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Programminhalte

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Moral im Alltag. Praktisch-philosophische Gespräche

C. Passin / D. Höck
Worauf begründen wir moralisches Handeln? Brauchen wir Moral überhaupt? Über solche und andere Fragen kann man theoretisieren. Fragen der Moral und Ethik können wir uns aber auch anhand eigener Erfahrungen im Alltag nähern, indem wir diese genauer anschauen und klären. Letzteres werden wir tun – im Gespräch miteinander. Damit dies gelingt, denken und reden wir in kleinen Gruppen von zehn bis zwölf Teilnehmern nach erprobten Regeln für (neo-)sokratische Gespräche. Jede Gruppe legt ihr Thema fest und wird angeleitet, ihre Alltagserfahrungen in der Gesprächsrunde zu diesem Thema zu reflektieren und das Moralische in ihnen zu bestimmen.
Wir verstehen das Gespräch als eine Form des respektvollen aufmerksamen Miteinander selbst als moralischen Vorgang. Wir orientieren uns an Geist und Regeln für (neo-)sokratische Gespräche. Diese beruhen auf dem Vertrauen, dass die Gesprächsteilnehmenden das Thema kraft eigener Vernunft, ohne äußere Autoritäten, erschließen und ihre Fragen durch eine geregelte Form des Nachdenken gemeinsam beantworten können. Dabei wird auf einen Konsens gezielt. Aussagen haben alles Recht, gehört zu werden und müssen begründet werden, ehe sie in der Gesprächsrunde Anerkennung finden. Diese Gespräche dienen neben der Klärung der Frage nach der Moral im Alltag vor allem der Einübung in Denken und Gesprächskultur.

Psychologie, Moral, Ethik. Vom Hilfsverhalten zur moralischen Identität

K. Witt / R. Hepach
Menschen besitzen einen ausgeprägten Sinn für Moral. Bereits im Kleinkindalter sind Menschen äußerst hilfsbereit, aber sie sind noch nicht moralisch. Erst im Laufe ihrer Entwicklung wird die frühkindliche Empathie ergänzt und erweitert durch einen Gerechtigkeitssinn und durch die Frage nach ‘richtigem’ und ‘falschem’ Handeln. Der Weg zur moralischen Persönlichkeit und das Herausbilden einer moralischen Identität zählen zu den zentralen Herausforderungen im Leben eines jeden Menschen.

In diesem Workshop nähern wir uns systematisch der Frage nach den Ursprüngen der moralischen Identität. Nach einer einführenden Auseinandersetzung mit dem Begriff der Moral werden wir neuere empirische Befunde aus der Kleinkindforschung auswerten und die frühkindliche Prosozialität mit der unserer nächsten Artverwandten, den Schimpansen, vergleichen. Dazu liefern wir anschauliche Video-Beispiele. Aufbauend auf den Grundlagen des Moralbegriffs werden wir dann in gemeinsamer Gruppenarbeit die Frage erörtern, ob das soziale Verhalten von Schimpansen und Kleinkindern überhaupt als moralisch bezeichnet werden kann.

Darauf aufbauend näheren wir uns schrittweise dem komplexen Begriff der moralischen Identität. Wir beginnen mit einigen hochinteressanten Experimenten zu moralischem Verhalten, die wir mit den Workshop-Teilnehmer*innen durchführen und diskutieren wollen. Anschließend wird der schwierige Begriff der Identität erläutert und seine unterschiedlichen Bedeutungen so unterschieden, dass die im letzten Workshop-Block angestrebte Diskussion des Zusammenhanges von Identität und Moral aufgeklärt und zielführend verlaufen kann.

Das Ziel des Seminars ist es, in Gruppendiskussionen und anhand kurzer Vorträge, verschiedene Bereiche der Moralpsychologie und Moralphilosophie zusammenzuführen. Auf der Suche nach den Ursprüngen der moralischen Identität können die Teilnehmer*innen selbst an nachgestellten Studien aus der Entwicklungspsychologie und experimentellen Philosophie teilnehmen. Wir erhoffen uns durch aktive Teilnahme aller Beteiligten, was die Bereitschaft zur vorbereitenden Lektüre ausdrücklich einschließt, einen interaktiven, fruchtbaren Workshop.

