutzmanagerinnen und Klimaschutzmanager in ihren Aufgaben zu unterstützen und zu stärken. Es darf nicht passieren, dass deren Arbeit jetzt als Folge von Covid-19 an Bedeutung verliert, weil wir „zuerst“ die Wirtschaft ankurbeln müssen. Gerade in der jetzigen Zeit wäre es wichtig, dass sich die Klimaschutzverantwortlichen vor Ort mit der Frage auseinandersetzten, welche Maßnahmen zur Stützung und Neubelebung der Wirtschaft in der Zukunft mit klima- und umweltpolitischen Aspekten versehen werden könnten. 
  • Fünftens werden neue politische Vorgaben und die Folgen der Corona-Krise dazu führen, dass manche Länder in Zukunft weniger Rohstoffe an Handelspartner wie Deutschland liefern. Maßnahmen, die den Ressourcenschutz fördern, sucht man vergeblich im Konjunkturpaket zu Corona. Ebenso sind Impulse für eine Kreislaufwirtschaft nicht enthalten, obwohl sich hier viele zukunftsfähige Arbeitsplätze schaffen ließen. Die Einsparung von Rohstoffen und der vermehrte Einsatz von Sekundärrohstoffen sollte aber mehr als bisher im Fokus des wirtschaftlichen Denkens stehen. Nehmen, herstellen, wegwerfen – das gehört zur Vergangenheit. Ähnlich wie beim Klimawandel ist diese Diskussion nicht neu; bereits 1991 hat die Bundesregierung in ihrem Jahreswirtschaftsbericht gefordert: „Alle Beteiligten müssen in Zukunft mehr Mitverantwortung für die von ihnen hergestellten, in den Verkehr gebrachten oder genutzten Produkte über den gesamten Lebenszyklus hinweg übernehmen.“9
  • Sechstens macht uns die Corona-Pandemie bereits bestehende Erkenntnisse in einer anderen Perspektive deutlich: Wir sind mit dem „Modell Deutschland“ an Grenzen gestoßen, auch wenn es das Modell der bundesdeutschen sozialen Marktwirtschaft annimmt. Wie ein anderes Wirtschaften in der Zukunft aussehen könnte, sollte daher gesamtgesell-schaftlich diskutiert werden.

5. Wachstum bis zum Ende als „Weltverbrauch“ oder Kriterien für eine Wirtschaft der Zukunft

5.1 Wachstumsgrenzen

Auch wenn es zunächst paradox anmutet, so wird es angesichts der Corona-Krise erforderlich sein, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, wie wir nicht wieder in einen als unvermeidlich apostrophierten Wachstumsfetischismus geraten wollen. Denn wir sehen ja zunächst, dass der Einbruch bei den Wachstumsraten des Bruttoinlandsprodukts mit einer Abwärtsbewegung verbunden ist, die als Folge der verordneten Schließungen von sozialen Verwerfungen bis hin zu dramatischen Verschlechterungen der allgemeinen Lebensbedingungen reicht: Arbeitslosigkeit, Kurzarbeit und finanzielle Einbußen sind die unmittelbaren Folgen. Nach Ende der Pandemie ist dann, wie bereits prognostiziert, mit einem deutlichen Ansteigen der Wachstumsraten zu rechnen, vor allem, weil die bis dato fast brach liegenden Unternehmen ihre Produktion wieder anfahren werden. Das wird als rettend, als Rückkehr zur Normalität wahrgenommen werden. Nur sollte uns das dazu ermutigen, die Frage aufzuwerfen, wie das Wachstum der Zukunft genau aussehen soll. Nicht jedes Wachstum trägt auch dazu bei, dass Beschäftigung entsteht („jobless growth“). Im schlimmsten Fall könnte Wachstum nach einer Krise dazu führen, dass die Beschäftigung, die vor der Krise bestand, abgebaut wird („joblost growth“). Der Wiederanfang nach dem Bruch durch die Corona-Krise sollte zu einem wirklichen Neubeginn führen und die Wirtschaft auf die zukünftigen Herausforderungen vorbereiten, die es durchaus gibt. Besonders die skandalösen Verhältnisse in der Fleischindustrie, die durch die Corona-Pandemie deutlich hervorgetreten sind, sollten dazu Anlass geben, unseren bisherigen Fleischkonsum zu überdenken. Aber an dieser Stelle sollten wir nicht stehenbleiben, sondern unseren gesamten Umgang mit Nahrungsmitteln hinterfragen. Zwar spricht einiges dafür, dass der Ökolandbau von der Corona-Krise profitieren könnte, denn die Verbraucherinnen und Verbraucher werden auch weiter beim Einkauf verstärkt auf Herkunft und Qualität der Produkte achten.10 Doch nach wie vor werden in Deutschland nur knapp neun Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche nach ökologischen Kriterien bewirtschaftet, während es in Österreich bereits 26 Prozent sind. Gemäß der Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung soll der Anteil des Ökolandbaus bis 2030 gerade einmal auf 20 Prozent steigen. „50 % weniger Abfälle und Verschwendung […] würden theoretisch bereits genügen, um in Deutschland den Ökolandbau bis auf 60 % der landwirtschaftlichen Nutzfläche auszudehnen, ohne Verlagerungseffekte zu verursachen. Eine Senkung der Kraftfutterproduktion auf Ackerflächen und damit eine Reduktion tierischer Produkte in der Ernährung würde zusätzliche Möglichkeiten für die Ausdehnung des Ökolandbaus oder anderer Ökologisierungsstrategien schaffen.“11

Des Weiteren ist auch die Automobilindustrie nicht auf die Zukunft vorbereitet – wie die Reaktionen von Unternehmensvertretern und der IG Metall in der Corona-Pandemie gezeigt haben. Anstatt Zukunftskonzepte zur Mobilität vorzulegen, wird reflexartig auf die Verbrennungstechnologie gesetzt, und es wurde gehofft, dafür doch noch entsprechende Fördermittel zu erhalten. Gleiches gilt im Übrigen auch für die Luftfahrtindustrie, die jetzt zwar finanziell durch staatliche Unterstützung am Leben gehalten wird, aber keine klimabedingten Zukunftskonzepte entwickelt hat. In der Energiewirtschaft werden in Zeiten von Corona noch Kohlekraftwerke in Betrieb genommen, womit wiederum versucht wird, „alte“ Technologien auch im 21. Jahrhundert weiter zu nutzen. Die Liste ließe sich weiter fortsetzen. Was fehlt, sind für die Zukunft nachhaltige Wirtschaftskonzepte in einzelnen Branchen.

