Diskurs

… und gleicht in gewisser Weise der Astrologie

Walter Benjamin: Über den Begriff der Geschichte
I.
Bekanntlich soll es einen Automaten gegeben haben, der so konstruiert gewesen sei, daß er jeden Zug eines Schachspielers mit einem Gegenzuge erwidert habe, der ihm den Gewinn der Partie sicherte. Eine Puppe in türkischer Tracht, eine Wasserpfeife im Munde, saß vor dem Brett, das auf einem geräumigen Tisch aufruhte. Durch ein System von Spiegeln wurde die Illusion erweckt, dieser Tisch sei von allen Seiten durchsichtig. In Wahrheit saß ein buckliger Zwerg darin, der ein Meister im Schachspiel war und die Hand der Puppe an Schnüren lenkte. Zu dieser Apparatur kann man sich ein Gegenstück in der Philosophie vorstellen. Gewinnen soll immer die Puppe, die man »historischen Materialismus« nennt. Sie kann es ohne weiteres mit jedem aufnehmen, wenn sie die Theologie in ihren Dienst nimmt, die heute bekanntlich klein und häßlich ist und sich ohnehin nicht darf blicken lassen.


Sicher ist das eine der ambivalentesten Beschreibungen & Bestimmungen der Theologie, die wir uns vorstellen können. Klein, hässlich und darf sich nicht blicken lassen – aber durch sie vermag es der historische Materialismus mit allen aufnehmen. Als Theologe weiß ich gar nicht, wie ich mich da fühlen soll. Als Philosoph dagegen würde ich im Blick auf die Bedeutung der Theologie unbedingt zustimmen.

Allerdings ist wie überall eine Begriffsbestimmung notwendig. Denn das ist das Geschäft der Philosophie: Das Klären von Begriffen.

Wird von Theologie gesprochen, dann nicht im Sinne einer faktischen Lehre von Gott – wie es die Wortzusammenstellung Theos und Logos allerdings in Analogie zu Biologie nahezulegen scheint.
Vielleicht wäre die Analogie zur Astrologie eine bessere, da in dieser eine Deutung dessen versucht wird, was die Astronomie beschreibt. Denn wie die Astronomie die Regeln der Bewegungen der Himmelskörper festzustellen und zu beschreiben versucht, fragt die Astrologie nach der Bedeutung dieser Geregeltheit und der Konstellationen für das Leben. Und dies in dem Wissen, dass sich aus Fakten nichts anderes ergibt als faktisches. Faktisches aber ist ohne Bedeutung in einem ästhetischen oder ethischen Sinn.

Wenn ich aber Theologie mit Astrologie (interessanterweise heißt es auch Biologie/ Geologie/ …) vergleiche, erkläre ich sie damit nicht für Hokuspokus und puren Unsinn? Nun, für den historischen Materialisten, den Benjamin im Blick hat, ist sie – die Theologie – die Notwendigkeit, um zu gewinnen. Allerdings ist der benjaminsche historische Materialist keie stumpfer Materialistin oder Atheistin (was ja auch nur eine nichtfaktische Weltüberzeugung wie die desr Theistin ist). Benjamins historischer Materialist ist eher einer, der das historische Material anordnet, das er ohne Ansehen sammelt – gerade, weil es ohne Ansehen eines historischen Urteils zur Darstellung gebracht wird und in der Darstellung im Chock (Benjamin) zum Stillstand und damit zu seiner Sichtbarkeit und Wirkung und Einholung kommen kann. Es kommt über das Faktische hinaus zu seiner Bedeutung.

Theologie sagt also nicht, wie es ist oder gar, wie Gott ist. Wie die Astrologie aus der Bewegung der Himmelskörper eine Bedeutung für das Leben der Einzelnen wie der Gemeinschaft/ Gesellschaft extrahiert, behauptet die Theologie eine Bedeutung des faktisch Gewesenen und des Geschehenden für die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Menschen angesichts Gottes, von dem sie allerdings strenggenommen nichts weiß. Weshalb sie auch vom Glauben handelt, der nichts mit einem Fürwahr-Halten zu tun hat, sondern im strengen Wortsinne mit Vertrauen (πίστις meint das vertrauensvolle Einlassen auf).

In diesem Horizont deutet sie das Faktische – die Bewegung der Himmels- und Erdenkörper – und das Vergangene und Gegenwärtige, und sie entwirft das Leben in eine erhoffte oder gefürchtete Zukunft, die aus dem Tun und Lassen der Einzelnen wie der Gemeinschaft/ Gesellschaft erwächst. Da Theologie als Sprachspiel immer in einer Gemeinschaft entsteht und im Bewusstsein lebt, dass mit dem Faktischen noch nichts gegeben ist, was wirklich wichtig wäre (wie Wittgenstein es formuliert), hat sie immer eine über sich selbst hinausweisende Relevanz für das Leben der Einzelnen in der Gemeinschaft/ Gesellschaft. Und mag sie noch so klein und hässlich sein – ohne sie ist nichts zu gewinnen. Allerdings nur, wenn sie nicht dogmatisch wird. Denn dann kann sie nicht gewinnen.

Paul F. Martin

Studienleitung Theologie/ Gesellschaft/ Kultur
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