Religionen, Kulturen und Moral. Über die Relativität der Werte und den Missbrauch von Religionen

G. Schlee / M. Blume
Im Gegensatz zur weit verbreiteten Auffassung, dass sogenannte Religionskriege ihren Grund in unvereinbaren religiösen Auffassungen haben, zeigt die Konfliktanalyse, dass Religion zwar oft zur Legitimierung von Gewalt eine Rolle spielt, als Konfliktursache aber von geringer Bedeutung ist. Immer wieder stößt man auf das Phänomen, dass religiöse Exklusion und religiös begründete Gewalt gegen andere so gut wie keine Kenntnis der eigenen Religion voraussetzt. Als Beispiele sollen das Jugoslawien der 90er Jahre und Äthiopien zur Zeit des Militärregimes (1974 - 1991), das post-christlich und materialistisch war und trotz seiner Irreligiosität gegen Nicht-Christen diskriminierte, angeführt werden. Auch die Beobachtung der derzeitigen jihadistischen Terrorszene führt zu ähnlichen Ergebnissen. Viele der in diesem Rahmen radikalisierten Jugendlichen hätten ebenso gut im 'nationalsozialistischen Untergrund' landen können. Bei vielen bedarf die Ausübung von Gewalt nur einer mehr oder weniger beliebigen Rechtfertigung, da die Gewaltausübung als solche nicht Mittel, sondern Ziel ist. Das Problem ist oft nicht die Religion, sondern deren Unkenntnis, und Religionskriege oder religiöse Diskriminierung ohne Religion sind weit verbreitete Phänomene.
 
Zudem zeigen Forschungen der Sozial-, Evolutions- und auch Neurowissenschaften immer deutlicher auf, dass Religiosität und Religionen im Gefüge menschlicher Kultur(en) nicht einfach „weggeschnitten“ werden können, sondern wichtige, teilweise nicht ersetzbare Funktionen erfüllen. So wird es möglich, Konfliktpotentiale und Gefahren ebenso zu identifizieren wie die vielfältigen positiven Wirkungen in den Blick zu nehmen, die religiöse Traditionen und Gemeinschaften im Leben von Menschen erfüllten und erfüllen.

Macht Google auch selig? Über die Herrschaft der Internetkonzerne und die Entfaltung gesellschaftlicher Gegenmacht

D. Helbing / T. Hagendorff
Allwissenheit, Allmächtigkeit, Allgegenwart – diesen göttlichen Eigenschaften scheinen sich auch große Internetkonzerne immer weiter anzunähern. Die Alphabet Holding, unter der die verschiedenen Google-Unternehmen und Projekte vereint sind, deckt immer breitere Lebensbereiche ab. Durch das Google Books-Projekt werden große Teile des kulturellen Wissens der Welt vereinnahmt. Wissen über die persönliche Lebenswelt von Milliarden von Nutzerinnen und Nutzern wird unter anderem über die Google-Suche gewonnen. Gleichzeitig entwickeln Google sowie weitere Partnerfirmen Systeme mit künstlicher Intelligenz, welche der des Menschen in mancher Hinsicht um Längen überlegen sind. Erst kürzlich besiegte AlphaGo, ein Programm von Google DeepMind, einen der weltbesten Go-Spieler in fünf aufsehenerregenden Matches. Darüber hinaus dringen informationstechnische Systeme aller Art, welche in vielen Fällen durch Google entwickelt und vertrieben werden, immer tiefer in die persönliche Lebens- und Körperwelt unzähliger Menschen ein. Beispiele dafür sind etwa Wearables, Datenbrillen, Sprachassistenten, intelligente Kontaktlinsen oder in die Blutbahn gegebene Nanopartikel, welche körperbezogene Informationen sammeln. Im Endeffekt werden digitale Technologien scheinbar allwissend, allmächtig und allgegenwärtig. Zugleich arbeitet Google in seinem Forschungs- und Entwicklungsunternehmen Calico daran, das menschliche Leben zu verlängern sowie Alterungsprozess und Tod möglichst abzuschaffen.

Mit ihrer Fülle an Dienstleistungen, an Informationen und Vernetzungen, ihrer Reichweite unter den Menschen und ihren Versprechungen von Erleichterungen in grundlegenden Lebenssituationen greifen Internetunternehmen immer weitreichender in den Geltungsbereich fundamentaler gesellschaftlicher Institutionen ein. Dies betrifft nicht nur den politischen und wirtschaftlichen Bereich, sondern auch den der Religionen. Internetunternehmen wie Google bieten Antworten in allen Lebenslagen, sie prägen Wertvorstellungen und sie bieten Menschen ein Gefühl der Zugehörigkeit und Geborgenheit. Damit sind auch die Kirchen und anderen religiösen Institutionen herausgefordert, sich zur digitalen Technologie und deren Innovationsanspruch zu positionieren.