5.2 Förderung der Geschlechtergerechtigkeit durch ein lebensphasenspezifisches Grundeinkommen

Um eine möglichst ausgewogene dualwirtschaftliche Entwicklung von formeller und informeller Ökonomie zu erreichen, sollte der Umstand, wonach formelle Erwerbsarbeit eindeutig bevorzugt wird, in eine andere Richtung gelenkt werden. Dazu bedarf es aber einer sozialpolitischen Neugestaltung auf bislang kaum eingeschlagenen Pfaden. Doch sollte es gelingen, ein Kooperationssystem aufzubauen, in dem die verschiedenen sozialpolitischen Träger miteinander verknüpft werden und deren Andersartigkeit anerkannt wird, könnte der informelle Bereich unseres Wirtschaftssystems – wie Hausarbeit, Kinderbetreuung sowie Betreuung von kranken und alten Personen – grundlegend gestärkt werden. Ein solches Kooperationssystem darf aber nicht dazu genutzt werden, professionelle Leistungen abzubauen. Es muss vielmehr gefragt werden, welche Angebote jeweils am besten durch eine bestimmte Verbindung von Akteuren erbracht, finanziert und übermittelt werden können.

Wenn ein anderes Verständnis von den Tätigkeiten in der informellen Ökonomie erreicht werden soll, sind sie gesellschaftlich auch anzuerkennen und durch ein lebensphasenspezifisches Grundeinkommen abzusichern. Dabei darf aber nicht der Fehler gemacht werden, Frauen wieder auf ihre Rolle im privaten Haushalt festzulegen. Vielmehr sollten beide Bereiche, nämlich die formelle Erwerbs- und die informelle Bedarfswirtschaft, für Frauen und Männer offen sein. Die Corona-Pandemie dürfte uns vor Augen geführt haben, dass in dieser Krise vor allem Frauen wieder in ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter gefordert waren, um die Betreuung der Kinder zu sichern. Daran wird aber eigentlich nur deutlich, dass es in der Vergangenheit nicht gelungen ist, Männer gleichermaßen in den privaten Haushalt zu integrieren. Nach wie vor leisten Frauen immer noch mehr Hausarbeit als Männer.12 Was die Verteilung der Kinderbetreuung im Haushalt angeht, übernehmen durch die Schließung von Schulen und Kindertageseinrichtungen in der Hälfte der Fälle Frauen alleine die Kinderbetreuung und in je einem Viertel wird die Betreuung entweder von beiden Partnern oder nur vom Mann übernommen.13 In der Corona-Pandemie hat sich also die Aufteilung der Kinderbetreuung nicht entscheidend verändert, sodass von einer Enttraditionalisierung in der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung nicht die Rede sein kann. Es war mit ihr bereits vor Corona nicht zum Besten bestellt, nur wurde das durch den Ausbau der Ganztagsbetreuung in Kinderkrippen, Kindertagesstätten und Schulhorten überdeckt.

5.3 Vielfalt von Arbeitszeitmodellen

Weiter zeigt sich in der gegenwärtigen Corona-Pandemie, dass Arbeiten auch anders erfolgen kann als durch permanente Anwesenheit am Arbeitsplatz. Auch an diesem Punkt hat sich gezeigt, dass Strukturen plötzlich möglich sind, die jahre- bis jahrzehntelang einfach als undenkbar abgetan wurden. Dies könnte vor allem mit Blick auf Klimaschutz eine wichtige Erkenntnis sein. Nicht nur sind die Staus im beruflichen Morgen- und Abendverkehr zurückgegangen, sondern auch Lärm- und Stickoxidbelastungen nahmen deutlich ab. Bei den Arbeitszeiten gilt es, zwei Aspekte zu betrachten: Einerseits sollte die Teilzeitarbeit – wie in den Niederlanden und Skandinavien – auch in Deutschland primär für qualifizierte Tätigkeiten und auch für Männer attraktiver gemacht werden. Arbeiten in der informellen Ökonomie (Kinderbetreuung, Betreuung der Eltern und Schwiegereltern sowie ehrenamtliche Tätigkeiten) müssen bei der Karriere ebenso berücksichtigt werden wie die Erwerbsarbeit in der formellen Ökonomie. Die Teilzeitarbeit muss aus der „Schmuddelecke“ herauskommen und positiver besetzt werden. Nach wie vor ist Teilzeit eine Frauendomäne. Ebenso ist Teilzeit bislang ein Arbeitszeitmodell, das die Karriere eher behindert als fördert. 

Daneben könnten andererseits aber auch unterschiedliche (Lebens-)Arbeitszeitmodelle praktiziert werden, die eine größere Durchlässigkeit zwischen formeller und informeller Lebenswelt zulassen. Denkbar wäre etwa die Festlegung einer Lebensarbeitszeit in erbrachten Stunden, die jeder individuell über sein Leben verteilen kann, indem er in bestimmten Lebensabschnitten mehr und in anderen weniger arbeitet. Zur Unterstützung würde sich unter Umständen eine Kombination zwischen Grundeinkommen und alternativen Arbeitszeitoptionen anbieten.

5.4 Erprobung eines lebensphasenspezifischen Grundeinkommens

Ein wichtiges Element, das bisher noch nicht realisiert, aber in der Corona-Krise durchaus gefordert und diskutiert wurde, wie zum Beispiel sehr konkret in Spanien, betrifft die Einführung eines Grundeinkommens. Dadurch könnte eine deutliche Verschlankung und Vereinfachung des bisherigen Sozialleistungssystems erreicht werden. In Zeiten von Veränderungen, die durch die Digitalisierung und die „Industrie 4.0“ ausgelöst wurden und sich in Zukunft wohl noch beschleunigen werden, böte das Grundeinkommen den Menschen die nötige Sicherheit, um mit größerer Zuversicht in die Zukunft schauen zu können. Dies wiederum würde die Kreativität und den Unternehmergeist fördern, die notwendig sind, um die anstehenden Herausforderungen nach Corona zu meistern. Ebenso würde das Grundeinkommen eine Verschiebung von formellen zu informellen Tätigkeiten erleichtern. Insgesamt erhielten gerade informelle Tätigkeiten im Bereich Care-Arbeit durch ein Grundeinkommen eine größere Anerkennung als bislang. Der momentan auf Erwerbsarbeit fokussierte Blick würde durch diese dann auch entgeltliche Honorierung der informellen Arbeit geweitet. Insgesamt würden alle, die momentan finanziell abhängig sind, durch ein Grundeinkommen an Unabhängigkeit gewinnen.