In dem Seminar soll zum einen reflektiert werden, welche möglichen gesellschaftlichen Gefahren aus der Techniknutzung resultieren (können) und welche konkreten und vielfältigen Auswirkungen digitale Medien und Algorithmen auf die persönliche Lebenswelt sowie soziale Institutionen im Allgemeinen bereits jetzt besitzen. Zum anderen soll diskutiert werden, welche alternativen Nutzungsmöglichkeiten digitaler Technologien es gibt, um diesen Auswirkungen zu begegnen. Daraus können Denkanstöße für eine Positionierung religiöser Institutionen resultieren.

Exkursion in das Neuroscience Research Center, Charité Universitätsmedizin Berlin

M. Larkum
Um in einer komplexen Umwelt gezielt agieren zu können, müssen Lebewesen dazu in der Lage sein, ihre einzelnen äußeren und inneren Wahrnehmungen zu Vorstellungen von sich und der Welt zu verknüpfen. Diese Fähigkeit, sich ein Bild der gegenwärtigen äußeren Welt zu machen und mit einer inneren Erwartung eines zukünftigen Zustands abzugleichen, ist eine der physiologischen Voraussetzungen für moralisches Handeln. Das Organ, das diese Verknüpfung bei Wirbeltieren leistet, ist das Gehirn, wobei hier der Cortex, d.h. die Großhirnrinde, eine zentrale Rolle spielt. Im neurowissenschaftlichen Labor von Prof. Matthew Larkum wird erforscht, wie in dieser weitgehend homogenen, undifferenzierten Struktur Feed-Forward- und Feed-Back-Signale von speziellen Neuronen aufgenommen und zu verhaltensrelevanten Vorstellungen verarbeitet werden.

Prof. Larkum wird mit einem Vortrag die Forschungsarbeiten seines Labors zu den zellulären Mechanismen kortikaler Assoziationen vorstellen und es den Teilnehmern der Exkursion ermöglichen, Einblicke in die praktische Laborarbeit zu gewinnen. Dabei wird er nicht nur auf die wissenschaftlichen Theorien eingehen, die ihr zugrunde liegen, sondern auch auf die moralischen Rahmenbedingungen, in die sie eingebunden sind: Um die Funktion des Cortex zu verstehen, ist es z.B. notwendig, Tiere zu töten, um frische, aktive Gewebeproben für Untersuchungen zu gewinnen. So lässt sich hier die Frage stellen, inwieweit es gerechtfertigt ist, Tiere in der Forschung einzusetzen, um zu einem Verständnis von Wahrnehmungsprozessen zu gelangen.

Satanische Konstellationen. Zur Logik des Bösen und seinen Masken

K. Berner
Das „Böse“ hat viele Gesichter; es lässt uns erschauern und fasziniert zugleich. Vielfältig sind die Deutungsversuche und erforderlich ist eine klare Definition. Was ist das Böse? Einerseits wird es häufig als der Inbegriff des moralisch Falschen interpretiert und andererseits als eine zerstörerische Kraft, die sich oft im Mantel der Moral präsentiert. Und was ist die Quelle des Bösen? Ist es eine persönliche Charaktereigenschaft oder Psychopathologie, die da zutage tritt – oder ist das Böse umgekehrt Ausdruck von Charakterlosigkeit? Während die Einen das Böse im Menschen, in der Gesellschaft oder beider Wechselwirkung verorten, sehen die Anderen in ihm eine „Grundkraft“, die das Weltgeschehen beeinflusst und z.B. personifiziert wirksam wird. Im Rahmen eines Vortrags mit anschließendem Gespräch wollen wir uns gemeinsam dem Phänomen des Bösen, seinem Wesen und seinen Erscheinungsformen im menschlichen Sein und Handeln annähern.

Wissen oder fühlen wir, was gut ist? Zur Rolle der Emotionen in der Moral

E. Weber-Guskar
Scham, Schuld, Empörung, Dankbarkeit und Achtung … Jeder kennt solche Gefühle, die nur vor dem Hintergrund verinnerlichter Werte zu begreifen sind. Aber wie genau verhalten sich Gefühle und Moral zueinander? Sind Gefühle ein Ausdruck von moralischen Urteilen oder – umgekehrt – für diese konstitutiv? Welche rationalen und emotionalen Anteile hat Moral? Mit solchen Fragen wollen wir uns im Rahmen eines Vortrags mit anschließendem Gespräch beschäftigen. In die Suche nach Antworten sollen auch Erkenntnisse über die Moralentstehung in der Menschheitsgeschichte einbezogen werden.