6. Schlussbemerkungen

Die Corona-Pandemie ist vielleicht das bisher einschneidendste gesellschaftliche Ereignis, dessen Herausforderungen sich die globale Gesellschaft seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges stellen muss. Sie trifft uns zu einer Zeit, in der zumindest wir in Deutschland zu einem guten Teil in einer trügerischen Bequemlichkeit lebten. Nicht wenige von uns haben die Annehmlichkeiten ihres Lebens genossen und die Notwendigkeit einer Änderung des Wirtschaftsstils zur Erreichung der Klimaziele verdrängt oder vor sich hergeschoben. Nun ist die Corona-Pandemie über uns gekommen, die tiefgreifende Veränderungen der Gesellschaft in kürzester Frist erfordert hat. Dass dies weitgehend in großer Solidarität möglich war und ist, erfüllt uns mit Zuversicht, dass in Zukunft auch die längerfristigen Klimaziele in unserer Gesellschaft die notwendige Aufmerksamkeit erreichen können. Einige Eckpunkte, wie dies ermöglicht werden kann, hat der vorliegende Text zur Diskussion gestellt.

7. Quellenverzeichnis

  • Blumenberg, Hans 1980: Nachdenklichkeit. Dankrede. In: Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung (Hrsg.): Jahrbuch 1980 Zweite Lieferung. Heidelberg, Lambert Schneider: 57–61.
  • Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (Hrsg.) 2020: Wie wirkt sich die Corona-Krise auf den Ökolandbau aus? https://www.oekolandbau.de/landwirtschaft/biomarkt/corona-krise-eine-chance-fuer-den-oekolandbau/ (aufgerufen 12.06.2020).
  • Deutsche Bundesstiftung Umwelt (Hrsg.) 2020: DBU-Umweltmonitor: Bürger halten Klima-Krise langfristig für gravierender als Corona-Krise. https://www.dbu.de/123artikel38644_2362.html (aufgerufen 12.06.2020).
  • Haller, Lisa/Moakes, Simon/Niggli, Urs/Riedel, Judith/Stolze, Matthias/Thompson, Michael 2020: Entwicklungsperspektiven der ökologischen Landwirtschaft in Deutschland. UBA-Texte 32/2020, Dessau, Umweltbundesamt.
  • Hobler, Dietmar/Klenner, Christina/Pfahl, Svenja/Sopp, Peter/Wagner, Alexandra 2017: Wer leistet unbezahlte Arbeit? Hausarbeit, Kindererziehung und Pflege im Geschlechtervergleich. Aktuelle Auswertungen aus dem WSI GenderDatenPortal, WSI Report Nr. 35.
  • Kohlrausch, Bettina/Zucco, Aline 2020: Die Corona-Krise trifft Frauen doppelt. Weniger Erwerbseinkommen und mehr Sorgearbeit. Policy Brief Nr. 40. Düsseldorf, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches Institut.
  • Möhring, Katja/Naumann, Elias/Reifenscheid, Maximiliane/Blom, Annelies G./Wenz, Alexander/Rettig, Tobias/Lehrer, Roni/Krieger, Ulrich/Juhl, Sebastian/Friedel, Sabine/Fikel, Marina/Cornesse, Carina 2020: Die Mannheimer Corona-Studie: Schwerpunktbericht zu Erwerbstätigkeit und Kindererziehung. Mannheim, Universität Mannheim.
  • Müller, Kai-Uwe/Samtleben, Claire/Schmieder, Julia/Wrohlich, Katharina 2020: Corona-Krise erschwert Vereinbarkeit von Beruf und Familie vor allem für Mütter – Erwerbstätige Eltern sollten entlastet werden. In: DIW Wochenbericht 19/2020: 332–340.
  • Peuckert, Rüdiger 2019: Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern: Geringe Beteiligung der Männer an Haus- und Familienarbeit. In: Peuckert, Rüdiger (Hrsg.): Familienformen im sozialen Wandel. 9. Auflage. Wiesbaden, Springer VS: 421–450.
  • Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (Hrsg.) 1991: Jahreswirtschaftsbericht 1991 der Bundesregierung, Bulletin 24–91, Punkt 44. https://www.bundesregierung.de/breg-de/service/bulletin/jahreswirtschaftsbericht-1991-der-bundesregierung-teil-drei-von-drei–786782 (aufgerufen 12.06.2020).
  • Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (Hg.) 2020: Konjunkturpaket. Milliardenhilfen beschlossen. https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/konjunkturpaket-geschnuert-1757558 (aufgerufen 12.06.2020).
  • Umweltbundesamt (Hrsg.) 2020: Corona Sustainability Compass. Der Wissenschaftsblog von Umweltbundesamt, Future Earth, International Science Council und Stiftung 2°. https://www.csc-blog.org/de (aufgerufen 12.06.2020).

Dr. Oliver Foltin
Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft e.V. (FEST)
Schmeilweg 5 | 69118 Heidelberg
Tel.: 06221 9122-33 | Fax: 06221 167257
| www.fest-heidelberg.de

Buchhinweis

FEST kompakt, Band 1

Benjamin Held, Thomas Kirchhoff, Frederike von Oorschot, Philipp Stoellger, Ines-Jacqueline Werkner (Hrsg.):

Corona als Riss
Perspektiven für Kirche, Politik und Ökonomie

Publiziert bei heiBOOKS, Universitätsbibliothek Heidelberg 2020
194 S., ISBN 978-3-948083-25-0 (Softcover)

Die Online-Version ist dauerhaft frei verfügbar:
https://books.ub.uni-heidelberg.de/heibooks


1 Dieser Text ist eine aktualisierte und überarbeitete Version einer Fassung, die unter dem Titel „Corona-Pandemie und Klimaschutz – einige Anregungen zur Diskussion“ bereits veröffentlicht wurde in Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik (Hrsg.): Texte und Predigten zur Corona-Pandemie, epd-Dokumentation (22), 28–33.

2 Dr. Volker Teichert, Diplom-Volkswirt, Diplom-Pädagoge, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Arbeitsbereich Nachhaltige Entwicklung der Forschungsstätte der Evangelischen Studien-gemeinschaft (FEST). Weiter ist er Prüfer für Umweltgutachter bei der Deutschen Akkre-ditierungs- und Zulassungsgesellschaft für Umweltgutachter mbH (DAU) und Mitglied des Heidelberg Center for the Environment (HCE). Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehören die Bereiche Umwelt- und Nachhaltigkeitsmanagement, Produktpolitik, Klimaschutzkonzepte sowie Bildung für Nachhaltige Entwicklung.

3 Dr. Hans Diefenbacher, Dipl.-Volkswirt, ist außerplanmäßiger Professor am Alfred-Weber-Institut der Universität Heidelberg und zudem seit seiner Pensionierung Ende 2019 weiterhin an der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST) im Arbeitsbereich Nachhaltige Entwicklung wissenschaftlich tätig. Seit 1998 ist er zudem Beauftragter des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland für Umweltfragen.

4 Dr. Oliver Foltin, Diplom-Volkswirt, ist stellvertretender Leiter der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST) und wissenschaftlicher Mitarbeiter im Arbeits-bereich Nachhaltige Entwicklung. Darüber hinaus ist er zuständig für das Projektbüro Klimaschutz der Evangelischen Kirche in Deutschland (www.projektbuero-klimaschutz.de) und Mitglied des Heidelberg Center for the Environment (HCE). Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehören die Bereiche Umwelt- und Nachhaltigkeitsmanagement, Umwelt- und Klima-schutzkonzepte sowie ethisches Investment.

5 Blumenberg 1980: 57–61.

6 Deutsche Bundesstiftung Umwelt 2020.

7 Vgl. Umweltbundesamt 2020.

8 Vgl. Presse- und Informationsamt der Bundesregierung 2020.

9 Presse- und Informationsamt der Bundesregierung 1991.

10   Vgl. Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung 2020.

11   Haller et al. 2020: 128.

12   Vgl. Hobler et al. 2017; Peuckert 2019: 421–450; Müller et al. 2020: 332–340.

13   Vgl. Möhring et al. 2020: 12–14; Kohlrausch et al. 2020: 5–8.

Die Corona-Krise – ein Katalysator für digitale Medien und das Globale Lernen

von Miriam Meir


Social distancing und globale Nähe

„Und wie ist das Leben so in Tansania?“, fragte ein Konfirmand neugierig in der digitalen Konfi-Stunde. „Im Grunde gut. Hin und wieder gibt es Schwierigkeiten, aber wo gibt es die nicht?“, antwortete Jackline Keneth Mwasekela aus Daressalam, der Hauptstadt Tansanias. Sie ist an diesem Tag zu Gast bei den Konfirmandinnen und Konfirmanden des Kirchspiels Dobien. Der Konfi-Tag zum Thema Taufe war schon lange geplant gewesen, nicht zuletzt weil einige aus der Gruppe selbst noch getauft werden wollten. Leider zog Corona dann einen Strich durch die Rechnung. Analoge Treffen waren unter diesen Umständen in der Gemeinde nicht mehr möglich. So wichen die Konfis des Kirchspiels in den digitalen Raum aus und treffen sich seither an den Konfi-Tagen zu einer Video-Konferenz über den Anbieter Zoom.

Bild der Zeitschrift "Briefe. Zur Orientierung im Konflikt Mensch – Erde", Nr. 136, Herbst 2020:
Bildschirmfoto: Video-Konferenz am Konfi-Tag zum Thema Taufe – mit Überraschungsgast aus Tansania und eingeblendetem Foto von einer Tauffeier. © Miriam Meir / Evangelische Akademie Sachsen-Anhalt
Bildschirmfoto: Video-Konferenz am Konfi-Tag zum Thema Taufe – mit Überraschungsgast aus Tansania und eingeblendetem Foto von einer Tauffeier.
© Miriam Meir / Evangelische Akademie Sachsen-Anhalt

Beim Thema Taufe stellte sich das als große Bereicherung heraus, denn nie war es leichter, Besuch aus der ganzen Welt zu empfangen. In einfachen englischen Sätzen und mit vielen Bildern erzählte die Referentin aus Tansania von Tauffeiern in ihrem Land, berichtete über unterschiedliche Konfessionen und erklärte die theologischen Hintergründe. Das Gespräch mit den Jugendlichen fiel ihr leicht, denn als Evangelistin leitet sie auch in ihrer eigenen lutherischen Gemeinde die Konfirmandenarbeit. Den Kontakt zu ihr hatte eine ehemalige Konfirmandin der Gemeinde geknüpft, die nach der Schule ein freiwilliges soziales Jahr in Tansania verbracht hatte.1

Explosion an digitaler Vielfalt

Die digitalen Konfi-Stunden im Kirchspiel Dobien sind nur ein Beispiel, wie unerwartet schnell sich der digitale Raum im Zuge der Corona-Krise in Kirche und Gesellschaft ausgebreitet hat. Seit den Einschränkungen durch die Pandemie konnte durch die Digitalisierung ein Viertel aller Tätigkeiten in Deutschland ins Home-Office verlagert werden.2 Gruppentreffen fanden vermehrt online statt und sparten Fahrtwege und die Nutzung von Büroflächen. Auch Freizeitaktivitäten sind dank Streaming und Computerspielen zunehmend in den virtuellen Raum gezogen. Obwohl parallel auch das genutzte Datenvolumen um 10 bis 20 Prozent stieg, sehen immer mehr Menschen in der Digitalisierung ein Potential für eine grüne Transformation. Während laut einer Studie des Bundesumweltministeriums von 2018 noch 33 Prozent der Befragten in der Digitalisierung eine Chance für den Umweltschutz sahen, waren es im April 2020 schon 47 Prozent.3 Bei Menschen jünger als 45 Jahren ist es sogar die Mehrheit, welche hierin eine Chance für die Gesellschaft erkennt.4

Bild der Zeitschrift "Briefe. Zur Orientierung im Konflikt Mensch – Erde", Nr. 136, Herbst 2020:
Bildschirmfoto: Ergebnis einer Live-Umfrage, vom Programm automatisch gestaltet.
Bildschirmfoto: Ergebnis einer Live-Umfrage, vom Programm automatisch gestaltet.

Ein Grund für die positiven Einschätzungen könnte auch in der wachsenden Vielfalt in der virtuellen Kommunikation liegen. Video-Konferenzen werden durch unterschiedliche Tools des kollaborativen Arbeitens ergänzt. Virtuelle Pinnwände ermöglichen es, zeitgleich von verschiedenen Orten aus Ideen zu sammeln und weiterzuspinnen, und durch Live-Umfragen können vielseitig gestaltete Stimmungsbilder erstellt werden (s. Abb. oben). In all ihrer Pluralität zeigen die neuen Werkzeuge Wege des interaktiven Arbeitens, welche analog nicht oder nur eingeschränkt möglich waren. Das Hochschulforum Digitali-
sierung hat darum als Ergebnis einer Community-Umfrage eine breite Übersicht an digitalen Tools für die Arbeit und Lehre gesammelt und online veröffentlicht.5 Als Think Tank sieht es seine Aufgabe darin, Impulse zur Nutzung digitaler Medien zu geben und Akteure aus Hochschulen, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zu beraten und zu vernetzen.

Globales Lernen mit digitalen Medien

Globales Lernen ist der Versuch, pädagogische Antworten auf komplexe Globalisierungsprozesse zu finden. Die Lernenden stellen sich globalen Zusammenhängen, bewerten sie und entwickeln eigene Lösungsansätze. Seit der Pandemie findet auch das Globale Lernen vorwiegend am Computer statt. Dabei konstatierten Schrüfer und Brendel bereits 2018, dass sich Globales Lernen und digitale Medien gegenseitig bedingen.6 Einerseits haben digitale Medien eine herausragende Bedeutung mit Blick auf globale Herausforderungen. Durch neue Informations- und Kommunikationstechnologien kann es gelingen, mehr Menschen freien Zugang zu Wissen und Bildung zu ermöglichen. Auf der anderen Seite sind es insbesondere die Kompetenzen des Globalen Lernens, welche durch die Nutzung digitaler Medien gestärkt werden. Basierend auf einem konstruktivistischem Lernverständnis erlauben sie es, die Lernenden in den Mittelpunkt zu stellen. Sie geben ihnen Raum, ihre Wirklichkeit darzustellen und kooperativ und kreativ neue Lösungsansätze zu finden und zu erproben. Darum argumentieren die Herausgeberinnen des Sammelbandes „Globales Lernen im digitalen Zeitalter“, dass es im Einsatz neuer Technologien letztlich nicht darum gehe, „einzelne Medien durch Apps zu ersetzen, die unter Umständen einen – wie auch immer definierten – Mehrwert bieten, sondern ein neues Lernverständnis bzw. eine neue Lernkultur zu entwickeln, die sowohl über das Paradigma nachhaltiger Entwicklung gefordert werden als auch über den Einsatz digitaler Medien im Unterricht.“7 So werden mit digitalen Medien anfangs lediglich analoge Lernprozesse ersetzt. Nach und nach ergeben sich jedoch funktionale Verbesserungen. Und letztlich ermöglichen die neuen Medien Prozesse der Interaktion und Partizipation, welche vorher nicht ersichtlich waren und welche rein analog nicht zu gewährleisten wären. Um Globales Lernen unter den derzeitigen Bedingungen möglichst konstruktiv zu gestalten, hat das Eine Welt Netz NRW e. V. für Multiplikatorinnen und Multiplikatoren einen Leitfaden mit Empfehlungen für Online-Veranstaltungen herausgebracht.8

Perspektivenwechsel leicht gemacht

Bild der Zeitschrift "Briefe. Zur Orientierung im Konflikt Mensch – Erde", Nr. 136, Herbst 2020:
QR-Code: Nakate, Vanessa (2020): „Why Climate Activism? True Stories With Vanessa“, Podcast, online: https://anchor.fm/whyclimateactivism [22.07.2020].

Die größte Chance der derzeitigen Situation liegt jedoch vor allem in dem vereinfachten Perspektivwechsel. Das konnten auch die Teilnehmenden am bundesweiten Kongress „WeltWeitWissen 2020“ zum Globalen Lernen und Bildung für nachhaltige Entwicklung erfahren. Dieses Jahr sollte die Veranstaltung ohnehin unter dem Motto „Digitalisierung und Globales Lernen“ stehen. Da war es nur eine logische Konsequenz, dass die für mehrere Hundert Teilnehmende organisierte Tagung spontan in den virtuellen Raum umzog. Vorträge, Diskussionen und Workshops fanden in Videokonferenzen statt. In Chat-Roulettes wurden die Teilnehmenden zufällig miteinander verbunden, konnten in den Austausch treten und sich vernetzen. Auch für den Spaßfaktor war mit Yoga-Einheiten und Kochkursen ausreichend Sorge getragen. Das Highlight der digitalen Veranstaltung waren jedoch die Referentinnen und Referenten, welche zu dem besonderen Event nun weltweit zugeschaltet wurden. Analog wäre dies aus finanziellen und ökologischen Gründen nicht möglich gewesen. So ergab es sich, dass die Klimaaktivistin Vanessa Nakate live aus Uganda einen Keynote-Vortrag hielt. Sie berichtete von ihrem Engagement im Rahmen der „Fridays For Future“-Bewegung. Anders als in den hiesigen Diskursen betonte sie, dass die Schäden des Klimawandels in Uganda nicht nur eine Sorge der Zukunft seien. Anhand einer Vielzahl von praktischen Beispielen zeigte sie, wie Menschen in ihrer Umgebung heute schon unter den gravierenden Auswirkungen leiden. Darum möchte sie in ihrem Podcast Klimaaktivistinnen und -aktivisten mit vielschichtigen Perspektiven das Wort schenken und ihren Stimmen weltweit Gehör verschaffen (s. QR-Code).9 Einmal mehr wurde durch den Austausch deutlich, wie außerordentlich wichtig es ist, gemeinsam Verantwortung zu übernehmen und global an einem Strang zu ziehen.

Leaving no one behind10

Doch bei all der Euphorie an neuen Möglichkeiten und Vernetzungen bringt der Wandel auch Herausforderungen mit sich. Groß ist die Gefahr, dass die hohe Nutzung digitaler Medien vor allem Menschen abhängt, die schon vor der Corona-Krise benachteiligt waren. Lange nicht jeder deutsche Haushalt verfügt über die nötige technische Ausrüstung, um die gewohnten Tätigkeiten spontan in den virtuellen Raum zu verlegen. Besonders Schülerinnen und Schüler ohne geeignete Geräte bekommen das zu spüren. Für sie ist es unter den gegenwärtigen Bedingungen besonders schwer, mit ihren Altersgenossen mitzuhalten. Hier bedarf es der besonderen Unterstützung durch Politik und Gesellschaft. Auch die einleitend vorgestellte globale Begegnung in der digitalen Konfi-Stunde war leider nur einseitig möglich. Die Konfirmandinnen und Konfirmanden aus Tansania konnten ihre Treffen nicht so ohne Weiteres in den virtuellen Raum verlegen. Internet und die nötige Technik sind unter den tansanischen Jugendlichen nicht so einfach zu erwarten. 

Nicht zuletzt führt die Corona-Krise zu dem erhöhten Druck, sich digital neu auszurüsten, und die Nachfrage nach geeigneter Technik steigt rasant. Vor diesem Hintergrund gewinnt die Wertschöpfungskette digitaler Geräte an Bedeutung und mit ihr die Situation der Menschen und der Naturräume, die zu ihr beitragen. Mitunter sind es auch Kinder und Jugendliche, die unter den Produktionsbedingungen für digitale Geräte und deren Verschrottung unverhältnismäßig stark leiden. All das in den Blick zu nehmen, ist Teil des Globalen Lernens. All das muss jetzt – und gerade jetzt – verstärkt thematisiert und offline wie online in die Diskurse eingebracht werden. Darum liegt es im Besonderen am Globalen Lernen, den digitalen Wandel zu nutzen und mitzugestalten.

Zusammenfassung und Ausblick

Die Corona-Krise dient als Katalysator für digitale Medien und das Globale Lernen. Die wachsende Vielfalt an Tools führt zu interaktiven und partizipativen Arbeits- und Lernprozessen, welche die Kompetenzen des Globalen Lernens fördern. Schnell hat sich gezeigt, dass die Grenzenlosigkeit des virtuellen Raums enorme Potenziale für die Weltgemeinschaft mit sich bringt. Plötzlich ist es so einfach wie nie, in den globalen Austausch zu treten und durch einen Perspektivwechsel zu lernen. Auf der anderen Seite birgt die boomende Digitalisierung auch gravierende Gefahren, nicht zuletzt aufgrund der erhöhten Nachfrage nach Technik. Da scheint es wichtiger denn je, das Globale Lernen zu stärken und den facettenreichen Prozess von verschiedenen Seiten zu beleuchten. Denn nur mit einem starken Willen zu Inklusion und globaler Verantwortung kann die derzeitige Krise auch zu einem Katalysator für weltweite Gerechtigkeit werden. 

Bild der Zeitschrift "Briefe. Zur Orientierung im Konflikt Mensch – Erde", Nr. 136, Herbst 2020:
QR-Code: https://junge-akademie-wittenberg.de/konfis-global

Weitere Beiträge zu Globalem Lernen in der Konfi-Arbeit und Anregungen zur Nutzung digitaler Medien gibt es im Blog der Projektstelle „Konfis und die Eine Welt“, s. QR-Code oder: https://junge-akademie-wittenberg.de/konfis-global.

Miriam Meir
Projektstelle „Konfis und die Eine Welt“
Evangelische Akademie Sachsen-Anhalt e. V.
Schlossplatz 1d | 06886 Lutherstadt Wittenberg
Tel.: 03491 4988-48
| www.ev-akademie-wittenberg.de
Blog zur Projektstelle: www.junge-akademie-wittenberg.de/konfis-global


1 Ein ausführlicher Bericht zur Veranstaltung befindet sich auf dem Blog zur Projektstelle „Konfis und die Eine Welt“: https://junge-akademie-wittenberg.de/bericht/mit-der-taufe-die-welt-digitaler-konfi-baustein [22.07.2020]

2 Vgl. Ernst & Young GmbH (EY) Wirtschaftsprüfungsgesellschaf und Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie GmbH (2020): „Zwischenbilanz COVID-19: Umweltpolitik und Digitalisierung“, https://www.bmu.de/fileadmin/Daten_BMU/Download_PDF/
Digitalisierung/zwischenbilanz_covid19_bf.pdf [22.07.2020].

3 Vgl. ebd.

4 Vgl. forsa – Gesellschaft für Sozialforschung und statistische Analysen mbH (2020): „DBU-Umweltmonitor. Nachhaltigkeit während der Corona-Krise“, https://www.dbu.de/2433publikation1587.html [22.07.2020].

5 Hochschulforum Digitalisierung (HFD) (2020): „Corona: Digitale Tools für Online-Veranstaltungen – Eine Toolsammlung“, https://hochschulforumdigitalisierung.de/de/Toolsammlung-Corona [22.07.2020].

6 Vgl. Schrüfer, Gabriele und Nina Brendel (2018): „Globales Lernen im digitalen Zeitalter“, in Globales Lernen im digitalen Zeitalter, hrsg. von Nina Brendel, Gabriele Schrüfer und Ingrid Schwarz, Münster/New York: Waxmann, S. 9–34.

7 Ebd., S. 19.

8 Nsenga, Shavu und Rose Kamande (2020): „Globales Lernen im virtuellen Raum. Theoretische Konzeption und Darstellung von Möglichkeiten für online-basiertes Globales Lernen“, hrsg. vom Eine Welt Netz NRW e. V., https://eine-welt-netz-nrw.de/fileadmin/ewn/data/Bildung/Bildung_trifft_Entwicklung/8_Serviceseite_fuer_Referent_innen/
Materialien/Handreichung_Globales_Lernen_im_virtuellen_Raum_BtE_NRW_2020.pdf [22.07.2020].

9 Nakate, Vanessa (2020): „Why Climate Activism? True Stories With Vanessa“, Podcast, online: https://anchor.fm/whyclimateactivism [22.07.2020].

10 „Niemanden zurücklassen“, Leitmotiv der Agenda 2030 der Vereinten Nationen und ihrer 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDGs), s. https://unric.org/de/17ziele/

Die Zeit, mutig voranzuschreiten, ist jetzt1

5 Jahre Laudato si’ – ein Jubiläum im Zeichen der Corona-Krise


Vor fünf Jahren veröffentlichte Papst Franziskus die Enzyklika Laudato si‘. Das Rundschreiben lehrt uns, wie wir gemeinsam die Schöpfung bewahren und eine gerechtere Welt aufbauen können. Laudato si‘ ist ein Weckruf, der nichts an Aktualität und Dringlichkeit eingebüßt hat – gerade in Zeiten von Corona. Das Virus deckt schonungslos all die Widersprüche, Schwächen und Verwundbarkeiten auf, die wir im privaten, kirchlichen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Alltag nicht wahrhaben wollen oder können. Am wichtigsten ist jetzt: Ein „weiter so“ wie vor der Krise darf es nicht geben. Papst Franziskus schreibt in Laudato si’: „Die Menschheit besitzt noch die Fähigkeit zusammenzuarbeiten, um unser gemeinsames Haus aufzubauen“ (LS 13). Die Zeit, mutig voranzuschreiten, ist jetzt (vgl. LS 245). Jetzt ist auch die Zeit für eine breite gesellschaftliche Debatte. Folgende Leitlinien und Handlungsimpulse bringen wir ein:2

Umdenken: sich an einem neuem Wohlstandsmodell orientieren

Papst Franziskus spricht sich in Laudato si‘ für einen umfassenden Kulturwandel (LS 114) aus, für eine grundlegende Änderung der heute vorherrschenden Art und Weise, wie produziert und konsumiert wird (LS 26). Wenn wir uns daran orientieren, bedürfen Wirtschaft und Gesellschaft statt der Rhetorik des „Wieder-Hochfahrens“ einer ernsthaften Neujustierung. Um die aktuellen sozialen, ökonomischen und ökologischen Krisen und Umbrüche zu meistern, reicht es nicht aus, auf das Gewohnte zu verweisen und Routinen zu vertrauen. In solchen Zeiten kommt es auf die Fähigkeit an, Pfadabhängigkeiten zu ändern, Unvorhersehbares geschehen zu lassen und Neues hervorzubringen. Biblische Traditionen, die das „Anfangen“, den Aufbruch in neues, unbekanntes Land (Abraham), den befreienden Exodus aus der Sklaverei und Unfreiheit sowie die Umkehr (metanoia) betonen, treiben uns dazu an, über den Status quo hinaus zu denken. Daraus ergeben sich weitere Fragen.

Was ist wichtig für ein gelingendes Leben?

Wir brauchen eine Diskussion darüber, was uns künftig wichtig ist: Wie wertvoll ist uns Gesundheit, welchen Preis sind wir dafür bereit zu bezahlen? Wie wichtig ist uns Zeit für die Familie, für den/die Partner*in, die Kinder, die älteren Menschen? Sauberes Wasser, reine Luft, eine intakte Natur um uns herum: Was ist uns das wert?

Umsteuern in Richtung Nachhaltigkeit: gegen umweltschädliche Staatshilfen und Subventionen

Wenn aus volkswirtschaftlichen Gründen Staatshilfen und Subventionen unumgänglich erscheinen, müssen sie an soziale, nachhaltige und umweltfreundliche Bedingungen geknüpft werden. Das geplante Konjunkturprogramm muss Anreize setzen für ein konsequentes Umsteuern in Richtung Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit. Man sollte die Staatshilfe an klar formulierte und überprüfbare Ziele knüpfen. Auch ist es wichtig, dass internationale Verantwortung übernommen wird. Deshalb ist komplementär zu Investitionsprogrammen ein ressourcenorientiertes Lieferkettengesetz zu verabschieden.

Kooperation und Vorsorge: global, regional, solidarisch

Die Corona-Pandemie ist ebenso eine globale Herausforderung wie die Klimakrise. Sie können nur durch globale Anstrengungen und Kooperationen gelöst werden. Wir sitzen alle in einem Boot. In einer global vernetzten Welt kann das Gemeinwohl nur global gedacht und gesichert werden. Zugleich brauchen wir in einigen essenziellen Bereichen mehr Regionalisierung, um z. B. fragile Lieferketten durch sichere zu ersetzen, etwa bei der Produktion von Arzneimitteln für die Grundversorgung in Deutschland bzw. Europa: weg von transportintensiver Just-in-time-Produktion hin zur Achtsamkeit für regionale Potenziale und Wertschöpfungsketten. Dieser Umbau der Produktionsstruktur darf aber nicht auf Kosten von Beschäftigten und armen Produzenten im globalen Süden gehen. Das Ziel muss mehr Solidarität sein: regional und global.

Resilienz erhöhen und gemeinwohlorientierte Daseinsvorsorge stärken

Es gilt in vielen Bereichen die Resilienz, also die Widerstandsfähigkeit und Anpassungsfähigkeit im Umgang mit Krisen, zu erhöhen. Dazu können Vorratsbildungen und Vorsorge, verkürzte Lieferketten, Notfallpläne, aber auch wirtschaftliche Vielfalt, ökologische Stabilität und gesellschaftlicher Zusammenhalt beitragen. Die Corona-Pandemie zeigt, dass es öffentliche oder zumindest öffentlich kontrollierte Einrichtungen braucht, um ein wirksames Krisenmanagement sicherzustellen. Die Daseinsvorsorge sowie das Gesundheits- und Pflegewesen dürfen daher nicht in erster Linie an den Regeln des Marktes und an Kriterien betriebswirtschaftlicher Rentabilität ausgerichtet werden. Gemeinwohl hat Vorrang vor Profit und Effizienz. Wir hoffen auf eine Renaissance öffentlicher bzw. gemeinwohlorientierter Güter und damit der öffentlichen Grundversorgung.3

Für mehr Achtsamkeit und ein faires Wirtschaften

In den Ländern des Südens mit ihren weitaus verletzlicheren Gesundheits- und Wirtschaftssystemen wird die Pandemie erhebliche Auswirkungen auch jenseits der Krankheit selbst haben. Ein erneuter Anstieg der globalen Armut und Erwerbslosigkeit kann nur begrenzt werden, wenn unsere Achtsamkeit und Solidarität auch den Menschen in der südlichen Hemisphäre gilt, wenn wir Schutz nicht mit wirtschaftlicher Abschottung verwechseln und wenn wir menschenrechtliche Sorgfaltspflichten in den globalen Lieferketten, ob bei Kaffee und Kakao, bei Textilien oder Rohstoffen, konsequent in unserem Wirtschaften verankern.

Für eine ökologische Landwirtschaft und Lebensmittelerzeugung

Die Krise hat nachdrücklich erlebbar gemacht, welchen Wert Lebensmittel haben, wie leicht Lieferketten reißen können, welche inhumanen Arbeitsbedingungen etwa in der Fleischwarenproduktion oder in der landwirtschaftlichen Gemüseproduktion ganz in unserer Nähe toleriert werden. Die Pandemie kann zur treibenden Kraft für Reformen in der Ernährung und in der Agrarpolitik werden. Ein „weiter so“ auf Kosten von Wanderarbeitern und Natur darf es nicht geben.

Für gerechte Löhne

Die Corona-Pandemie hat offengelegt, unter welchen Bedingungen Menschen in manchen Dienstleistungsbranchen und im Gesundheitswesen arbeiten müssen und zu welchem Lohn. Seit Jahren kämpfen der Diözesanrat und andere kirchliche Organisationen gegen prekäre Arbeitsverhältnisse und für eine gerechte Entlohnung.4

Für eine gemeinwohlorientierte Finanzwirtschaft und gegen ein ungerechtes Steuersystem

Die nationale und internationale Finanzwirtschaft sowie das Steuersystem sind so zu gestalten, dass sie dem Gemeinwohl aller dienen und nicht dem Profit weniger.

Ausblick: Sozial-ökologische Transformation wagen

Diese Punkte können nur die ersten Schritte einer umfassenden sozial-ökologischen Transformation sein. Eines hat uns die Corona-Pandemie jetzt schon gelehrt: Plötzlich geht ganz viel. Die Politik kann gestalten und in gesellschaftliche und ökonomische Entwicklungen eingreifen, sofern sie will und muss – und insofern entsprechend finanzielle Mittel bereitgestellt werden. Plötzlich wird auch die Wissenschaft ernst genommen.

Es liegt an uns, ob wir nach der Corona-Schockstarre wieder in die alten Verhaltens- und Wirtschaftsmuster zurückfallen oder die Chance zu einer ganzheitlichen Umkehr im Sinne von Laudato si’ ergreifen. Wenn uns das in Bayern, Deutschland, Europa und weltweit gelingt, dürfen wir feiern – ganz im Sinne der Enzyklika Laudato si‘. Je früher und konsequenter die anstehenden Herausforderungen für eine sozial-ökologische Transformation angegangen werden, desto besser.

Die Beteiligung an gesellschaftlichen Debatten ist für die Kirche notwendig, aber nicht hinreichend. Als Land- und Immobilienbesitzer sowie bedeutender Arbeitgeber kann sie als Akteur Vorbild im sozial-ökologischen Transformationsprozess auf allen Ebenen werden. Hier sollte die Erzdiözese München und Freising mit einer konsequenten und zukunftsorientierten Strategie mutig vorangehen.

Wir veröffentlichen die Stellungnahme kurz vor Pfingsten. An Pfingsten feiern wir ein Ereignis: Mit der Kraft der Heiligen Geistes befreien sich die verängstigen Apostel aus der Isolation und gehen in die Öffentlichkeit, ein Aufbruch, der sie selbst und die ganze Welt verändert. Die Welt braucht heute Impulse einer grundlegenden Veränderung nötiger denn je. In der Nachfolge Christi hoffen wir darauf und leben danach.

Für den Vorstand des Diözesanrats
Prof. Dr. Hans Tremmel
Vorsitzender des Diözesanrats der Katholiken

Für das Sachbereichsgremium Ökologie und Gobale Verantwortung
Dr. Josef Fuchs
Vorsitzender des SBG „Ökologie und Globale Verantwortung“

Ansprechpartner:
Dr. Josef Fuchs
Diözesanrat der Katholiken der Erzdiözese München und Freising
Schrammerstr. 3 | 80333 München
Tel.: 089 2137-1752 | Fax: 089 2137-2557
| www.dioezesanrat-muenchen.de


1 Die hier vorgestellte Stellungnahme wurde vom Sachbereichsgremium Ökologie und Globale Verantwortung in der Erzdiözese München und Freising erarbeitet. Der Vorstand des Diözesanrats der Katholiken der Erzdiözese München und Freising stimmte dem Text in seiner Sitzung am 25. Mai 2020 zu.

2 Wir haben in unserer Stellungnahme Gedanken und Formulierungen aus folgenden Papieren aufgegriffen: Zehn Thesen für eine nachhaltige Welt in der Zeit nach Corona, hrsg. v. Verein für Nachhaltigkeit (https://nachhaltigkeit-ev.de/10-thesen); Leitbild für eine sozial-ökologische Transformation: Aufbruch bedeutet, in eine lebenswerte Zukunft zu investieren, hrsg. v.  Die Transformateure: https://sofies-verkehrte-welt.de/2020/04/28/leitbild-fuer-eine-sozial-oekologische-transformation-aufbruch-bedeutet-in-eine-lebenswerte-zukunft-zu-investieren/

3 Vgl. ILS-Impulse 1/20: COVID-19 und die Zukunft der Städte: https://www.ils-forschung.de/files_publikationen/pdfs/ils-impulse_1-20_online_issn.pdf

4 Vgl. https://www.erzbistum-muenchen.de/dioezesanrat/themen-und-projekte/arbeit-wirtschaft-soziales/cont/63653

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Jörg Göpfert

Studienleiter, Arbeitsbereich Umwelt und Soziales
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